Wirtschaft

Zeitenwende in WolfsburgVW-Arbeitnehmer geben viel preis - und Blume gewinnt

04.09.2026, 17:43 Uhr
imageVon Diana Dittmer
00:00 / 07:48
image
Oliver Blume: Der VW-Chef setzt sich beim Sparkurs durch. Die Arbeitnehmerseite will dafür aber Einfluss auf die Umsetzung nehmen. (Foto: dpa)

Der radikale Umbau von Volkswagen kann beginnen. Der Aufsichtsrat gibt einstimmig grünes Licht - die Arbeitnehmerseite und das Land Niedersachsen tragen den Plan mit. Der Vorstand um VW-Chef Blume setzt sich damit durch. Für die Beschäftigtenvertreter bleibt jetzt die Frage, wie hart die Folgen ausfallen.

VW-Chef Oliver Blume hat bekommen, was ihm vor wenigen Tagen kaum noch zugetraut wurde: grünes Licht für den radikalsten Umbau in der Geschichte des Konzerns. Und zwar einstimmig. Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen tragen den Zukunftsplan mit. Der erwartete Showdown blieb aus. Stattdessen steht ein Kompromiss, der eines unmissverständlich klarmacht: Bei VW ist der radikale Umbau nicht mehr aufzuhalten. 

Die Arbeitnehmer akzeptieren die neue Realität

Nicht der vereinbarte Sparkurs an sich ist überraschend, sondern dass die Arbeitnehmerseite die Konsequenzen der Krise weitgehend akzeptiert und mitträgt. Die europäische Produktionskapazität soll um 500.000 Fahrzeuge sinken und weitere 50.000 Stellen sollen wegfallen. Zusammen mit den bereits vereinbarten Einschnitten summiert sich der geplante Stellenabbau damit auf rund 100.000 Arbeitsplätze. Die Umsatzrendite soll bis 2030 von derzeit 3,8 auf 9 Prozent steigen. Bis 2035 soll sich zudem die Modellpalette etwa halbieren und die Komplexität des Konzerns deutlich sinken.

Die Richtung ist damit vorgegeben: Volkswagen wird kleiner, schlanker und kostengünstiger. Die Arbeitnehmerseite hat diesen Kurs nicht verhindert.

Dass sie dem Vorstand nun entgegenkommt, ist auch Ergebnis des Drucks, den Blume in den vergangenen Tagen aufgebaut hat. Mit dem Szenario einer außerordentlichen Hauptversammlung machte der VW-Chef deutlich, dass er im Konfliktfall eine Eskalation auf Aktionärsebene in Kauf nehmen würde. Das erhöhte den Druck auf Arbeitnehmerseite und das Land Niedersachsen, einer Lösung zuzustimmen.

Zukunft der Werke bleibt ungewiss

Allerdings ist der am Vorabend beschlossene Plan auch deutlich weniger konkret als das, was vor der Einigung im internen Vorstands-Dossier stand. Darin war für Emden und Zwickau ein Produktionsende im Jahr 2031, für Hannover im Jahr 2032 und für Neckarsulm im Jahr 2034 vorgesehen. Zudem war die Nachfolgeproduktion bereits anderen Standorten zugeordnet.

In dem aktuellen Beschluss steht davon nichts. Darin heißt es lediglich, dass für die Werke derzeit keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gewährleistet werden könne. Bis Ende Juni 2027 soll zunächst ein Konzept für die künftige europäische Produktionsstruktur erarbeitet werden. Auch alternative Nutzungen der Standorte sollen geprüft werden.

Eine Bestandsgarantie ist das nicht. Aber es verschafft der Arbeitnehmerseite Zeit und vor allem die Möglichkeit, weiter über die konkrete Zukunft der Werke zu verhandeln. Die IG Metall wertet genau das als Erfolg: "Das schafft zwar noch keine Sicherheit für die vier Werke, aber es hält den Weg offen, Lösungen zu finden." Ihr ursprüngliches Ziel bestand darin, die Schließung der Werke sofort auszuschließen.

