Wirtschaft

1000-Meter-Regel "killt" Flächen Windbranche fürchtet Pleitewelle

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Die Bundesregierung plant derzeit eine neue Regel, wonach Windparks künftig nur noch in einem Abstand von mindestens 1000 Metern zu Wohnsiedlungen gebaut werden dürfen.

(Foto: picture alliance / Oliver Berg/d)

Wegen der Flaute bei Windkraftprojekten mehren sich die Krisensignale bei den deutschen Anlagenherstellern. Manager und Insolvenzverwalter prognostizieren weitere Insolvenzen. Denn die Pläne der Bundesregierung verschärfen die Lage.

Angesichts zunehmender politischer Hürden für neue Windkraftprojekte fürchtet die deutsche Windbranche eine Pleitewelle. "Alle leiden derzeit heftig: die großen Konzerne, die mittelgroßen Player, die Zulieferer", sagte Yves Rannou, Chef des Hamburger Windradherstellers Senvion, der bereits im April Insolvenz anmelden musste, dem Wirtschaftsmagazin "Capital".

Die Pleite seines Unternehmens sei nur "die Spitze des Eisbergs", sagte Rannou. "Wir waren die Ersten in unserer Branche, die es erwischt hat. Aber wir werden nicht die Letzten sein. Es wird noch eine ganze Menge passieren." Nach Informationen von "Capital" rechnen auch führende Insolvenzverwalter damit, bald neue Verfahren bei Unternehmen aus der Windbranche zu übernehmen.

In den vergangenen Monaten war der Bau neuer Windräder an Land in Deutschland nach mehreren Boomjahren massiv eingebrochen. In diesem Jahr gingen bis Ende November nach Angaben der Fachagentur Windenergie nur rund 200 Onshore-Anlagen neu ans Netz - ein absoluter Negativrekord. Gründe für die Flaute bei der wichtigsten Erneuerbare-Energien-Quelle sind unter anderem schleppende Genehmigungsverfahren und zunehmende Klagen von Windkraftgegnern. Die Folgen bekommt die zu den weltweiten Pionieren zählende deutsche Windindustrie, die sich lange auf den starken Heimatmarkt verlassen hatte, heftig zu spüren.

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Der Anlagenbauer Enercon aus Aurich kündigte jüngst den Abbau von rund 3000 Stellen an. Konkurrent Nordex musste im Oktober nach tiefroten Zahlen zu einer Kapitalerhöhung greifen. Bei Senvion ging nach der Insolvenz ein Teil des Geschäfts an den größeren Hersteller Siemens Gamesa, der Rest wird abgewickelt.

"Schlüsselkompetenzen werden zerstört"

Die Nachrichten von Restrukturierungsplänen, Kapitalerhöhungen und Stellenabbau bei anderen Unternehmen aus der deutschen Windbranche erinnerten ihn stark an die Entwicklungen bei Senvion, die letztlich zu der Insolvenz führten, sagte Rannou. "Natürlich wünsche ich niemandem, dass er unser Schicksal teilt. Aber wir dürfen nicht blind sein." Zwar sei eine Konsolidierung der Branche überfällig. Diese falle aber weniger schmerzhaft für die Mitarbeiter, Kunden und Geldgeber aus, wenn die Unternehmen selbst das Sagen behalten und nicht die Insolvenzgerichte, sagte Rannou.

Scharfe Kritik übte der Senvion-Chef an der Energiepolitik der Bundesregierung, die zuletzt einen windkraftkritischeren Kurs eingeschlagen hat. "Ich kann nicht verstehen, wie es die Bundesregierung hinnehmen kann, dass eine Zukunftstechnologie und industrielle Schlüsselkompetenzen zerstört werden", sagte Rannou. "Die deutsche Windkraftbranche war einer der Pioniere, international hoch angesehen. Hamburg war lange Zeit die Wind-Hauptstadt der Welt, es gibt in Deutschland viele fantastische Ingenieure und Mitarbeiter in der Produktion. Das bricht im Augenblick alles zusammen."

Um die Akzeptanz für die Windenergie in der Bevölkerung zu erhöhen, plant die Bundesregierung derzeit eine neue Regel, wonach Windparks künftig nur noch in einem Abstand von mindestens 1000 Metern zu Wohnsiedlungen gebaut werden dürfen. Die genaue Ausgestaltung der Regel ist auch innerhalb der Bundesregierung noch umstritten. Sollte der Mindestabstand wie geplant kommen, würde dieser einen Großteil der theoretisch möglichen Flächen für neue Windprojekte "killen", sagte Rannou.

Gegen die geplante Abstandsregelung für neue Windparks läuft nicht nur die Windbranche Sturm. Auch Industrieverbände, Gewerkschaften und einzelne Bundesländer warnen, dass ein Mindestabstand von 1000 Metern dazu führen würde, dass in den kommenden Jahren weniger Windkraftleistung zugebaut werde, als für die Einhaltung der Klimaziele der Regierung für 2035 benötigt wird.

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"Sollte es bei der aktuellen Politik bleiben, kann später niemand behaupten, dass ihn die Folgen überrascht hätten", sagte Rannou. "Die ehrliche Alternative wäre es dann, die Klimaziele aufzugeben."

Quelle: Capital