Wirtschaft

"Sie werden unsere Krise ausnutzen" VW erwägt Verkauf von Geschäftsteilen

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VW-Chef Müller stimmt Belegschaft und Anleger auf harte Zeiten ein.

(Foto: dpa)

VW-Chef Müller erwartet, dass die Abgaskrise den Konzern noch lange belasten wird. Die Konkurrenz werde das ausnutzen, zudem biete der Markt keinen Rückenwind. Um die finanziellen Belastungen zu schultern, könnte der Konzern Geschäftsteile verkaufen.

Als Folge der Abgasaffäre schließt Volkswagen einen Verkauf von Geschäftsteilen nicht mehr aus. Wegen der Kosten unter anderem für technische Lösungen, den Rückkauf hunderttausender Fahrzeuge oder mögliche Strafzahlungen könnten sich "erhebliche weitere finanzielle Belastungen" ergeben, heißt es in dem Geschäftsbericht 2015, den Konzernchef Matthias Müller in Wolfsburg vorstellte. Müller rechnet damit, dass die Konkurrenz "Kapital aus der Lage von VW schlagen will".

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"Wir können nicht mit Rückenwind vom Markt rechnen", so Müller. Dies bedeute, dass es zu einem "Rückgang der Nachfrage und geringeren Margen im Neu- und Gebrauchtwagengeschäft kommen" könnte. "Der benötigte Finanzbedarf zur Deckung der Risiken kann dazu führen, dass  Vermögensgegenstände lagebedingt veräußert werden müssen." Bisher hat VW für die Folgen des Abgasskandals 16,2 Milliarden Euro zurückgestellt und deshalb 2015 den größten Verlust in der Unternehmensgeschichte verbucht.

"Der Volkswagen-Konzern befindet sich ohne Zweifel in einer sehr herausfordernden Situation. Wir stecken noch mitten in der Aufarbeitung der Dieselthematik und müssen dafür große Lasten schultern", sagte Müller in Wolfsburg bei der Präsentation der Bilanz 2015.

Europas größter Autobauer müsse nicht nur die Folgen von "Dieselgate" schultern, sondern gleichzeitig die Neuausrichtung auf umweltschonendere Antriebe bewältigen und die Digitalisierung der Produktion einleiten. Zudem werde der Wettbewerb weltweit immer härter.

Konzerntochter für Mobilitätdienstleistungen

Müller will im Juli seine neue Strategie bis 2025 präsentieren. Dabei wagt er schon mal einen vorsichtigen Blick nach vorn: "Das Auto der Zukunft ist effizienter, intelligenter, komfortabler und sicherer als jemals zuvor. Es fährt elektrisch und in einigen Jahren auch autonom." Im Zukunftsfeld Mobilitätsdienstleistungen wolle VW das Tempo erhöhen und dafür eine eigene Tochterfirma gründen, so Müller. Es solle "in Kürze ein rechtlich eigenständiges, konzernübergreifendes Unternehmen" entstehen. Unter Mobilitätsdienstleistungen verstehen Autokonzerne meist das Geschäft rund ums Auto, zum Beispiel mit speziellen Smartphone-Apps oder Carsharing-Angeboten. Bei VW soll dieser Bereich bis 2025 einen "substanziellen Teil" des Umsatzes ausmachen.

VW will sich außerdem mehr für Partnerschaften und strategische Beteiligungen öffnen. "Die Zeiten, in denen unsere Branche sich abgeschottet hat, gehören endgültig der Vergangenheit an", sagte Müller. "Berührungsängste, Alleingänge oder die Illusion, alles besser zu wissen und zu können, werden nicht ans Ziel führen." Mit welchen Firmen nun im Einzelnen Partnerschaften geplant sind, wollte der VW-Chef nicht sagen. Die Internet-Riesen Apple und Google gehörten aber nicht dazu.

Golf wird im Rückruf vorgezogen

Angesichts massiver Probleme beim Abgas-Rückruf des VW-Passat gibt Volkswagen nun wie erwartet dem Golf den Vorzug. "Die Entscheidung ist heute Morgen gefallen", sagte Müller mit Blick auf eine Freigabe durch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). Die VW-Limousine Passat hätte mit ersten Modellvarianten bereits von Ende Februar an bei dem Abgas-Rückruf für ein Software-Update in die Werkstätten gesollt. Doch es gab langwierige Verzögerungen und hartnäckige Probleme, weil einige Werte - anders als zugesagt - mit dem Werkstatt-Update schlechter ausgefallen wären als zuvor. Welche Varianten vom Golf nun den Vorzug bekommen, ist bisher ebenso unbekannt wie der Starttermin.

Diess legt die Axt an

VW-Markenchef Herbert Diess will zudem die Axt an viele Wolfsburger Gewohnheiten legen und strebt drastische Einsparungen an. Er soll die schwächelnde Kernmarke VW, die für die Hälfte des Umsatzes steht, bei der Rendite auf Kurs bringen. 2015 blieben bei der Marke mit dem VW-Logo nur knapp zwei Prozent Betriebsgewinn vom Umsatz hängen. Der Betriebsrat befürchtet einen Stellenabbau und geht bereits auf Konfrontationskurs. Diess versucht nun, die Wogen zu glätten, um die Belegschaft auf seine Seite zu holen. Denn ohne sie ist der Umbau der Marke nicht zu stemmen.

Der Skandal hat auch finanzielle Folgen für Vorstand und Aktionäre: Bonuszahlungen an das Top-Management werden um knapp 40 Prozent gekappt. Die Aktionäre erhalten eine Mini-Dividende von wenigen Cent, die Mitarbeiter müssen um ihre Arbeitsplätze bangen. Müller kritisierte die öffentlich ausgetragene Debatte über die millionenschweren Vorstands-Boni. "Ich verstehe die öffentliche Diskussion, ich verstehe nicht, dass die Diskussion in die Öffentlichkeit getragen wurde. Damit bezog sich Müller auf Aussagen des niedersächsischen Ministerpräsidenten und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil. Der SPD-Politiker hatte den Vorstand mehrfach öffentlich zu einem Verzicht bei den Bonuszahlungen aufgefordert.

Quelle: ntv.de, ppo/dpa