Wirtschaft

Ökonomen sehen starkes EuropaWirtschaftlich bilden USA und EU ein "Gleichgewicht des Schreckens"

23.01.2026, 19:22 Uhr Christina-LohnerVon Christina Lohner
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Die wirtschaftliche Abhängigkeit besteht auf beiden Seiten des Atlantiks. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Derisking lautet die neue Maßgabe gegenüber den USA, also die wirtschaftliche Abhängigkeit zu reduzieren. Allzu große Angst vor diesem Risiko müssen die Europäer allerdings gar nicht haben. Denn erpressbar wären beide Seiten gleichermaßen.

Europa atmet auf, weil der US-Präsident seine militärische Drohung gegenüber Grönland nicht wahr macht. Auch die ökonomische Keule neuer Zölle lässt Donald Trump in der Schublade. Die Forderung, sich auch aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von den USA stärker zu lösen, war in dieser Woche aber nicht mehr zu überhören. Ökonomen sehen die Europäer allerdings nicht in einer Position der Schwäche. Im Gegenteil: Wirtschaftswissenschaftler betonen, wie abhängig auch die USA umgekehrt von der EU seien.

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kam vor Kurzem zu dem Ergebnis, dass die USA im Warenhandel von der EU inzwischen sogar abhängiger sind als von China - auch in wichtigen industriellen und strategischen Bereichen. "Daher ist es nicht verwunderlich, dass der unberechenbare Donald Trump bisher zwar immer wieder mit Zöllen droht", sagt Jürgen Matthes, Leiter des IW-Bereichs Internationale Wirtschaftspolitik, ntv.de. "Aber gegenüber der EU gab es meines Wissens noch keine Drohungen der USA, wichtige Güter nicht zu liefern. Denn der US-Präsident dürfte wissen, dass er hier im Glashaus sitzt." Ein Beispiel: "Ohne die Hochleistungsmaschinen von ASML für die Produktion modernster Chips geht auch in den USA kaum etwas."

Auch Klaus-Jürgen Gern, der am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die internationale Konjunkturprognose leitet, betont: "Die wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA ist beträchtlich, in großen Teilen aber beidseitig, so dass vielfach eher von Interdependenz gesprochen werden sollte." So sei etwa Deutschland im industriellen Bereich ein wichtiger Technologielieferant für die USA, erklärt Gern ntv.de. Die starke gegenseitige Abhängigkeit zwischen den USA und der EU führt laut dem Wirtschaftswissenschaftler dazu, "dass in den USA starke Interessen bestehen, die Beziehungen aufrechtzuerhalten und die Funktionsfähigkeit der europäischen Wirtschaft sicherzustellen".

Die USA sind nach wie vor Deutschlands größter einzelner Exportmarkt, besonders wichtig für die klassischen Exportbranchen Autos, Maschinen, Chemie und Pharma, wie Gern ausführt. "Allerdings ist der Handel innerhalb Europas zusammengenommen bei Weitem wichtiger, der Anteil der Exporte in die USA and den Gesamtexporten liegt lediglich bei rund zehn Prozent." In umgekehrter Richtung sind die wichtigsten Importgüter aus den USA nach Deutschland pharmazeutische Erzeugnisse, sonstige Fahrzeuge wie Schiffe oder Flugzeuge, Datenverarbeitungsgeräte, Erdöl und -gas sowie chemische Erzeugnisse und Maschinen. Noch wichtiger als Waren sind beim Import amerikanische Dienstleistungen.

"Keine Wirtschaftsbeziehung ist so intensiv"

Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) hatte am Dienstag ebenfalls betont: "Deutsche und europäische Produkte werden weltweit gebraucht, auch in den USA." Mit Blick auf die im vergangenen Jahr verhängten US-Zölle sagte BGA-Präsident Dirk Jandura: "Trump sägt damit an dem Ast, auf dem er sitzt." Die deutschen Exporte in die USA sind im vergangenen Jahr bis November um mehr als neun Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesunken. "Die USA bleiben ein für uns sehr wichtiger Markt, aber nichts ist für die Ewigkeit", so Jandura. "Das Derisking hat begonnen."

Sich nun umfassend aus den US-Abhängigkeiten zu lösen, hält Matthes allerdings für eine Illusion, auch wenn dies in einzelnen kritischen Bereichen, wo es alternative Anbieter gibt, sinnvoll sei. So gebe es beispielsweise bei einigen Softwareanwendungen europäische Ausweichmöglichkeiten wie etwa SAP. "Doch in der Breite wird das kaum möglich sein", stellt der Ökonom klar. "Keine Wirtschaftsbeziehung ist so intensiv wie die transatlantische." Neben der starken Handelsbeziehung bestünden enge Unternehmens- und Finanzverflechtungen. "Und dann haben wir noch die engen Verbindungen in der Rüstungsindustrie."

Gern sieht Abhängigkeiten insbesondere bei Hightech und IT-Dienstleistungen, "wo in wichtigen Schlüsseltechnologien kaum europäische Alternativen existieren und die großen US-Konzerne dominieren: Halbleiter-Design, Software, KI, Betriebssysteme. Auch Dateninfrastruktur und -standards sind stark US-geprägt." Neu hinzugekommen sei der hohe US-Anteil bei den LNG-Importen. "Eine gewisse Abhängigkeit besteht zudem durch die Dominanz des US-Dollar als Weltwährung und von US-Firmen im internationalen Zahlungsverkehr: Kreditkartenfirmen sowie das Swift-Abrechnungssystem."

Problematisch ist in seinen Augen vor allem die Abhängigkeit bei verteidigungsrelevanten Fähigkeiten wie bestimmten Waffensystemen, Satelliten oder im Geheimdienstbereich. "Hier ist der rasche Aufbau eigener Kapazitäten unbedingt erforderlich angesichts einer offenbar nicht mehr gegebenen Verlässlichkeit der USA."

Exportbeschränkungen als "Ultima Ratio"

Um Handelsrisiken zu senken, sieht Gern eine Verstärkung der Handelsbeziehungen zu anderen Wirtschaftsräumen wie Indien/Südostasien, Mercosur und inzwischen auch Afrika als probates Mittel. Zweifel hegt der Ökonom an einem forcierten Aufbau europäischer Alternativen bei Cloud-Computing und Betriebssystemen. Voraussetzung hierfür sei, einen leistungsfähigen Risikokapitalmarkt sowie innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen.

"Sollte sich das Verhältnis mit den USA entgegen unserer Hoffnung noch weiter verschärfen, laufen wir damit in eine Situation hinein, in der man sich gegenseitige stark schädigen könnte", mahnt Matthes - "eine Art wirtschaftliches Gleichgewicht des Schreckens". Er hofft, dass dieses die US-Regierung weiter abschreckt. Umgekehrt warnt der Ökonom vor einer Eskalation seitens der EU in Form von Exportbeschränkungen bei wichtigen Gütern. "Ohne Not sollten auch wir hier nicht den ersten Schritt tun", meint Matthes. "Das kann nur eine Ultima Ratio sein."

Quelle: ntv.de

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