Wirtschaft

Uno schlägt Alarm"Der Krieg im Iran ist für die Ärmsten eine dreifache Katastrophe"

20.03.2026, 18:08 Uhr
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Verteilung von Lebensmittelhilfen im Gazastreifen vor Beginn des jüngsten Iran-Kriegs. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Während sich Industriestaaten wie Deutschland Sorgen um Benzinpreise machen, geht es in anderen Ländern darum, ob die Bevölkerung noch mit ausreichend Grundnahrungsmitteln versorgt werden kann. Der Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP) der Uno, Martin Rentsch, erklärt im Interview mit ntv.de, warum der Iran-Krieg Menschen in Krisengebieten gleich mehrfach trifft - und wie Deutschland nicht nur mit Geld helfen kann.

ntv.de: Den Energiepreisschock spüren wir in Deutschland vor allem an der Zapfsäule. In anderen Regionen trifft er die Menschen jedoch viel härter. Können Sie das schildern?

Martin Rentsch: Was wir hier an den Tankstellen sehen, das trifft natürlich Menschen in armen Ländern, hungernde Menschen weltweit umso mehr, weil die viel weniger Möglichkeiten haben, das abzufedern. Der Krieg im Iran ist für viele dieser Menschen eine dreifache Katastrophe: Erstens die akute humanitäre Not in der Region, etwa im Libanon, in Syrien, in Afghanistan und im Iran. Menschen in ohnehin fragilen Staaten rutschen weiter in den Hunger, der Bedarf steigt. Zweitens die globale Preisspirale: Die Schocks, die wir an der Zapfsäule spüren, machen anderswo Grundnahrungsmittel unerschwinglich; wer von der Hand in den Mund lebt, kann sich das tägliche Brot nicht mehr leisten. Und drittens die gestörten Lieferketten weltweit: Sie bremsen auch die humanitäre Logistik, unsere Arbeit vor Ort.

Was genau ist das Problem mit den Logistikketten? Gehen viele Lebensmitteltransporte durch die Straße von Hormus?

Es gibt zwei kritische maritime Nadelöhre, die gerade unter Druck stehen: die Straße von Hormus und Bab al Mandab, die Meerenge zum Roten Meer. In der Straße von Hormus steigen die Sicherheitsrisiken - Angriffe, Restriktionen, höhere Versicherungsprämien für die Schiffe. Durch Bab al Mandab kommt weniger durch, es gibt Verzögerungen, auch dort werden die Prämien teurer. Wir sind das logistische Rückgrat der UN: Täglich sind rund 5000 Lkw für uns unterwegs. Steigt der Spritpreis, steigen sofort unsere Kosten. Wenn Schiffe aus Indien mit Grundnahrungsmitteln für unsere größte Operation im Sudan statt direkt nach Port Sudan einmal um Afrika fahren müssen, dauert das etwa 25 Tage länger - und kostet entsprechend mehr. Wir finden Alternativen, aber jede Umstellung ist teurer. Nach den massiven Kürzungen im letzten Jahr sind unsere Kassen leer. Jeder neue Schlag verringert unsere Möglichkeiten zu helfen. Am Ende bedeutet das für die Menschen, für die wir eigentlich da sind, leere Teller.

Nicht nur zu Beginn des Ukrainekriegs gab es schon einmal eine teilweise vergleichbare Situation. Auch zuvor hatten wir Preisschocks bei Lebensmitteln etwa im Zuge der Weltfinanzkrise. Damals wurde viel darüber gesprochen, betroffene Regionen resilienter zu machen, die Produktion vor Ort zu stärken, die Versorgung zu diversifizieren. Kurz: vorbeugen. War das alles vergeblich?

