Wirtschaft

Zinsentscheid bewegt Märkte Türkische Notenbank überrascht

Wie robust ist die türkische Wirtschaft? Die Notenbank sieht sie auf einem guten Weg - und rührt unerwartet den Leitzins nicht an. Den Märkten indes fehlt die Überzeugung. Unklar bleibt zudem, wie unabhängig die Zentralbanker arbeiten.

Die türkische Notenbank hat ihren Leitzins stabil gehalten und damit die Märkte überrascht. Die jüngsten Daten deuteten darauf, dass die Wirtschaft schneller wieder ins Gleichgewicht zurückfinde, erklärten die Währungshüter. Der Schlüsselzins verharrte bei 17,75 Prozent. Viele Ökonomen sind in Sorge um die Stabilität der türkischen Wirtschaft, da die Inflation im Juni 15 Prozent erreichte, während die Lira seit Jahresbeginn 25 Prozent verlor. Um die Talfahrt der Währung zu stoppen, erhöhte die Zentralbank die Leitzinsen am 23. Mai um 300 Basispunkte und hob sie am 7. Juni erneut um 125 Basispunkte an. Ökonomen hatten indes mit einer Zinserhöhung um 100 bis 125 Basispunkte gerechnet. An den Märkten löste die Entscheidung teils heftige Reaktionen aus.

Türkische Lira / US-Dollar
Türkische Lira / US-Dollar ,17

Mit der Leitzinsentscheidung gerät der Aktienmarkt in Istanbul unter Druck. Der Leitindex BIST-100 verliert 3,6 Prozent. Kräftige Reaktionen gab es auch am Devisen- und Anleihenmarkt. Die türkische Lira näherte sich mit einem Kurssturz wieder ihrem Rekordtief zum US-Dollar. Der Dollar schoss nach der für die Mehrzahl der Analysten überraschend ausgebliebenen Zinserhöhung von knapp über 4,75 auf im Tageshoch 4,9223 Lira nach oben. Das bisherige Rekordhoch vom 11. Juli liegt bei 4,9795. Am Anleihemarkt ziehen die Renditen türkischer Anleihen deutlich an, was ein Zeichen für Unsicherheit bezüglich der finanziellen Stabilität des Landes ist.

Die geldpolitische Entscheidung galt als Lackmustest, um festzustellen, wie viel Einfluss der neu gewählte Präsident Recep Tayyip Erdogan auf seine Zentralbank hat. Mit einer zweistelligen Inflation und einer schwachen Währung hatten Marktteilnehmer auf eine Zinserhöhung gehofft, doch Erdogan ist vehement gegen höhere Zinsen. Seit Monaten dringt er auf eine Senkung. Mit seinen Äußerungen hatte er zuletzt Zweifel an der Unabhängigkeit der Zentralbank geweckt.

Für Unruhe bei Investoren sorgten vor allem Äußerungen Erdogans im Mai vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, im Fall seiner Wiederwahl die Kontrolle über die Geldpolitik zu verstärken. Nach seinem Wahlsieg erteilte sich Erdogan zudem die Befugnis, künftig den Gouverneur der Zentralbank zu bestimmen. Auch die Berufung seines Schwiegersohns Berat Albayrak zum Finanz- und Wirtschaftsminister nach den Wahlen vom 24. Juni beunruhigte die Märkte. Albayrak versicherte nach seiner Ernennung, die Unabhängigkeit der Zentralbank zu achten und dem Kampf gegen die Inflation Priorität einzuräumen. Der Ehemann von Erdogans ältester Tochter war zuvor Energieminister und gilt als relativ unerfahren.

Quelle: ntv.de, jwu/DJ/AFP