Wirtschaft

Was dafür spricht, was dagegen Steuert Deutschland auf eine Rezession zu?

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Zuletzt senkt die deutsche Industrie ihre Wachstumsprognose deutlich.

(Foto: dpa)

Der deutschen Wirtschaft wird in diesem Jahr immer weniger zugetraut. Der Reihe nach kappen Forscher, Regierung und Wirtschaftsverbände ihre Wachstumsprognosen. Ende 2018 entkam Deutschland nur knapp einer Rezession - gelingt das in diesem Jahr nicht mehr?

Die Hiobsbotschaften für die deutsche Wirtschaft mehren sich. Der Reihe nach korrigieren Forscher, Regierung und Wirtschaftsverbände ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr nach unten. Zuletzt greift der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zum Rotstift: Statt 1,5 Prozent soll die deutsche Wirtschaftsleistung 2019 nur noch um 1,2 Prozent steigen.

Das Essener RWI-Institut senkte seine Konjunkturprognose ebenfalls und rechnet für dieses Jahr nur noch mit 0,9 Prozent Wachstum. Die Bundesregierung hatte zu Jahresbeginn ihre Prognose genauso auf ein Prozent gekappt, wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die nur noch ein Mini-Wachstum von 0,7 Prozent erwartet – halb so viel wie im vergangenen Jahr. Aber es geht noch tiefer: Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) hat seine Prognose vergangene Woche sogar auf nur ein halbes Prozent Wachstum geschrumpft.

Lange Zeit strotzte die deutsche Wirtschaft nur so vor Kraft, nun scheint sie von einem Schwächeanfall heimgesucht. Das sagen nicht nur Prognosen, das zeigen auch die Fakten: Zu Jahresbeginn gingen Produktion und Aufträge in den Keller und die Exporte stagnierten.

Im vergangenen Jahr ist die deutsche Wirtschaft nur knapp einer Rezession entkommen. Doch ist diese Gefahr jetzt wieder akuter? Was für und gegen eine Talfahrt der deutschen Konjunktur und - in deren Schlepptau - auch der Wirtschaft der Eurozone spricht:

PRO

  • Ökonom Tilmann Galler von JP Morgan Asset Management schließt einen "Flirt mit der Rezession" in der Eurozone nicht aus. Er verweist darauf, dass sich mit Italien und Deutschland bereits knapp 45 Prozent der Wirtschaftsleistung des Währungsraums "in oder nahe einer Rezession" befinden. Um eine positive Trendwende einzuläuten, sei es entscheidend, einen harten Brexit zu vermeiden, den Handelsstreit zu entschärfen sowie die chinesische Wirtschaft anzukurbeln. Mindestens zwei von drei dieser Schlüsselereignisse müssten positive Resultate erbringen, damit eine Rezession abgewendet werde.
  • Doch gerade das Szenario eines harten Brexit ist laut Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding brandgefährlich: "In der derzeit ohnehin sehr wackligen Lage könnte die große Unsicherheit, die von einem derartigen Scheidungschaos ausgehen würde, nicht nur die Briten sondern möglicherweise auch die EU-Staaten zunächst in eine Rezession stürzen."
  • Auch der Industrieverband BDI ist alarmiert. "Die Konjunktur verliert weiter an Schwung", sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. "Verwerfungen im Außenhandel mit dem Vereinigten Königreich oder den Vereinigten Staaten könnten uns gefährlich nahe an die Nulllinie bringen."

CONTRA

  • "Wenn wir am Ende an einer Rezession vorbeischrammen, dann deshalb, weil wir eine Stabilisierung der chinesischen Wirtschaft erwarten", prognostiziert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Er verweist darauf, dass sich das Wachstum der deutschen Exporte ins Reich der Mitte 2018 deutlich abgeschwächt hat, und damit ein wichtiger Impuls für die hiesige Wirtschaft wegfiel. China ist nach den USA und Frankreich drittgrößter Abnehmer deutscher Waren. Vom Frühjahr an dürften die deutschen Ausfuhren in die Volksrepublik Krämers Prognose zufolge wieder "langsam an Dynamik gewinnen".
  • Ökonom Roland Döhrn und sein Forscherteam vom Essener Institut RWI gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaftsleistung in den ersten Monaten des Jahres wieder zulegen wird. Einerseits habe sich die Autobranche nach den Startproblemen bei der Einführung des neuen Verbrauchs- und Abgastests WLTP im Herbst wieder etwas berappelt. Andererseits werde die Produktion in der Chemie-Industrie nicht mehr durch fehlende Transportkapazitäten wegen Niedrigwassers behindert.
  • Ein Beleg für die zuletzt intakte Nachfrage im Inland ist das gute Geschäft der Handwerksbetriebe. "Von den ersten dunkleren Wolken am allgemeinen Konjunkturhimmel zeigt sich das Handwerk nach wie vor wenig beeindruckt", sagt der Generalsekretär des Dachverbands ZDH, Holger Schwannecke. Die Branche müsse zwar als Folge der gesamten Konjunkturabkühlung damit rechnen, dass "im weiteren Jahresverlauf die Dynamik etwas nachlässt - aber alles immer noch auf einem wirklich guten und hohen Niveau".

Die vom gewerkschaftsnahen IMK-Institut berechnete Konjunkturampel ist im Februar auf gelb-rot von grün-gelb gesprungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland in den nächsten drei Monaten eine Rezession erlebt, hat sich demnach auf 34 Prozent erhöht.

Das IMK spricht von einer typischen Konstellation für die Endphase eines Konjunkturzyklus, bei der sich eine von den Finanzmärkten ausgehende Unsicherheit selbstverstärkend auf die Stimmung in der Wirtschaft überträgt. Das Fazit der Forscher: "Ob eine solche Abwärtsspirale bereits begonnen hat, ist gegenwärtig wegen der hohen Unsicherheit noch nicht eindeutig zu konstatieren."

Quelle: n-tv.de, kst/rts

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