Wirtschaft

Erzfeinde sollen Tengelmann retten Wer beim Supermarkt-Showdown gewinnt

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Herr Haub winkt zum Abschied: Seit Jahren schon versucht der Unternehmer, seine Supermärkte zu verkaufen.

(Foto: imago/sepp spiegl)

16.000 Mitarbeiter von Kaiser's Tengelmann zittern um ihre Jobs. Bevor am Freitag der Aufsichtsrat über Filialschließungen berät, treffen sich die wohl bittersten Konkurrenten des deutschen Lebensmitteleinzelhandels zu einem Krisengipfel.

Die Supermarkt-Chefs, die am Donnerstag aufeinandertreffen, sind mehr als nur Konkurrenten. Tengelmann-Eigner Karl-Erivan Haub, der seine Märkte gerne schnellstmöglich an den Branchenführer Edeka verkaufen will, und Rewe-Chef Alain Caparros, der dem Konkurrenten die Filialen gern weggeschnappt hätte, gelten als Intimfeinde. Nicht zuletzt auf diese persönliche Feindschaft führen manche Beobachter zurück, dass Kaiser's Tengelmann schon in wenigen Tagen die Schließung Dutzender Filialen ankündigen könnte. Am Donnerstagabend wollen sie an einem geheimen Ort gemeinsam mit der Gewerkschaft Verdi nach einem Ausweg suchen.

Monatlich verliert Haub derzeit eine zweistellige Millionensumme mit seinen Märkten, deren Verkauf an Edeka durch Einsprüche und Gerichtsverfahren wegen kartellrechtlicher Bedenken blockiert ist. Der Unternehmer will das nicht länger akzeptieren. Das Spitzentreffen der Kontrahenten und des Verdi-Chefs Frank Bsirske sowie Gewerkschaftsfachfrau Stefanie Nutzenberger soll Möglichkeiten für einen Kompromiss ausloten. n-tv.de erklärt, was sich die Beteiligten von dem Treffen versprechen, und wer von ihnen bereits gewonnen oder verloren hat.

Kaiser's-Tengelmann-Eigner Haub

Vor einiger Zeit hätte Haub mit dem Verkauf seiner verbliebenen etwa 450 Kaiser's- und Tengelmann-Märkte noch einen vorzeigbaren Kaufpreis erzielen können. Doch die Lage der Supermärkte hat sich in den vergangenen Monaten rapide verschlechtert. Der vor zwei Jahren ausgehandelte Verkauf an Edeka ist kurzfristig zumindest nicht durchsetzbar. Obwohl das bereits seit einigen Monaten absehbar war, sträubte Haub sich lange, Alternativlösungen wie einen Verkauf an Rewe oder eine Aufteilung des Unternehmens auszuloten.

"Haub hat sich verkalkuliert", sagt Thomas Roeb, Handelsexperte der Fachhochschule Bonn/Rhein-Sieg gegenüber n-tv.de. Jetzt gehe es für den Unternehmer darum, die Verluste einzugrenzen. Realistische Optionen dafür sind die möglichst schnelle Schließung möglichst vieler unrentabler Filialen oder die Zerschlagung der Kette und ihr Verkauf in Einzelteilen. Abgesehen von den Vertretern der Arbeitnehmer steht Haub unter den Teilnehmern des morgigen Treffens am stärksten unter Zeitdruck. Dass er sich mit dem Rewe-Chef trifft, dessen Angebot er vor kurzem noch als "unseriös" bezeichnete, zeigt, dass Haub von seinen Maximalvorstellungen abgerückt ist.

Edeka-Chef Markus Mosa

Als Marktführer im deutschen Lebensmittelhandel hat vor allem Edeka kein Interesse daran, dass der Konkurrent Rewe durch eine Übernahme vieler Märkte zu ihm aufschließen könnte. Edekas Vorstandsvorsitzender Markus Mosa gilt als langjähriger Partner Haubs. Er hätte diesem gern alle Filialen abgenommen, doch auch eine Teilübernahme gilt als interessant für Edeka.

