Wirtschaft

Solarenergie baut Deutschland um"Der Strompreis entkoppelt sich vom Gaspreis - das ist eine grundlegende Veränderung"

15.01.2026, 16:11 Uhr
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Deutschland erzeugt viel mehr Sonnenstrom, als zu Beginn der Energiewende für möglich gehalten wurde. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Die Veränderungen im deutschen Energiesystem sind fundamental. Solar schlägt 2025 erstmals Kohle. Wind und Sonne sind erstmals die wichtigsten Stromquellen. Frühere Preisspitzen sind nicht mehr existent. Phasenweise läuft ganz Deutschland nur mit Solarenergie. "Das hätte vor 20 Jahren niemand erwartet", sagt Leonhard Gandhi von den Energy-Charts im "Klima-Labor" von ntv. Ihm zufolge werden die Veränderungen jedoch von den entscheidenden Stellen missverstanden: "Es ist ein gefährlicher Fehlschluss, die Ausbauziele für Erneuerbare nach unten anzupassen", sagt er. "Das ist symptomatisch für das Festhängen am Energiesystem von 2005."

ntv.de: Welches Ereignis steht bei den Energy-Charts exemplarisch für 2025?

Leonhard Gandhi: Ein Systemwechsel. Photovoltaik hat 2025 auch Braunkohle überholt. In Deutschland waren damit Wind und Sonne zum ersten Mal die beiden wichtigsten Energieträger der Stromerzeugung.

Die Energiewende schreitet trotz aller Herausforderungen und Schwierigkeiten voran?

Nicht nur in Deutschland. In der EU hat die Stromerzeugung aus Solarenergie die Erzeugung aus Braun- und Steinkohle im vergangenen Jahr ebenfalls erstmals überholt, denn auch unsere Nachbarn bauen kräftig Solar- und Windenergie zu.

Dank des Energiesektors hat Deutschland seine Klimaziele für 2025 erreicht, wenn auch knapp. Wie lange geht das gut? Wie lange kann dieser Bereich die Versäumnisse anderer ausgleichen?

Das stimmt, wir feiern vor allem im Stromsektor Erfolge. Dort sind unsere CO2-Emissionen seit 1990 um 55 Prozent gesunken. Das Problem mit den anderen Sektoren ist: Verkehr, Gebäude und Industrie werden so langsam auf Elektromobilität, Wärmepumpen und elektrische Prozesse umgestellt, dass der Stromverbrauch weniger schnell wächst, als es zum Dekarbonisieren erforderlich wäre. Die Politik leitet daraus ab, dass wir die Ausbauziele der Erneuerbaren nach unten anpassen müssen.

Sie sprechen das Energiewende-Monitoring von Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche an. Die Prognose lautet: Wir benötigen weniger Strom, also sollten wir weniger Erneuerbare zubauen.

Das hört sich schlüssig an, ist aber ein Fehlschluss. Der zusätzliche Stromverbrauch im Verkehrsbereich muss nicht geschätzt werden. Man kann genau berechnen, wie viele Elektroautos notwendig sind, um den Sektor zu dekarbonisieren. Dieses Ziel erreicht man am schnellsten, wenn man so viele Stromerzeuger zubaut, dass es zu einem Pull-Effekt kommt: Die Strompreise sinken, die Nachfrage nach E-Mobilität steigt.

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Leonhard Gandhi arbeitet am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Der Diplom-Ingenieur leitet die Plattform Energy-Charts. Die Plattform stellt zahlreiche Daten zur Stromproduktion, zum Stromverbrauch oder auch zu Börsenstrompreisen als interaktive Grafiken zur Verfügung. (Foto: Fraunhofer ISE)

Schwingt bei der politischen Prognose mit, dass die Potenziale im Strombereich allmählich erschöpft sind? In Ihrer Auswertung heißt es, dass die erneuerbaren Energien 2025 wie im Vorjahr einen Anteil von 55,9 Prozent am öffentlichen Stromverbrauch - der Wert stagniert.

Der Anteil der Erneuerbaren lag 2015 noch bei 35 Prozent. Bei dieser Auswertung darf man aber nicht nur einzelne Jahre betrachten, dafür sind konjunkturelle und wetterbedingte Schwankungen zu stark. Im langjährigen Vergleich war 2025 ein sehr schwaches Windjahr und gleichzeitig ein starkes Sonnenjahr. Das ist kein Zufall, sondern meteorologisch bedingt: Ist es sehr sonnig, weh wenig Wind und umgekehrt. Deswegen ergänzen sich Sonnen- und Windenergie so gut. Noch erzeugt Deutschland aber etwa doppelt so viel Strom aus Windkraft wie aus Photovoltaik. In der Gesamtbilanz schlägt ein schlechtes Windjahr deshalb überproportional zu. Eines Tages wird sich das ausgleichen.

