Rettungsanker oder Milliarden-FalleWie riskant ist das Rüstungs-Pokerspiel der deutschen Wirtschaft?
Von Juliane Kipper
Deutschland plant für 2026 mit historischen 108 Milliarden Euro für die Verteidigung. Angelockt vom großen Geld schielt fast ein Drittel der Industrie auf Rüstungsaufträge. Doch der Sektor folgt einer eigenen Logik.
In der Wirtschaft zeichnet sich ein deutlicher Trend ab: Aufgrund der veränderten geopolitischen Sicherheitslage und massiv steigender Verteidigungsbudgets drängen immer mehr traditionell zivile Unternehmen in den Rüstungs- und Verteidigungssektor oder weiten ihre bestehenden Aktivitäten drastisch aus.
Besonders die unter einer Absatzschwäche leidende deutsche Autoindustrie zeigt angesichts steigender Militärausgaben ein wachsendes Interesse an der Rüstungsbranche. Der Automobilzulieferer Schaeffler, der Autobauer Mercedes-Benz, der Nutzfahrzeughersteller Daimler Truck, aber auch der Druckmaschinenhersteller Heidelberger Druck und der Laserspezialist Trumpf sind einige der jüngsten Beispiele. Die Umorientierung bezeichnet Simon Dornauer, Defence-Experte bei der Strategieberatung Arthur D. Little, auf Anfrage von ntv.de als die größte sicherheitspolitische und industrielle Neuausrichtung Europas seit dem Ende des Kalten Krieges.
Dass sich die deutsche Industrie zunehmend in Richtung Rüstung orientiert, zeigt auch eine Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Demnach sieht fast ein Drittel der befragten Industrieunternehmen Chancen für das eigene Geschäftsmodell in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.
Doch hält die Realität des Rüstungsmarktes mit den hohen Erwartungen der Unternehmen Schritt? Experten sehen in dem Strategiewechsel durchaus eine erfolgversprechende Zukunftsperspektive für Unternehmen, warnen Neueinsteiger jedoch vor verfrühtem Optimismus. "Verteidigung ist aus unserer Sicht keine kurzfristige Ausweichstrategie, sondern kann für ausgewählte Unternehmen ein langfristig attraktiver Markt sein", sagt Axel Borowski, Partner bei der Strategieberatung Strategy&, auf Anfrage von ntv.de.
Staat als Auftraggeber ist berüchtigt
Defence-Experte Dornauer schließt sich dieser Einschätzung an, betont aber das unternehmerische Risiko: "Die Rüstungsindustrie ist kein risikofreier Ersatz für zivile Märkte." Er sieht in ihr vielmehr einen attraktiven zusätzlichen Geschäftsbereich. "Als alleinige Wachstumsstrategie birgt sie jedoch erhebliche Konzentrationsrisiken." Die entscheidende Frage laute, ob Unternehmen ihre Abhängigkeit von einzelnen staatlichen Programmen begrenzen können.
Denn der neue Hauptkunde hat es in sich: Der Staat als Auftraggeber ist berüchtigt für langwierige Vergabeverfahren, bürokratische Hürden und strenge Preisprüfungen. Solche Eintrittsbarrieren und komplexe Vergabeprozesse führen laut Borowski dazu, dass sich Erträge häufig erst über längere Zeiträume realisieren lassen. Während etablierte Marktführer trotz hoher Fixkosten gutes Geld verdienen, gilt für Neueinsteiger oft das Gegenteil: Ihre ersten Jahre sind von hohen Investitionen und niedrigen Margen geprägt. "Rüstung ist kein Selbstläufer", bilanziert Dornauer. "Viele Unternehmen unterschätzen die Eintrittsbarrieren und überschätzen die kurzfristige Profitabilität."