Eine Zerschlagung von Kaiser's Tengelmann in kleine regionale Einheiten oder sogar ein Verkauf von einzelnen Filialen hätte für Edeka den Vorteil, dass die Märkte von selbständigen Edeka-Marktbetreibern übernommen werden könnten, die im Gegensatz zum Gesamtkonzern nicht an teure Tarifverträge und die strengen Bedingungen zum Arbeitsplatzerhalt aus der umstritten Ministererlaubnis von Sigmar Gabriel gebunden wären. Mit seiner Ausnahmegenehmigung hatte der Wirtschaftsminister das Nein der Kartellwächter zum Kauf durch Edeka aushebeln wollen, vor allem mit dem Argument, so alle etwa 16.000 Arbeitsplätze bei Kaiser's Tengelmann erhalten zu können.

Rewe-Chef Alain Caparros

Der streitbare Rewe-Chef Alain Caparros hat aus seinem Unmut – manche sagen Wut – darüber, dass Haub sein Angebot für die Kaiser's-Tengelmann-Märkte überhaupt nicht in Erwägung zog, nie einen Hehl gemacht. Gegen Gabriels Ministererlaubnis wetterte Caparros als ein "abgekartetes Spiel", gegen das Rewe umgehend Klage einreichte und somit den jetzigen Stillstand mit verursachte.

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Caparros hätte vor Jahren schon gern die Plus-Märkte von Haub gekauft. Doch auch damals kam Edeka zum Zuge.

(Foto: dpa)

Vom morgigen Treffen, teilte Caparros mit, erhoffe er sich eine "faire Aufteilung" der Märkte zwischen den Konkurrenten. Dabei versicherte ein Rewe-Sprecher, dass das Unternehmen in jedem Fall die Arbeitsplätze und die geltenden Tarifverträge übernehmen würde. Caparros gehört bereits zu den Gewinnern des Treffen, denn es zeigt, dass Haub und Mosa ihn inzwischen als Teil einer Lösung für Kaiser's Tengelmann akzeptieren - und zwar unabhängig davon, wie die Klage gegen die Edeka-Übernahme am Ende ausgeht. Eine Einvernehmliche Aufteilung der Kaiser's-Tengelmann-Märkte zwischen den Konkurrenten Edeka und Rewe am Verhandlungstisch, ist vermutlich die einzige Lösung, die betriebswirtschaftlich funktioniert und kartellrechtlich akzeptabel wäre, erläutert Handelsexperte Roeb.

Verdi-Boss Frank Bsirske und Handelsexpertin Stefanie Nutzenberger

Für die Arbeitnehmer sollen Verdi-Chef Frank Bsirske und das für Handel zuständige Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Stefanie Nutzenberger an dem Treffen teilnehmen. Für die Mitarbeiter ist die Lage derzeit am drängendsten: Setzt Haub die von ihm ins Spiel gebrachte Schließung unrentabler Filialen vor allem im Ruhrgebiet um, könnten innerhalb kurzer Zeit mehrere tausend Arbeitsplätze wegfallen. Mit jedem Tag wird diese Gefahr größer. Auch einen Verkauf der Supermärkte in kleinen Teilen wollen die Gewerkschafter verhindern. Druckmittel haben sie allerdings keine. Einige Arbeitsplätze dürften langfristig in jeden Fall wegfallen, da vor allem im Ruhrgebiet die Konkurrenz groß ist und manche Filialen auf Dauer nicht rentabel zu betreiben sind.

Die Kartellwächter

Die Kartellrechtler sitzen zwar nicht am Verhandlungstisch. Doch der Streit um Gabriels Ministererlaubnis zeige, dass man die Bedenken des Bundeskartellamtes und der Experten der Monopolkommission nicht außer Acht lassen dürfe, warnt Handelsexperte Roeb. Die Kartellwächter "ein weiteres Mal vor den Kopf zu stoßen", wäre äußerst unklug.

Quelle: n-tv.de

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