Wirtschaft

"Das kostet viel Zeit und Geld" Spaniens Unternehmer lehnen Stechuhr ab

RTR4W8FZ.jpg

Wenn kleine Betriebe wegen des Arbeitszeiterfassungsgesetzes schließen müssten, weil sie von den steigenden Kosten erdrückt werden, könnte die Arbeitslosenzahl in Spanien wieder in die Höhe gehen.

(Foto: REUTERS)

31 Zeilen und 6 Spalten hat die spanische Arbeitszeiterfassung, die bald für die ganze EU gelten soll. Für kleine Firmen könnte der Aufwand existenzbedrohend werden, fürchten Unternehmer. Ein deutscher Wirt glaubt noch nicht so recht, dass es ausgerechnet in Spanien so weit kommt.

Der Bauunternehmer Alfonso Fernandéz sitzt in seinem VW Golf mit 150 PS und fährt mit der Abendsonne im Rücken gemütlich die Küstenstraße entlang, die vom spanischen Marbella in Richtung Málaga führt. Er spricht langsam und deutlich, weil sonst die Freisprechanlage seine Worte verschluckt. "Ineffizient ist das richtige Wort für dieses Gesetz", sagt er. Fernandéz verkneift es sich, ein anderes Adjektiv zu benutzen, das ihm eigentlich auf der Zunge brennt. Eines, das seinen Ärger über die Einführung des seit Sonntag geltenden Dekrets zur Arbeitszeiterfassung deutlicher zum Ausdruck bringen würde.

Der 33-Jährige beschäftigt 15 Mitarbeiter. Die Bestimmungen in der Baubranche sind in Spanien ohnehin sehr streng. 40 Arbeitsstunden pro Woche sind schon lange das Maximum für die Angestellten. Und bislang fanden Fernandéz und seine Leute immer einen Weg, mögliche Mehrarbeit angemessen auszugleichen. Einfach, unbürokratisch, vertrauensvoll. Seit Sonntag ist alles viel komplizierter. "Wir müssen jetzt jede Stunde exakt dokumentieren und gegenzeichnen lassen. Das kostet uns viel Zeit und Geld", sagt er.

Nachdem die sozialistische Minderheitsregierung vor rund zwei Monaten das Dekret mit Gesetzeskraft erlassen hatte, benötigt Fernandéz künftig mindestens einen Angestellten, um unterschriebene Belege über Arbeitszeiten von den Mitarbeitern einzutreiben. Dieser Aufwand sorgt für den eigentlichen Schaden, weil er Kapazitäten bindet, die bislang anderswo benötigt wurden.

Geldstrafen können das Aus bedeuten

Aber es gibt keine Alternative. Bei Lücken in der Dokumentation drohen Strafen zwischen 600 und 6000 Euro. Für kleine Firmen kann das schlimmstenfalls schon das Aus bedeuten, wenn ihre Liquidität bedroht ist. Doch die Unternehmer vermissen immer noch klare Richtlinien seitens der Behörden. "Es gibt bislang überhaupt keine Vorgaben, wann welches Strafmaß greift. Das ist eine reine Interpretationssache der Beamten. Und wer ist auf der Baustelle überhaupt verantwortlich für die Dokumentation? Ich, meistens gar nicht da, oder der Arbeiter selbst"?, sagt Fernandéz. Nicht einmal sein Steuerberater kennt mehr Details. "Wir alle wissen nur, was in der Zeitung steht."

Doch bei aller Kritik: Mit dem Dekret ist Spanien in dieser Woche seiner Zeit ein Stück voraus. Nachdem es am Sonntag in Kraft getreten war, verpflichtete zwei Tage später der Europäische Gerichtshof in Luxemburg die Arbeitgeber aller EU-Mitgliedsstaaten dazu, die Arbeitszeiten von Angestellten minutiös zu erfassen. In Spanien erhoffen sich Gewerkschaften davon einen faireren Umgang mit einfachen Angestellten. Umfragen zufolge summierte sich die Zahl der wöchentlich unbezahlten Überstunden  im Land zuletzt auf rund 2,6 Millionen.

Andererseits geht es dem Staat um die Eintreibung hinterzogener Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Wer einen Teilzeitvertrag hat, in Wahrheit aber doppelt so viel arbeitet und für die Mehrarbeit schwarz bezahlt wird, der spült dem Staat weniger Einnahmen in die Kasse. Betroffen von diesen Praktiken sind weniger die Angestellten in großen Betrieben als vielmehr jene in kleinen Geschäften, Bars und Restaurants in Spanien. "Vielleicht ergibt dieses Gesetz in der Gastronomie mehr Sinn als bei uns im Bau", sagt Unternehmer Fernandéz.

