Wirtschaft

Angst vor einem kalten Winter Wer liefert Gas, wenn Putin den Hahn zudreht?

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Mit oder ohne russisches Gas: Wie kommen wir durch den Winter?

(Foto: picture alliance / dpa)

Über die Hälfte der Deutschen rechnet mit Engpässen bei der Gasversorgung. Russland ist der größte Gaslieferant. Schlittern wir als Folge des Ukraine-Konflikts auf eine Energiekatastrophe zu? USA und Katar rücken als Ersatzlieferanten in den Fokus. Doch so einfach ist es nicht.

Der Russland-Ukraine-Konflikt und die Explosion der Erdgaspreise schüren zunehmend Ängste hinsichtlich der Versorgungssicherheit bei Gas. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für das RTL/ntv-Trendbarometer glauben mehr als 60 Prozent der Befragten hierzulande, dass es infolge des Konflikts zu Engpässen bei der Lieferung von russischem Gas nach Deutschland kommen wird. Wer soll die Versorgungslücke schließen? Und wie real ist die Gefahr, dass Kreml-Chef Wladimir Putin wegen des Streits den Export drosselt?

Unbegründet ist die Sorge vor einer Verknappung von Gas nicht. Putin weiß um Russlands Macht. Der Anteil russischen Erdgases am deutschen Bedarf liegt laut Expertenangaben zwischen gut 30 und 50 Prozent. Rund die Hälfte der 41,5 Millionen Haushalte hierzulande heizen mit Gas. Nicht nur die Verbraucher und Verbraucherinnen müssen die Folgen einer Verknappung mitten im Winter fürchten, auch die Industrie muss sich Sorgen machen: Einige Branchen wie die Keramik-Industrie könnten ohne Erdgas überhaupt nicht produzieren.

Wie also kann die Versorgung sichergestellt werden? Notfallpläne, die die USA und Katar angeblich mit europäischen Versorgern schmieden, haben die Koordinatoren als Ersatzlieferanten in den Fokus gerückt. Die USA und Katar liefern bereits verflüssigtes Erdgas (LNG - Liquified Natural Gas) mit Tankern nach Europa. Beide haben signalisiert, helfen zu wollen und ihre Lieferungen hochzufahren. Dass das ausreicht, sehen Experten jedoch kritisch.

USA können kaum mehr liefern

Die USA sind zwar ein Schwergewicht auf dem Flüssiggasmarkt - sie haben Katar und Australien als Top-Lieferanten inzwischen überholt. Aber seitdem der russische Staatskonzern Gazprom die Liefermengen gering hält und damit die Preise nach oben treibt, sind die Liefermengen aus Amerika schon enorm gestiegen. Laut Angaben der Energiebehörde EIA landete im Dezember bereits rund die Hälfte des Flüssigerdgases aus den USA per Tanker in europäischen Häfen. Das entspricht einer Steigerung von 16 Prozent zum Jahr zuvor, mehr ist kaum möglich.

Um im Fall eines Stopps russischer Gaslieferungen noch mehr LNG nach Europa zu bekommen, müsste die dafür notwendige Infrastruktur auf dem Kontinent ausgebaut werden. Sogenannte LNG-Terminals gibt es in Großbritannien, den Küsten Nordwesteuropas und im Mittelmeer. In Deutschland fehlen bislang solche Anlagen.

Auch in den USA gibt es Engpässe: 2021 wurden keine weiteren LNG-Anlagen genehmigt, ein Dutzend befinden sich im Bau. Die Kapazitäten in den Exportanlagen, wo das Erdgas heruntergekühlt und verflüssigt wird, sind ebenfalls am Limit. Der Markt könnte gar nicht so schnell "auf einen viel höheren Bedarf aus Europa reagieren", zitiert die "Zeit" die Energieexpertin Kirsten Westphal.

Sollten russische Streitkräfte also in die Ukraine einmarschieren und die russischen Erdgaslieferungen stocken, sind die USA nicht Europas Ass im Ärmel. Die größten Lieferanten nach Russland sind Norwegen mit 20 Prozent, und die Niederlande mit zwölf Prozent Anteil am deutschen Gas-Bedarf. Aus eigener Förderung stammt in Deutschland nicht mehr als fünf Prozent. Etwa ein Fünftel des Bedarfs (etwa 22 Prozent) wird in der Regel aus Speicherkavernen gespeist, der Rest aus anderen Quellen. Viel zu holen scheint hier nirgendwo. Der Chef des Kraftwerksbetreibers Uniper, Klaus-Dieter Maubach, stellt fest: "Russland kann als Lieferant in den kommenden Jahren nicht ersetzt werden".

Katar und Libyen haben keine Reserven

Auch der Wüstenstaat Katar, der zu den weltweit größten Gasproduzenten und -exporteuren gehört, und der bereits Großbritannien und andere europäische Länder mit LNG beliefert, fällt laut der US-Finanzagentur Bloomberg für Kompensationslieferungen aus. Das Gleiche gilt für Libyen, das ebenfalls viel Gas besitzt und durch die Nähe zu Europa ein willkommener Ersatzspieler auf dem Erdgasmarkt wäre. Beide Länder haben ihre gesamten Produktionsmengen bereits Kunden vertraglich zugesichert. Was nicht ausschließt, dass Lieferungen nicht umgeleitet werden könnten, weil der Bedarf anderswo plötzlich doch niedriger ist, schreibt Bloomberg.

Das Problem ist, dass der Ukraine-Konflikt in einer Phase eskaliert, in der Gas weltweit knapp ist. Die Volkswirtschaften haben begonnen, sich von der Corona-Krise zu erholen. Das hat die Energiereserven geschrumpft. Kein Lieferant hat zurzeit zu viel Gas. Andernfalls wäre die Lage nicht so dramatisch. In den Gesprächen, die die USA und Katar angeblich bereits mit den Versorgern in Europa führen, wird deshalb auch eine andere Strategie erkennbar.

Über die Gespräche heißt es, diese seien "wirklich weitreichend" und "mit vielen Unternehmen und Ländern auf der ganzen Welt". Die USA und Katar würden "kein einzelnes Unternehmen oder Land bitten, die Exporte um erhebliche Mengen, sondern eher um kleinere Mengen zu steigern aus einer Vielzahl von Quellen". Mit anderen Worten: Es wird die Resterampe auf dem Gasmarkt gesichtet und alles aufgekauft, wo immer es was zu holen gibt - und seien es nur geringe Mengen -, in der Hoffnung, dass die Menge in der Summe die Lücke schließt.

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Die gute Nachricht ist, dass Fachleute die Gefahr, Russland könnte Europa bei einer Eskalation der Ukraine-Krise von Gaslieferungen abschneiden, zwar für real, aber dennoch unwahrscheinlich einschätzen. "Wir kommen durch den Winter", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ntv. Ob Russland tatsächlich weniger liefern werde, sei noch nicht ausgemacht. Denn "bisher ist es so, dass die Lieferverpflichtungen eingehalten werden". Ein Problem sieht die Wirtschaftswissenschaftlerin dennoch: "Dass wir zu abhängig sind vom russischen Gas, ist problematisch."

Auch Karen Pittel vom Ifo-Institut beschwichtigt: "Es würde mich doch sehr stark wundern, wenn die russischen Erdgaslieferungen aufgrund des Ukraine-Konfliktes - als Rache für Sanktionen - zum Erliegen kommen würden." Tatsache ist, Russland ist auf die Deviseneinnahmen durch die Erdgasverkäufe dringend angewiesen.

Quelle: ntv.de

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