50.000 Stellen - beschlossen oder nur eine "Zahl"?

Beim Stellenabbau zeigt sich die Ambivalenz des Kompromisses besonders deutlich. Der Vorstand hat am Ziel einer deutlichen Personalkürzung nicht gerüttelt. Die IG Metall wertet die zusätzlichen 50.000 Stellen allerdings nicht als fest vereinbarten Abbauplan, also keine feste Größe, sondern lediglich als "mathematische Zahl", die sich aus dem Renditeziel von neun Prozent ableitet, wenn man die Kosten reduziere.

Wie bei den Werken gilt: Wann, wo und wie der Abbau tatsächlich erfolgt, ist noch Gegenstand weiterer Verhandlungen. "Die Arbeit fängt jetzt erst an", erklärten Konzern-Betriebsratschefin Daniela Cavallo und Christiane Benner, Chefin der IG Metall. Der Vorstand müsse nun "seine Hausaufgaben" machen.

Das ist der Kern des Kompromisses: Die Arbeitnehmerseite akzeptiert den harten Sparkurs des Vorstands - aber nicht dessen konkrete Folgen. Sie kann den Umbau nicht stoppen, dann will sie sich wenigstens den Einfluss darauf sichern, wie er umgesetzt wird. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. 

Die eigentliche Machtfrage ist damit nicht entschieden

Durchgesetzt hat sich die Arbeitnehmerseite bei der für ihre künftige Machtstellung im Konzern entscheidenden Frage. Die im Vorfeld der Einigung heiß diskutierte Ausgliederung der Kernmarke Volkswagen Pkw und der Komponentensparte aus dem VW-Konzern ist vom Tisch. Das bedeutet, dass das VW-Gesetz bestehen bleibt - und mit ihm die besonderen Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmerseite und des Landes Niedersachsen.

Das wird von den Gewerkschaften als großer Erfolg gefeiert. Doch auch das ist nicht in Stein gemeißelt, denn das Machtgefüge im Konzern könnte sich künftig verändern. Wie im Beschluss festgelegt, soll der Aufsichtsrat seine Zustimmungsvorbehalte in Zukunft auf Maßnahmen von "wesentlicher Bedeutung für den Gesamtkonzern" beschränken. Zugleich soll ein Modell für eine "fortentwickelte Entscheidungs- und Konzernstruktur" erarbeitet werden.

Das Ziel ist klar: Der Volkswagen-Vorstand möchte Entscheidungswege verkürzen und Verantwortlichkeiten eindeutiger zuordnen. Was das jedoch für den Einfluss des Aufsichtsrats bedeutet, bleibt unklar. Gerade bei der Konzernstruktur könnte dies die nächste Machtprobe bedeuten.

Die Kräfteverhältnisse verschieben sich

Von einer Kapitulation der Arbeitnehmerseite kann nach der Einigung keine Rede sein. IG Metall und Betriebsrat haben den grundsätzlichen Umbaukurs des Vorstands akzeptiert, sich bei den konkreten Folgen aber immer noch Einfluss und Verhandlungsspielraum gesichert. Beschäftigungssicherung allein reicht angesichts der Probleme des Konzerns nicht mehr aus.

Der Beschluss ist für Blume deshalb auch kein Freifahrtschein. Jetzt muss der Vorstand beweisen, dass sich die Sparziele in ein wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell umsetzen lassen. Stefan Bratzel warnt, Einsparungen allein würden VW nicht retten. Nötig seien zugleich Investitionen in neue Wachstumsfelder und ein "riesiger Mindset-Change", also ein radikaler Umdenkprozess, sagt der Experte vom Center of Automotive Management (CAM).

Ferdinand Dudenhöffer spricht deshalb auch von einer "Light-Version" des ursprünglich diskutierten Zukunftsplans. Es herrsche zwar Entspannung, aber noch kein Frieden, so der Direktor des CAR-Instituts. Bis Juni 2027 muss aus den Zielvorgaben ein konkreter Plan für Produkte, Werke und Strukturen entstehen. Hendrik Schmidt vom Vermögensverwalter DWS drückt es so aus: Die verabschiedeten Maßnahmen müssten konsequent umgesetzt werden und entfalteten erst mittelfristig ihre Wirkung. Die Einigung beendet den Machtkonflikt bei VW damit nicht. Sie verschiebt aber die Kräfteverhältnisse.

Quelle: ntv.de

Oliver BlumeFerdinand DudenhöfferIG MetallVolkswagen