Nein, das war nicht vergeblich. Wir unterstützen weiterhin wichtige Vorhaben - etwa im Sahel, einer sehr fragilen Region -, mit denen wir unter anderem Ernährungssysteme regionaler aufstellen, also den Weg vom Feld auf den Teller vor Ort verkürzen und krisenfester machen. Das verringert die Abhängigkeit von internationalen Nahrungsimporten und Preisschwankungen auf dem Weltmarkt. Aber seit der Corona-Pandemie haben die globalen Krisen zugenommen. Die drei großen Treiber von Hunger sind Konflikte, wirtschaftliche Krisen und der Klimawandel - und bei allen dreien hat sich die Lage verschärft. Dazu kommen Kürzungen der Geberländer: Im letzten Jahr ist unser Budget als Hilfsorganisation um rund 40 Prozent gesunken. Deshalb stehen wir trotz aller Fortschritte erneut in einer vergleichbaren Situation - erst recht, wenn der Krieg in den nächsten drei, vier Monaten so weitergehen sollte.

Wäre diese zusätzliche Hungerkrise vorbei, wenn der Krieg zu Ende geht? Oder werden die dadurch ausgelösten Störungen Sie noch lange beschäftigen?

Die Lage war ja schon vor Ausbruch des Krieges im Iran katastrophal. Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine hat sich die Zahl der akut Hungernden weltweit verdoppelt. Wir kehren als Organisation ständig die Scherben zusammen, die Konflikte, der Klimawandel, wirtschaftliche Schocks und jetzt auch Kürzungen hinterlassen. Beim UN-Nachhaltigkeitsziel, den Hunger bis 2030 zu beenden, sind wir auf einem sehr schlechten Weg, schlicht, weil sich die Krisen häufen. Selbst wenn der Krieg sofort endete, wären die Folgen nicht einfach weg.

Was kann Deutschland tun, um den Ärmsten in dieser Situation zu helfen?

Deutschland tut schon einiges. Kurzfristig geht es darum, die Folgen in den betroffenen Regionen abzufedern, ganz konkret mit zusätzlichen Hilfsgeldern, gerade wenn die Kassen vor Ort leer sind. Die Bundesregierung hat hier gerade Gelder angekündigt. Und wir arbeiten daran, Zugänge zu Menschen in Not zu sichern. In vielen Einsätzen sind die Wege zu Notleidenden blockiert, beispielsweise in Gaza, wo Grenzen im Zuge der Konflikte geschlossen wurden. Da braucht es humanitäre Diplomatie, und da ist Deutschland aktiv. Langfristig müssen wir die Ernährungssysteme umbauen: regionaler produzieren, lokale Sorten anbauen, Importabhängigkeiten reduzieren. Der Sudan etwa importiert 80 Prozent seines Weizens, obwohl dort Landwirtschaft gut möglich wäre, vorausgesetzt der Konflikt kommt zur Ruhe. Ziel sind Länder und Regionen, die sich weitgehend selbst versorgen, mit kurzen Logistikwegen und weniger Abhängigkeit von globalen Warenströmen beim Essen. Dafür müsste der globalisierte Handel bei Lebensmitteln anders aufgestellt werden.

Gibt es weitere Dinge, die wir in Deutschland tun können?

Ein weiteres großes Thema ist Lebensmittelverschwendung. Wäre sie ein Land, wäre sie der drittgrößte Emittent klimaschädlicher Gase. Hier kann jede und jeder in Deutschland etwas tun. Global ist Hunger selten ein Produktionsproblem: Wir produzieren genug für zehn Milliarden Menschen, aber ein Drittel wird weggeworfen. Bei uns im Westen, aber auch in ärmeren Ländern, wo zum Beispiel wegen fehlender Kühlketten Ernten auf den Feldern verrotten. Das ist klimaschädlich und ethisch fragwürdig. Da können wir ansetzen. Ein anderes Beispiel: Viele afrikanische Länder bauen für Europa "Cash Crops" wie Kakao und Kaffee für den Export auch nach Deutschland an. Oft passiert das auf knappen Ackerflächen, die für die lokale Lebensmittelproduktion fehlen. Wenn wir mit diesen Ländern Alternativen entwickeln und ermöglichen, mehr Fläche für Grundnahrungsmittel zur Eigenversorgung zu nutzen, wären sie in Krisen, wie der aktuellen, regional deutlich besser gewappnet und könnten die Folgen für arme Menschen abfedern.

Mit Martin Rentsch sprach Max Borowski.

Quelle: ntv.de

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