Theoretisches Potenzial Späteres Rentenalter könnte jährlich Milliarden in die Sozialkassen spülen

Zu den Empfehlungen der Rentenkommission gehört, das Renteneintrittsalter stufenweise anzuheben. Ökonomen haben das gewaltige wirtschaftliche Potenzial dieses Vorschlags berechnet. Allerdings müssten weitere Voraussetzungen erfüllt sein, damit die Reform wirken kann.
Ein späterer Renteneintritt könnte Deutschlands Wirtschaftsleistung deutlich erhöhen. Das geht aus einer Analyse hervor, aus der die Funke Mediengruppe zitiert. Nach den Berechnungen von Ökonomen des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) könnte das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 106 Milliarden Euro steigen, wenn die gesetzlich versicherten Beschäftigten erst mit 70 Jahren in Rente gingen.
In ihrer Analyse haben die VFA-Volkswirte das theoretische Potenzial einer Anhebung der Regelaltersgrenze auf 70 Jahre berechnet. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, müssten ältere Menschen allerdings auch gesundheitlich in der Lage sein, entsprechend länger zu arbeiten. Verfasst wurde die Analyse von VFA-Chefvolkswirt Claus Michelsen und der Arbeitsmarktökonomin Vanessa Bammert.
Am vergangenen Dienstag hatte die Rentenkommission der schwarz-roten Bundesregierung ihre Empfehlungen vorgelegt. Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas betonten, sie wollten die Vorschläge in Gänze umsetzen. Zu den Vorschlägen der Experten gehört, das Renteneintrittsalter künftig an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Nach den derzeitigen Annahmen würde die Regelaltersgrenze dadurch um rund sechs Monate pro Jahrzehnt steigen. Die Kommission betonte aber auch die Bedeutung von gesundheitlicher Prävention und Rehabilitation, damit Menschen tatsächlich länger arbeiten können.
Für ihre Modellrechnung gehen Michelsen und Bammert davon aus, dass die Regelaltersgrenze langfristig 70 Jahre beträgt und ältere Beschäftigte auch entsprechend länger erwerbstätig bleiben können. Damit könnten rund 1,6 Millionen Menschen im Alter zwischen 66 und 69 Jahren zusätzlich arbeiten. Das entspräche knapp 800.000 Vollzeitstellen. Unter der Annahme einer durchschnittlichen Produktivität würde die zusätzliche Arbeitsleistung das Bruttoinlandsprodukt rechnerisch um 2,4 Prozent beziehungsweise 106 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen.
Für Staat und Sozialversicherungen ergeben sich aus diesem Szenario mögliche Mehreinnahmen von mehr als 40 Milliarden Euro, darunter knapp 30 Milliarden Euro an zusätzlichen Sozialbeiträgen. Die Autoren weisen zugleich darauf hin, dass es sich dabei um das maximal erreichbare Potenzial einer solchen Reform handelt. Diskutiert werde derzeit lediglich eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters.
Entscheidend dafür, ob Menschen länger arbeiten könnten, und darüber, ob sie dies überhaupt wollten, sei ihr Gesundheitszustand, schreiben Michelsen und Bammert. Nach ihren Berechnungen könnte das Bruttoinlandsprodukt um weitere 0,2 Prozent oder rund zehn Milliarden Euro pro Jahr steigen, wenn sich der gute Gesundheitszustand der 55- bis 65-Jährigen im Durchschnitt um vier Jahre länger erhalten ließe. Die Autoren verweisen zudem auf den Nutzen einer besseren Versorgung chronisch Kranker sowie höherer Impfquoten, um krankheitsbedingte Fehlzeiten zu verringern.