Wirtschaft

Unsinnige Häme für EnergiewendeTrump sagt etwas Richtiges und liegt trotzdem falsch

22.01.2026, 15:24 Uhr DSC8670-Edit-3-7Von Christian Herrmann
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US-Präsident Donald Trump findet Fracking-Anlagen, Gaskraftwerke und Kohlegruben optisch ansprechender als "Windmühlen". (Foto: picture alliance / Xinhua News Agency)

Die Energiewende sei der europäische Untergang. An dieser Lesart lässt Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos keinen Zweifel aufkommen. Mit seiner Fundamentalkritik belegt US-Präsident Trump jedoch etwas anderes: Er versteht das System nicht.

Europa ist hässlich. Und dumm. Speziell Deutschland. So lässt sich die Rede von US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos zusammenfassen. Der Auslöser? Die Energiewende, im Weißen Haus besser bekannt als "Green New Scam": der grüne Betrug.

Europa entwickele sich "nicht in die richtige Richtung", sagte Trump in Davos. Der alte Kontinent sei nicht wiederzuerkennen. "Es gibt überall Windmühlen." Die verschandeln ihm zufolge nicht nur den Ausblick, sondern sind zudem ökonomische "Loser". Mit jeder Umdrehung verliert man 2000 US-Dollar, ist der US-Präsident überzeugt. Und offenbar auch Strom: Jedes europäische Land, das dem "Green New Scam" gefolgt sei, habe einen "katastrophalen Zusammenbruch" der Energieversorgung erlitten.

Als Beleg dient dem selbst ernannten Experten für geschmackvolle Inneneinrichtung und schöne Landschaften die Bundesrepublik: Deutschland produziert 22 Prozent weniger Strom als 2017, und die Energiepreise sind massiv gestiegen.

2017 ist kein Zufall

Das Überraschende an diesen Aussagen ist wahrscheinlich: Beide sind korrekt. Die steigenden Strompreise haben Haushalte und Industrie hautnah miterlebt. Die geringe Stromerzeugung entspricht ebenfalls der Wahrheit: "Sie ist zwischen 2017 und 2025 um 21,6 Prozent gesunken", bestätigt Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) auf Nachfrage von ntv.de. Der Energiemarktexperte betont jedoch zugleich: "Allerdings führt die Angabe in die Irre."

Der Leiter der Energieplattform Energy-Charts ist überzeugt: Trump hat 2017 nicht zufällig als Vergleichsjahr für die deutsche Stromerzeugung gewählt. "Das Jahr stellt das Maximum dar", sagt er. Seitdem sinkt die deutsche Stromerzeugung tendenziell - vor allem in einem Sektor: "Die Verstromung aus Kohle ist um 56 Prozent zurückgegangen."

Was macht denn Frankreich?

Risse bekommt die Erzählung des US-Präsidenten auch beim Blick auf den deutschen Stromverbrauch. Ja, dieser ist gesunken, weil Betriebe und Konzerne ihre Produktion aufgrund der hohen Strompreise ins Ausland verlagert haben. Allerdings nicht im Gleichschritt mit der sinkenden Erzeugung, wie Trump insinuiert: Der deutsche Stromverbrauch ist derzeit 8,1 Prozent niedriger als 2017.

Ein Blick auf die Nachbarn bestätigt, dass die deutsche Energieversorgung mitnichten "katastrophal zusammengebrochen" ist. Frankreich verfügt etwa über 57 aktive Atomreaktoren. Der Stromverbrauch ist seit 2017 dennoch um 8,7 Prozent gesunken und damit stärker als hierzulande.

Stromexperte Gandhi sagt bereits eine Trendumkehr vorher, je weiter die Energiewende voranschreitet. "Es gibt einige Länder mit sehr starker Verbreitung von Elektromobilität und Wärmepumpen wie Norwegen. Dort ist ein steigender Stromverbrauch zu beobachten. Gleiches ist in den nächsten Jahren auch für Deutschland zu erwarten."

Deutschland ist kein Strombettler

Der US-Präsident befeuert - absichtlich oder nicht - eine Erzählung, die in den vergangenen Jahren immer wieder durch die Öffentlichkeit waberte: Durch die Energiewende ist aus Europas großem Nettoexporteur ein Importeur geworden. Der "grüne Betrug" habe Deutschland zum Strombettler gemacht.

Tatsächlich hat Deutschland 2023 das erste Mal seit 2002 mehr Strom importiert als an Nachbarländer exportiert. Diese Importe entsprachen 2023 jedoch nur 2,3 Prozent des deutschen Strombedarfs. Der Bedarf ist marginal. In der Theorie sind die Importe überflüssig.

Die deutsche Spitzenlast beträgt knapp 80 Gigawatt. 2025 wurde sie kurz nach dem Jahreswechsel erreicht: Am 14. Januar verbrauchten Haushalte und Betriebe um 10 Uhr gemeinsam 75 Gigawatt Strom. Die installierte Leistung von Kohlekraftwerken, Erdgasanlagen, Wasserkraft, Biomasse und Mineralöl ist größer: Gemeinsam können alle Anlagen gut 96 Gigawatt Strom erzeugen. Deutschland könnte sich jeden Tag im Jahr komplett selbst versorgen. Dafür ist keine einzige Kilowattstunde Wind- oder Sonnenstrom notwendig.

Die entscheidende Frage ist: Will man das? Sich erneut von Gaslieferungen aus dem Ausland abhängig sein? Schmutzige Kohle nutzen? Speziell, wenn es grünere wie auch günstigere Alternativen gibt? Notfalls eben aus dem benachbarten, aber befreundeten Ausland?

Der Denkfehler der Deutschen

Tatsache ist: Das deutsche und das europäische Energiesystem verändern sich derzeit fundamental. Bis vor wenigen Jahren waren Großerzeuger wie Atom- oder Kohlekraftwerke der Fixpunkt einer jeden nationalen Versorgungsarchitektur. Sie lieferten zentral Strom für Geschirrspüler, Kühlschrank und Waschmaschine. Diese Aufgabe übernehmen immer häufiger dezentrale Anlagen auf Dach, Balkon, Wiese oder vor der Küste. Reichen die eigenen Erneuerbaren nicht aus, kauft Deutschland Strom in den Nachbarländern oder auch Norwegen hinzu. Das ist günstiger, als selbst fossilen Strom zu erzeugen.

Das deutsche Problem ist vielmehr, dass die grüne Energie nicht effizient genutzt wird. Statt den Strom in dem Moment und in der Region zu verbrauchen, wo er günstig erzeugt wird, wird er für viel Geld durchs Land geschleust. Diese Kosten machen die Stromrechnung als Netzentgelte so teuer.

Die traurige Nachricht ist: Das wird nicht nur von Trump, sondern auch vielen Menschen in Deutschland häufig missverstanden.

Quelle: ntv.de

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