Wirtschaft

Ende des Corona-Crashs? Warum der Ölpreis wieder steigt

Nach den Rekordtiefs an den Zapfsäulen steigt der Ölpreis wieder. Aber wie lange?

Nach den Rekordtiefs an den Zapfsäulen steigt der Ölpreis wieder. Aber wie lange?

(Foto: picture alliance/dpa)

Die globale Viruskrise hat den Ölmarkt pulverisiert: Erstmals in der Geschichte fallen die Preise ins Negative. Nun geht es fast genauso schnell wieder aufwärts. Bis sich der Markt von dem historischen Zusammenbruch wirklich erholt, dürfte es noch lange dauern.

Am Nachmittag des 20. April passiert etwas, was es in der Weltgeschichte noch nie gegeben hat. Während das Corona-Virus grassiert und die Wirtschaft weltweit durch Ausgangssperren schockgefroren wird, bricht unter Terminhändlern Panik aus. Die Preise für Rohöl fallen nicht nur ins Bodenlose - sie werden negativ.

Weltweit ist so viel Öl in Umlauf und die Nachfrage wegen der Corona-Krise so schwach, dass Trader ihre Käufer bezahlen, wenn sie ihnen das Öl abnehmen. In nur zwanzig Minuten rutscht der Preis für die US-Sorte WTI an diesem historischen Nachmittag auf unter -40 Dollar pro Barrel ab. Weltweit quellen die Lager über, die Produzenten wissen schlicht nicht mehr, wohin mit all ihrem schwarzen Gold.

Rohöl WTI
Rohöl WTI 37,44

Genau einen Monat später hat sich der Trend komplett gedreht. Innerhalb von nur vier Wochen haben sich die Ölpreise fast vollständig vom historischen Crash in der Corona-Krise erholt. Inzwischen kostet ein Fass der US-Sorte WTI wieder deutlich über 30 Dollar. Zwar sind sie damit immer noch Lichtjahre von ihren Allzeitrekorden vor der Finanzkrise entfernt, als Öl für über 100 Dollar pro Barrel gehandelt wurde. Aber für den Moment scheint der Ölmarkt das Schlimmste hinter sich zu haben.

Die Frage ist allerdings, wie dauerhaft die Erholung sein wird. Der "schwarze April", wie ihn Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energie Agentur (IEA) genannt hat, ist zwar vorbei. Doch die eigentlichen Ursachen für die historisch beispiellose Achterbahnfahrt sind nicht verschwunden. Und die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Pandemie verschärft die Absturzgefahr zusätzlich.

Öl-Großmächte pumpen weiter ums Überleben

Schon lange vor Corona waren die Ölpreise im Sinkflug. Denn die größten Förderländer der Welt liefern sich seit Jahren einen Preiskrieg. Eigentlich brauchen die autokratischen Regime in Russland, Venezuela, Saudi-Arabien, Iran und anderswo am Persischen Golf hohe Ölpreise, um ihre Haushalte zu stabilisieren und ihre Bevölkerung mit staatlichen Almosen ruhigzustellen. Doch sie können sich nur schwer darauf einigen, wer wieviel fördern darf und damit wie viele Petrodollars kassiert.

Hinzu kommt, dass die USA dank der Fracking-Revolution zum größten Olproduzenten der Welt aufgestiegen sind und den Ölscheichs am Golf immer mehr Marktanteile abjagen. Und schließlich ist der Ölriese Russland kein Opec-Mitglied und hält sich daher nur nach Gutdünken an die Förderbeschlüsse des Preiskartells.

Diese geopolitische Konfliktlage kann jederzeit explodieren. Mitten in der Corona-Pandemie, die die Ölnachfrage pulverisierte, lieferten sich Saudi-Arabien und Russland zusätzlich einen neuen Schlagabtausch: Riad pumpte Rekordmengen auf den Markt, um Moskau zu verdrängen. Erst am 9. April einigten sich beide Seiten in einem Waffenstillstand auf die weitreichendste Drosselung ihrer Ölförderung seit Langem, um die Preise zu stabilisieren. Bis Ende Juni werden wahrscheinlich bis zu 17 Millionen Barrel täglich vom Markt verschwunden sein, zitiert „Bloomberg“ den Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo. Doch es ist unklar, wie stabil der Burgfrieden zwischen den Öl-Großmächten ist.

Denn die Feuerpause ist zeitlich begrenzt und die Fördermengen werden schon bald wieder steigen. Seit Anfang Mai haben die Opec-Staaten und Russland die Produktion um zehn Millionen Barrel täglich zurückgefahren. Ab Juli wird die Förderung dann nur noch um acht Millionen Barrel täglich gekürzt, ab Januar nur noch um sechs Millionen Barrel täglich. Im April 2022 läuft das Abkommen gänzlich aus, im Dezember 2021 soll über eine Verlängerung verhandelt werden.

Die Frage ist, ob die Pandemie in anderthalb Jahren wirklich schon vorbei ist. Und ob der Wille zur Einigung in Moskau oder Riad nicht schon vorher erlahmt und eine der beiden Seiten die vereinbarte Waffenruhe bricht. Das nächste Mal wollen sich Russland und die Opec am 10. Juni treffen. Dabei werde man sich alle Optionen ansehen, sagte Barkindo.

Der "schwarze April" könnte sich wiederholen

Nicht nur das Ölangebot, auch die weltweite Ölnachfrage beginnt sich wieder zu normalisieren. Immer mehr Länder weltweit lockern ihre Corona-Beschränkungen und kehren in den wirtschaftlichen Normalmodus zurück. Der Einbruch um fast ein Drittel, der auch den beispiellosen Preiscrash am 20. April getrieben hat, ist inzwischen zwar Geschichte, die Angst, dass das viele ungewollte Öl nirgendwo mehr gelagert werden kann, vorerst gebannt.

Doch die Wiedereröffnung der Weltwirtschaft bleibt ein riesiges Experiment mit vielen Unsicherheiten. Wegen des historischen Crashs startet die Erholung von einem extrem niedrigen Niveau. Und in vielen Schlüsselindustrien, die die Ölnachfrage treiben, wie etwa die Luftfahrtbranche, dürfte es noch auf lange Zeit düster aussehen.

Allein in diesem Jahr geht die Bundesregierung von einem Rekordeinbruch der Wirtschaft von 6,3 Prozent aus. US-Notenbankchef Jerome Powell warnt vor der schlimmsten Rezession seit dem 2. Weltkrieg. Die Erholung könne sich noch eine ganze Weile hinziehen: "Es könnte bis nach dem Ende des nächsten Jahres dauern. Wir wissen es einfach nicht", sagte Powell dem US-Sender CBS.

Und selbst dieser äußerst zaghafte Zeitplan könnte jederzeit durch eine zweite Virus-Welle zunichte gemacht werden und die Ölpreise wieder in den Keller schicken. "Ich denke es wird eine lange Zeit dauern, bis sich die Nachfrage wieder vollständig erholt, wahrscheinlich bis wir einen Impfstoff haben", zitiert Bloomberg den Investmentmanager Pierre Andurand.

Quelle: ntv.de