Wirtschaft

Klimaschutz bewusst verlangsamt Wirtschaftsweise kritisiert Industrie hart

217770878.jpg

Der Klimaschutz bietet große industriepolitische Chancen, sagt Grimm.

(Foto: picture alliance/dpa/Veronika Grimm)

Die deutsche Industrie hat zu lange versucht, den Strukturwandel hin zu einer klimafreundlicheren Wirtschaft aufzuhalten, statt ihn zu gestalten und zu nutzen. Diese Kritik kommt nicht von Ökoaktivisten, sondern von einer der renommiertesten Wirtschaftsforscherinnen des Landes.

Die Nürnberger Volkswirtschaftsprofessorin und "Wirtschafsweise" Veronika Grimm hat der deutschen Industrie vorgeworfen, den Strukturwandel hin zu mehr Klimaschutz zu lange bewusst verlangsamt zu haben. "Man darf nicht verschweigen, dass die Industrie teilweise versucht hat, diesen Strukturwandel aufzuhalten. Das kann sich nun rächen, wenn entscheidende Komponenten für eine klimafreundlichere Wirtschaft nicht aus Europa kommen", sagte Grimm.

Auch die Politik habe ihren Anteil an diesem Problem. "Die Strukturen haben dies begünstigt. Die Politik hat zum Beispiel bereitwillig immer wieder die Produktion von Verbrennermotoren gestützt und dadurch den Druck, Veränderungen anzustoßen, gering gehalten", sagte Grimm. "Man hat zu kurzfristig gedacht und Bestandserhaltung betrieben. Das hat sich ex post als nicht klug herausgestellt."

Im Verkehr sei es bisher nicht gelungen, seit 1990 die CO2-Emissionen zu reduzieren. Durch die Verschärfung der Klimaziele in der EU und in Deutschland entstehe nun ein erheblicher Handlungsdruck, schon mit Blick auf das Jahr 2030. "Gerade im Verkehr stehen wir vor großen Herausforderungen, zehn Jahre sind bezogen auf die Fahrzeugflotte eigentlich gar nichts", betonte Grimm. Man müsse aber auch immer bedenken, dass politische Entscheidungen eine gesellschaftliche Akzeptanz erfahren müssen. Nicht zuletzt die Klimabewegung der vergangenen Jahre habe einen Paradigmenwechsel möglich gemacht.

"Digitalisierung wird schwieriger"

Der Klimaschutz biete große industriepolitische Chancen und berge erhebliches Wachstumspotenzial, sagte Grimm. "Das bedeutet, dass wir uns nun auch wirklich konsequent in Richtung Zukunftstechnologien bewegen müssen". Besonders erfreulich sei, dass die Bundesregierung in ihren Corona-Hilfspaketen Investitionen für den Klimaschutz auch in der Krise möglich gemacht habe. "Das Geld, das auf dem Tisch liegt, müssen wir jetzt nutzen, um den Wandel hin zu klimaneutralen Technologien stark zu beschleunigen und insbesondere privates Kapital zu mobilisieren", sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin.

Grimm gehört seit April dem Sachverständigenrat Wirtschaft an, dem wichtigsten wirtschaftspolitischen Beratergremium der Bundesregierung. Nach Ansicht von Grimm eröffnet das Zusammenspiel der großen Technologiekompetenz in Deutschland und der guten Möglichkeiten zur Erzeugung erneuerbarer Energien in südlichen EU-Ländern eine Perspektive für Europa. "Wir sollten über den Aufbaufonds durch gemeinsame Investitionen in die Zukunft Zusammenhalt in Europa schaffen."

"Bei der Digitalisierung ist das schwieriger", fügte Grimm hinzu. Hier bestehe erheblicher Nachholbedarf, etwa im Gesundheitswesen, im Bildungswesen oder bei der öffentlichen Hand. "Die Corona-Krise hat uns vor Augen geführt: Hier könnte viel mehr bereits digitalisiert sein."

Quelle: ntv.de, mbo/dpa

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.