Es gibt aber nach wie vor Potenzial, nur über den Energiebereich weitere Emissionen einzusparen? Der trägt seit Jahren weltweit die Hauptlast. Das kann nicht ewig so weitergehen …

Wie erwähnt: Wir haben die CO2-Emissionen im Stromsektor seit 1990 ungefähr halbiert, können also noch einmal genauso viel einsparen wie in den vergangenen 35 Jahren. Das zeigt auch unsere Auswertung zur Abregelung von Solar- und Windkraftanlagen. Das passiert, wenn Solar- und Windstrom wegen negativer Börsenstrompreise nicht mehr verkauft oder wegen Netzengpässen nicht mehr transportiert werden können. Die Quote bewegt sich im einstelligen Prozentbereich. Das ist kein Grund, den Ausbau zu verlangsamen. Für die weiteren Anlagen benötigen wir allerdings zusätzliche Netze und zusätzliche Batteriespeicher.

Genau das macht die Energiewende in den Berechnungen von Wirtschaftsministerin Reiche und anderen so teuer.

Wenn man Klimaneutralität und die Folgekosten der Erderwärmung ernst nimmt, ist es auf keinen Fall teuer. Aber das wird beim Verbrennen von Braunkohle immer ignoriert. Insgesamt haben wir in den vergangenen zehn Jahren den Ausbau der Infrastruktur für ein CO2-neutrales Stromsystem verschlafen. Perspektivisch werden Stromleitungen das ersetzen, was Pipelines, Öltanker und andere Infrastruktur heute bei den fossilen Energieträgern bewerkstelligen. Dafür muss man sie natürlich ausbauen, das ist klar.

Ob die Bundesregierung dieses Argument anerkennt? Kanzler Merz und Katherina Reiche sagen deutlich, dass sie Wirtschaftlichkeit vor Klimaschutz stellen. Es wurde auch immer versprochen, dass der Strom durch die erneuerbaren Energien günstiger wird. Darauf warten alle.

Unsere Studien zeigen, dass ein Energiesystem, das auf den erneuerbaren Energien und unseren Klimaschutzzielen basiert, am kostengünstigsten ist. Bei dieser Diskussion wird aber häufig vergessen, dass man die Erneuerbaren auch effizient nutzen muss. In Zukunft wird weltweit das Land am erfolgreichsten sein, das seine Energiemärkte am besten auf Batteriespeicher, flexible Lasten und andere Flexibilitätsoptionen ausgerichtet; nicht das Land, das weiterhin primär auf konventionelle Kraftwerke setzt.

Wie haben sich die Preise denn im vergangenen Jahr entwickelt? Sie haben die sehr extremen Schwankungen bereits angerissen.

Es gab zwei spannende Entwicklungen: Erstens sind die Börsenstrompreise 2025 im Vergleich zu 2024 leicht gestiegen. Die Endkundenpreise sind dazu gegenläufig im vergangenen Jahr weiter gefallen.

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview ist eigentlich ein Podcast, den Sie sich anhören können: Das "Klima-Labor von ntv" finden Sie auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

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Die Strompreise sind gleichzeitig gestiegen und gefallen?

Ja. Es gibt eine Art nachlaufenden Effekt: Fallende Börsenstrompreise wirken sich mit Verzögerung auf Neukundenpreise aus. Das sieht man deutlich, wenn man die Preiskurven übereinanderlegt. Bei den durchschnittlichen Haushaltspreisen ist der Verzug noch größer, weil viele Kunden ihre Stromtarife relativ selten wechseln.

Im kommenden Jahr werden die Neukundenpreise also wieder steigen?

Ich erwarte weiterhin sinkende Preise. Aus meiner Sicht sind die gesunkenen Börsenstrompreise von 2023/24 bisher nicht bei den Endkunden angekommen. Zusätzlich gibt es politische Maßnahmen. 2023 wurde die EEG-Umlage abgeschafft. In diesem Jahr bezuschusst die Bundesregierung die Netzentgelte. Diese Trägheit kann für Endkunden positiv sein: Bei unvorhergesehenen Ereignissen stellt sie eine Art Absicherung dar, auch wenn sie bei Preisanstiegen oft geringer ausfällt als bei Preissenkungen.

Teurer wird es fast immer schneller als umgekehrt, aber die Botschaft ist: Das Stromsystem verändert sich grundlegend. Wer von besonders niedrigen Strompreisen profitieren möchte, benötigt Smartmeter und flexible Tarife.

Ja, alle Akteure im Energiesystem müssen umdenken. Die Bundesnetzagentur hat im vergangenen Jahr zusammen mit den Übertragungsnetzbetreibern einen Versorgungssicherheitsbericht herausgegeben. In diesem Bericht wurden praktisch keine Batteriespeicher berücksichtigt. Das ist symptomatisch für das Festhängen am Energiesystem von vor 20 Jahren.