Hinzu kommt das langfristige Risiko von Fehlinvestitionen, sollten in einigen Jahren die staatlichen Aufträge wieder ausbleiben. Gefährdet sind laut den Experten besonders Investitionen in hochspezialisierte Produktionsanlagen, die ausschließlich militärische Güter herstellen können. Momentan werden europaweit Milliarden in die Munitionsfertigung, Panzerkomponenten, Raketenproduktion und Sprengstoffkapazitäten investiert. "Sollte die Nachfrage in zehn Jahren sinken, könnten Teile dieser Kapazitäten unausgelastet sein", warnt Dornauer.
Beide Analysten sind sich einig, worauf es ankommt, um dieses Risiko von Überkapazitäten und wegbrechenden Märkten zu minimieren: Breite statt Nische. Unternehmen dürfen nicht auf eine einzige Technologie oder einen einzigen Kunden setzen. "Unternehmen, die auf modulare Fertigung, Dual-Use-Technologien und europäische Programme setzen, schaffen deutlich robustere Geschäftsmodelle als Unternehmen mit starker Spezialisierung", sagt Borowski. Einen kurzfristigen Nachfrageeinbruch halten beide Experten für unwahrscheinlich. Borowski sieht in der aktuellen Entwicklung vielmehr eine langfristige Transformation des gesamten Verteidigungssektors über die kommenden zehn bis fünfzehn Jahre.
Branche hängt nicht nur am Sondervermögen
Untermauert wird der strategische Kurswechsel der Industrie von historischen Investitionen der öffentlichen Hand. Für das Jahr 2026 plant Deutschland mit Verteidigungsausgaben von insgesamt rund 108 Milliarden Euro. Die Ausgaben steigen damit auf einen Höchststand seit Ende des Kalten Krieges. Das Geld soll vor allem in die Beschaffung neuer Waffensysteme, Ausrüstung und die Modernisierung der Kasernen fließen. Wenn das Sondervermögen ausläuft, könnte das den Spielraum für Unternehmen jedoch wieder einengen.
Borowski mahnt allerdings, die aktuelle Entwicklung nicht nur durch die Brille des Sondervermögens zu betrachten. "Die sicherheitspolitischen Prioritäten Deutschlands und Europas haben sich strukturell verändert, und sowohl nationale als auch europäische Programme zielen auf einen dauerhaften Kapazitätsaufbau ab." Auch Dornauer zufolge hängt die Branche nicht mehr allein am Sondervermögen.
Allerdings: Beide Experten sehen in der Politik einen wesentlichen Risikofaktor. Ein Regierungswechsel oder eine schwere Wirtschaftskrise könnten laut Dornauer Prioritäten verändern. Unabhängig davon: "Ein Rückgang des Wachstums ist derzeit nicht absehbar. Ein vollständiger Einbruch des Marktes erscheint dahingehend wenig wahrscheinlich", sagt Dornauer.
Spätestens wenn der deutsche Markt gesättigt ist, wird die Branche allerdings mit ihrem größten strategischen Risiko konfrontiert: dem Export. Die deutschen Exportkontrollen gehören zu den strengsten weltweit. "Exportfähigkeit wird zweifellos ein wichtiger Erfolgsfaktor sein", sagt Borowski. Allerdings werde es Jahre dauern, bis allein der deutsche und europäische Bedarf gedeckt sei.
Dornauer sieht in der aktuellen Entwicklung weder eine kurzfristige Blase noch eine reine Erfolgsgeschichte. Für ihn ist die deutsche Rüstungsindustrie ein struktureller Wachstumsmarkt. Dennoch besteht für den Experten von Arthur D. Little die Gefahr, dass Unternehmen Risiken wie politische Abhängigkeit, Exportbeschränkungen, hohe Spezialisierung und Reputationsfragen unterschätzen. "Die Gewinner werden diejenigen sein, die Verteidigung als strategische Diversifikation verstehen. Die Verlierer werden jene sein, die den aktuellen Boom mit einer Garantie für dauerhaftes Wachstum verwechseln."