Wirtschaft

Miliz ändert Geschäftsmodell Wie der IS finanziell vorgesorgt hat

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Was vom "Kalifat" übrig blieb: Die Kommandeure gehen in den Untergrund und nehmen die "Staatskasse" mit.

(Foto: AP)

Der selbsternannte Islamische Staat dürfte bald sein gesamtes Territorium verlieren - und damit auch seine bisherigen Einnahmequellen. Dennoch sind die Terroristen finanziell keineswegs am Ende. Sie haben ihr Geschäftsmodell angepasst.

Die Kontrolle über große Landstriche in Syrien und im Irak hat die Terrormiliz IS reich gemacht. Mit Einnahmen von rund 80 Millionen Euro monatlich - hauptsächlich durch Steuern, Lizenzen für Unternehmen, den Export von Öl, geraubte Kunst und Antiquitäten - konnten sich die Islamisten zumindest finanziell annähernd wie ein Staat gerieren. Der IS stieg zur mit Abstand finanzkräftigsten Terrorgruppe der Welt auf. Mit dem rapide schrumpfenden Territorium versiegen die bisherigen üppigen Finanzquellen des "Kalifats". Experten zufolge hat die Miliz allerdings eine Strategie für ihre Umwandlung von einem staatsähnlichen Gebilde zu einer Untergrundorganisation - nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich.

Renad Mansour und Hisham al-Hashimi vom Londoner Thinktank Chatham House zufolge dürfte der IS auch nach dem absehbaren Verlust seines Territoriums die reichste aller Terrororganisationen bleiben. Sie weisen darauf hin, dass die Kontrolle über ein großes Territorium und Millionen von Menschen für die Miliz nicht nur hohe Einnahmen, sondern auch Ausgaben mit sich brachte. So unterhielt sie verwaltungsähnliche Strukturen und zumindest eine rudimentäre öffentliche Infrastruktur beispielsweise mit Schulen und Sozialeinrichtungen. Vor allem gilt die bisherige offene Kriegsführung an mehreren Fronten als erheblich teurer im Vergleich zur Guerilla-Strategie, auf die sich die Kämpfer künftig wohl wieder verlegen dürften.

Während die Ausgaben des IS mit dem Verlust des Territoriums massiv zurückgehen oder bereits gegangen sind, habe sich die Organisation bereits neue Einnahmequellen erschlossen, berichten Mansour und al-Hashimi. Sie gehen davon aus, dass die Terroristen über große Bargeldreserven verfügen. Dieses Geld werde derzeit in großem Stil über Mittelsmänner in legale Unternehmen investiert. Die Experten berufen sich unter anderem auf westliche Diplomaten, denen zufolge solche Investitionen von IS-Geldern im Irak nachgewiesen werden konnte. Man müsse allerdings davon ausgehen, dass dies derzeit auch in Syrien passiere.

Comeback des "Kalifats"

Wählerisch sind die Islamisten bei ihren Investitionen nicht. Elektro-Unternehmen kaufen sie ebenso wie Autohändler, private Kliniken oder Lebensmittel- und Getränkehersteller. Entscheidend für diese Geschäfte ist das Netz aus Mittelsmännern, über das der IS verfügt. Bereits in den vergangenen Jahren konnten sich die IS-Kommandeure, die großteils auf internationalen Sanktionslisten stehen und daher nicht offen als Investoren auftreten können, auf regionale Geschäftsleute und Stammesführer verlassen, die aus reinem Gewinnstreben Geld für die Terroristen wuschen und als Strohmänner bei Geschäften mit Unternehmen außerhalb des "Kalifats" fungierten.

Unter diesen Mittelsmännern befänden sich Angehörige verschiedener Glaubens- und Volksgruppen des Iraks - auch sonst vom IS brutal verfolgte Schiiten, schreiben die Chatham-House-Experten. Diese Strohmänner stellten in der Regel keine Fragen, woher das ihnen anvertraute Geld stamme, und lieferten den Gewinn aus ihren Geschäften regelmäßig bei ihren IS-Kontakten ab.

Neben Beteiligungen an oder Übernahmen von Unternehmen waschen IS-Mitglieder derzeit offenbar auch große Summen bei irakischen Wechselstuben, die ihnen teilweise sogar selbst gehören. Erleichtert wird die Verschleierung der Geldströme durch die großteils informelle Kriegswirtschaft. Bargeld spielt hier die mit Abstand größte Rolle. Zahlungen werden nicht über Banken, sondern über das sogenannte Hawala-System - ein auf vertrauen basierendes informelles Netzwerk - abgewickelt.

Mansour und al-Hashimi mahnen, dass sich die internationale Anti-IS-Koalition dringend mit der Aufdeckung und Trockenlegung dieser Finanzströme beschäftigen müsse, wenn sie die Terrororganisation nachhaltig bekämpfen wolle. Das große Vermögen könne den Terroristen andernfalls nicht nur ein Überleben im Untergrund ermöglichen, sondern eines Tages auch ein Comeback des "Kalifats".

Quelle: n-tv.de

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