"Das macht die Sache hier jetzt nicht einfacher"

Ein deutscher Gastwirt aus dem Rheinland sitzt am Vormittag des gleichen Tages bei strahlendem Maiwetter auf der Terrasse seiner Bar in einem der vielen Touristenorte irgendwo an der Costa del Sol. Die Temperaturen an diesem Frühlingstag gingen in Deutschland vielerorts schon als Hochsommer durch. Auf seinem Laptop hat er das Dokument hochgeladen, das ihm sein Steuerberater neulich zugeschickt hat. "Listado Resumen mensual del registro de jornada (detalle horario)" steht in Fettschrift darauf und meint die monatliche Zusammenfassung der täglichen Arbeitszeiten, detailliert nach Stunden. Dann folgt eine Tabelle mit 31 Zeilen und jeweils 6 Spalten. Für jeden Tag des Monats eine Zeile.

"Das macht die Sache hier jetzt nicht einfacher für mich", sagt der Mann, der anonym bleiben möchte und an einer Plastikflasche Mineralwasser nippt. Wenn es um arbeitsrechtliche Angelegenheiten geht, ducken sich Kleinunternehmer in Spanien gerne ab, weil sie fürchten, dass ihnen das staatliche Korsett jede Flexibilität raubt, die sie dringend benötigen, um ihre Geschäfte am Leben zu halten. Dabei bilden die kleinen Firmen das Rückgrat der spanischen Wirtschaft.

Seit der Finanzkrise 2008 haben viele Unternehmer mit guten Ideen und manchmal mit dem Mut der Verzweifelten neue Arbeitsplätze geschaffen für viele derer, die nach dem Totalversagen der Banken ohne Perspektive dastanden, weil Tausende Firmen pleitegingen und mit ihnen Millionen von Jobs den Bach hinunter. Wenn viele dieser Betriebe schließen müssten, weil sie von den steigenden Kosten erdrückt würden, könnte die Arbeitslosenzahl wieder drastisch in die Höhe schnellen. Sie liegt ohnehin noch immer deutlich über dem EU-Durchschnitt.

Eine harte Probe für Chef und Angestellte

Spanien ist jetzt so etwas wie das europäische Versuchslabor für ein Gesetz, das bald die gesamte EU umsetzen muss. Die Konsequenzen des Luxemburger Urteils dürften vielschichtig sein. Die Vertrauensbasis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern könnte in vielen Fällen auf eine harte Probe gestellt werden, wenn Produktivität und Arbeitszeiterfassung nicht mehr im Einklang stehen, nachdem sie jahrelang zuvor zu aller Zufriedenheit aufgegangen war. In Deutschland könnten viele Beschäftigte, die zwangsweise einem Zweitjob nachgehen, in finanzielle Schwierigkeiten geraten, wenn sie die maximal zulässige Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche überschreiten. Und am Ende bleibt die Frage, ob stille Abmachungen zwischen Chef und Angestelltem durch ein solche Gesetzgebung unterbunden werden können, wenn beide überzeugt sind, dass ein flexible Handhabe von Arbeitszeiten und Verträgen die beste Lösung ist.

Der deutsche Wirt genehmigt sich inzwischen eine Schale Nachos samt mexikanischer Salsa als kleinen Mittagssnack. "Mir wird jetzt sogar die Möglichkeit genommen, meine Leute so einzusetzen, wie ich sie eigentlich benötige", sagt er. Zum Beispiel müssen Arbeitnehmer dem Gesetz nach schon lange zwei Tage am Stück frei bekommen, ehe sie wieder zum Dienst erscheinen. Doch besonders in der Gastronomie kommt es vor, dass Tage mit weniger Betrieb nicht zwingend hintereinander folgen. Bislang war es kein Problem, das Gesetz zu umfahren und Mitarbeiter nach Bedarf einzusetzen. Mit der Arbeitszeiterfassung begeben sich die Gastwirte fortan auf dünnes Eis.

Die Laune lässt sich der Barbesitzer allerdings nicht verderben. "So wie ich das Land kennen gelernt habe, wird sich wahrscheinlich kein Mensch darum kümmern, was in irgendwelchen Gesetzen steht. Bevor das akut wird, vergeht noch eine Menge Zeit."

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema