Wirtschaft

Rekordhohe Erzeugerpreise Wie groß wird das Loch im Geldbeutel?

221681317.jpg

Das Einmaleins der Inflation: Erzeuger- und Verbraucherpreise sind zwei verschiedene paar Schuhe, die nicht im Gleichschritt marschieren.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Lieferengpässe bei Holz und Stahl peitschen die Preise für gewerbliche Vorprodukte in Höhen, die wir seit fast 50 Jahren nicht gesehen haben. Die Frage ist, wie stark merken die Verbraucher das an der Kasse?

Die Inflationsangst der Deutschen wird in diesen Wochen vor der Wahl besonders von Friedrich Merz getrieben. "Inflation ist der Taschendieb des kleinen Mannes", sagte der Unions-Politiker Mitte September in einem Interview mit dem "Handelsblatt". Für nächstes Jahr prognostizierte er gar Preissteigerungen von knapp fünf Prozent. Schuld daran wäre dann laut Merz natürlich "Olaf Scholz".

Tatsächlich ist die Inflation in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Aktuell liegt sie bei knapp vier Prozent. Schuld daran ist aber nicht Olaf Scholz, sondern vor allem das Ende der Corona-Pandemie. Eine wiedererstarkte Nachfrage besonders nach Energie und die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung aus dem vergangenen Jahr haben dazu beigetragen. Einmaleffekte, die im kommenden Jahr nicht mehr auftreten werden.

Ökonomen beruhigen daher. "Wir erwarten beim Ifo, dass wir jetzt ein paar Monate noch erhöhte Inflationsraten haben, aber dass sich das dann wieder normalisiert", sagte etwa der Präsident des Ifo-Instituts Clemens Fuest Ende August in der Interviewreihe Frühstart von RTL und n-tv. Manche Ökonomen befürchten sogar, dass die Inflation bald wieder unter dem Zwei-Prozent-Ziel der EZB liegen könnte, was ebenso wenig wünschenswert wäre wie eine hohe Inflation.

Löhne und Lieferengpässen können Preise treiben

Ein gewisses Risiko für eine höhere Inflation besteht, wenn es auf dem Arbeitsmarkt eng wird, die Firmen höhere Gehälter zahlen müssen und die Preise erhöhen, oder aber, wenn die Unternehmen ihre immer weiter steigenden Materialkosten an die Kunden weitergeben.

Besonders letzteres könnte passieren. Denn schon seit Monaten werden viele Rohstoffe immer teurer. Preise für Holz, Stahl und andere Metalle haben sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt, weil die Unternehmen unter Lieferengpässen leiden. Infolgedessen waren die Erzeugerpreise für Unternehmen im August zwölf Prozent höher als im August 2020 - der höchste Anstieg gegenüber dem Vorjahresmonat seit Dezember 1974. Es stellt sich jedoch die Frage, wie stark die Erzeugerpreise die Preise für das beeinflussen, was die Deutschen regelmäßig kaufen?

Das hängt zunächst davon ab, wie lange die Erzeugerpreise so hoch bleiben. Da die Produktion vieler Waren eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, werden auch die Preissteigerungen oft erst verzögert weitergegeben und nicht von allen Unternehmen zum gleichen Zeitpunkt. Preisverträge halten Unternehmen ebenso davon ab, ihre Preise direkt weiterzugeben. Etwa ein Jahr würde es normalerweise dauern, bis Änderungen der Vorleistungspreise auf die Inflation durchschlagen, heißt es in einem Forschungsbericht der EZB.

Lieferengpässe wahrscheinlich bis 2022

Die Lieferengpässe werden derzeit vor allem durch die weltweit hohe Nachfrage und den unsteten Schiffsverkehr verursacht. In einer Umfrage der deutschen Industrie- und Handelskammer erwarten 80 Prozent der Unternehmen, dass es in diesem Jahr nicht mehr zu einer Entspannung kommt. Handelsexperten gehen davon aus, dass sich die Probleme Anfang kommenden Jahres auflösen werden. Es besteht also eine gewisse Gefahr, dass die höheren Erzeugerpreise weitergegeben werden. Und in der Tat sind schon jetzt einige Produkte, die unter Lieferengpässen bei Vorprodukten leiden, teurer als 2020. Fahrzeuge oder Möbel und Leuchten kosten 5,5 bzw. 4 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.

DEs gibt allerdings einen zweiten Faktor, der dafür sorgt, dass die Verbraucherpreise nicht im Gleichschritt mit den Erzeugerpreisen steigen. Zwei Drittel des Inflationsindexes in Europa und den USA beruhten auf den Preisen für Dienstleistungen, nicht für das verarbeitende Gewerbe, sagte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane in einem Interview mit der "Financial Times" im Mai. Die Preise für Dienstleistungen steigen aber erst, wenn die Löhne steigen. Davon ist man derzeit in Deutschland noch entfernt.

Viele Preistreiber fallen 2022 weg

Es besteht also eine Möglichkeit, dass die Preise für Verbraucher durch die Lieferengpässe leicht steigen. Aber eine hohe Inflation ist nicht zu erwarten, denn die Effekte, die derzeit die Inflation auf nahe vier Prozent getrieben haben, fallen im kommenden Jahr weg.

Dazu braucht man nur daran denken, dass die Inflation die aktuellen Preise mit den Preisen des Vorjahresmonats vergleicht. Gerade das Vorjahr, 2020, war für die Preisentwicklung aber ein besonderes Jahr. Fabriken blieben stehen, Menschen zu Hause und Flugzeuge am Boden. Besonders die Energiepreise sanken aufgrund der geringen Nachfrage. Dann senkte die Bundesregierung auch noch die Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent. Ende 2020 war die Inflation daher sogar mehrere Monate lang negativ.

Seitdem die meisten Fabriken aber wieder auf Hochtouren laufen, die Menschen durch Shoppingmalls schlendern und in Urlaub fliegen, steigen die Preise. Die Mehrwertsteuererhöhung wurde ebenso zurückgenommen. Wenn man diese Normalität mit normalen Preisen mit den ungewöhnlich niedrigen Preisen des Vorjahres vergleicht, führt das wenig überraschend zu einer hohen Inflation.

Mehr zum Thema

Wenn 2022 ohne weitere Pandemie auskommt, sollte die Inflation also auch wieder sinken. Auch wenn die Lieferengpässe und höhere Erzeugerpreise leicht auf die Verbraucherpreise durchschlagen.

Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.