Auch Versorgungssicherheit muss man neu denken?

Die Veränderungen sind grundlegend. Ich hatte eine zweite spannende Entwicklung beim Strompreis angekündigt: In der Vergangenheit wurde er von den Grenzkosten für ein Erdgaskraftwerk dominiert, also den Kosten für Erdgas und für CO2-Emissionszertifikate. Betrachtet man den Börsenstrompreis von 2025 im Jahresverlauf, fällt auf, dass er sich in den Sommermonaten zum ersten Mal im größeren Maßstab von den Grenzkosten für Erdgaskraftwerke losgelöst hat. Teilweise war der durchschnittliche Strompreis nur halb so hoch.

Weil wir so viel Solarstrom hatten?

Es waren so große Mengen verfügbar, dass sich der durchschnittliche Strompreis vom Erdgaspreis entkoppeln konnte. Das werden wir in Zukunft viel öfter sehen.

Der meiste Solarstrom wurde laut Ihren Daten kurzzeitig am 20. Juni 2025 ins Netz eingespeist. Das war ein Freitag. Der deutsche Spitzenverbrauch liegt an Werktagen bei ungefähr 70 Gigawatt. Es fehlt nicht mehr viel, um vorübergehend das gesamte Land mit Sonnenenergie zu versorgen.

Es gab im vergangenen Jahr bereits Phasen, in denen über Stunden hinweg mehr Solarstrom ins Netz eingespeist als innerhalb Deutschlands nachgefragt wurde. Natürlich sind zu diesen Zeitpunkten andere Kraftwerke am Netz, um Wärme bereitzustellen oder das System zu stabilisieren, aber vor 20 Jahren hätte niemand erwartet, dass ganz Deutschland nur mit Photovoltaik betrieben werden kann. Der nächste Schritt ist, das nicht nur für wenige Stunden, sondern Tage zu erreichen. In diesem Punkt kommt die Kurzzeit-Flexibilität zum Tragen: Im bisherigen System folgt die Stromerzeugung dem Verbrauch. Im neuen System muss der Verbrauch der Erzeugung folgen. Es muss lastflexibel sein. Deshalb sind Kurzzeitspeicher so wichtig.

Im Sommer können Gaskraftwerke schon jetzt nicht mehr profitabel arbeiten?

Wenn man 20 Jahre zurückdenkt, gab es täglich zwei markante Strompreisspitzen: Eine größere zur Mittagszeit und eine zweite in den Abendstunden. Durch den Ausbau der Solarenergie ist die Mittagsspitze bereits weggefallen und hat sich in das Gegenteil verkehrt: Vor allem in den Frühlings- und Sommermonaten ist der Strom inzwischen mittags am günstigsten.

Es ist trotzdem richtig, neue Gaskraftwerke zu bauen?

Ja. Kurzfristig muss der Bau von neuen Kraftwerken angereizt werden. Wir müssen viele alte Kohlekraftwerke ersetzen und benötigen eine Reserveleistung für Dunkelflauten. Das Problematische an der Kraftwerksstrategie ist: Es wird einseitig Flexibilität auf der Erzeugerseite subventioniert. Das ist volkswirtschaftlich sicherlich nicht das kosteneffizienteste, denn ein Gaskraftwerk - egal ob Erdgas oder Wasserstoff - benötigt eine Pipeline, die den Brennstoff dorthin bringt. Das ist mit erheblichen Fixkosten verbunden.

Andere Technologien können dieselbe Leistung günstiger anbieten?

Wenn der Zuwachs an Batteriespeichern weiterhin so stark ausfällt, werden die Einsatzzeiten für solche Reservekraftwerke sehr schnell sehr stark sinken. Es ist vorstellbar, dass diese Kurzzeitspeicher kostengünstiger arbeiten. Deswegen wird inzwischen diskutiert, ob man künstlich erzeugtes Methanol, Bioethanol oder Biodiesel bei den Kraftwerken lagert.

Mit Leonhard Gandhi sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Klima-Labor" anhören.

Klima-Labor von ntv

Was hilft wirklich gegen den Klimawandel? Funktioniert Klimaschutz auch ohne Jobabbau und wütende Bevölkerung? Das "Klima-Labor von ntv" ist der Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen, Lösungen und Behauptungen der unterschiedlichsten Akteure auf Herz und Nieren prüfen.



Ist Deutschland ein Strombettler? Rechnen wir uns die Energiewende schön? Vernichten erneuerbare Energien Arbeitsplätze oder schaffen sie welche? Warum wählen Städte wie Gartz die AfD - und gleichzeitig einen jungen Windkraft-Bürgermeister?



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Quelle: ntv.de

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