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Fragwürdige Firmenkultur Warum der Theranos-Skandal kein Einzelfall bleibt

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Elizabeth Holmes droht eine lange Haftstrafe.

(Foto: AP)

Im Kampf um Investorengelder ist es nicht ungewöhnlich, dass junge Firmen ihr Produkt hochjubeln. Auch Elizabeth Holmes hat vor ihrem Absturz konsequent behauptet, ihr Bluttest-Startup würde schon bald die Welt verändern. Die Grenze zwischen Blendern und Revolutionären ist fließend.

Bevor die einstige Vorzeigeunternehmerin Elizabeth Holmes von US-Geschworenen wegen Betrugs an mehreren Investoren schuldig gesprochen wurde, feierte das Silicon Valley die heute 37-Jährige lange als die Tech-Pionierin schlechthin. Immer wieder wurde sie sogar mit Apple-Gründer Steve Jobs verglichen. Mit ihm verband sie nicht nur ihre Vorliebe für schwarze Rollkragenpullover, sondern auch die Fähigkeit, Menschen von ihrer Mission zu begeistern und mitzureißen.

Für ihr Bluttest-Startup Theranos gewann sie finanzkräftige Investoren und prominente Fürsprecher wie Ex-Außenminister Henry Kissinger und den Medienmogul Rupert Murdoch. Im Nachhinein sollte sich diese Entscheidung zwar als gigantische Fehlinvestition herausstellen, da sich die vollmundigen Ankündigungen in Luft auflösten. Luis Hanemann vom Wagniskapitalgeber Headline merkt allerdings im Gespräch mit ntv.de an: "Ein generalistischer Investor kann nie alles zu 100 Prozent verstehen, da es sich oft um Zukunftstechnologien handelt." Ein gewisses Risiko bestehe für Wagniskapitalgeber immer, weil ihr Geld schließlich oft in bis dahin für unmöglich gehaltene Projekte fließe.

Theranos war im Jahr 2003 angetreten mit dem großen Versprechen, Bluttests zu revolutionieren: Nur wenige Tropfen aus dem Finger sollten reichen, um auch umfangreiche Analysen durchzuführen. In der Labortechnik wäre das eine Revolution gewesen. Die Gesamtbewertung des Biotech-Unternehmens erreichte in den Finanzierungsrunden bis zu neun Milliarden Dollar, auch das Vermögen von Holmes betrug damit - zumindest auf dem Papier - mehrere Milliarden Dollar.

Viele Startups jubeln Produkt hoch

Wie sich jedoch herausstellte, funktionierte die Technologie nie ausreichend verlässlich. So wurden die Tests etwa nicht mit eigenen Maschinen der Firma, sondern mit Labortechnik anderer Hersteller durchgeführt. Schon aus einem ureigenen Interesse müssen Investoren deshalb ihre Hausaufgaben machen und Geschäftsmodelle, Technologien und das Gründungsteam sorgfältig und kritisch prüfen.

Ein bewährtes Verfahren - nicht nur in der Startup-Szene - ist die sogenannte Due Diligence. Diese Prüfung umfasst meistens finanzielle und technische Aspekte und minimiert etwaige Risiken für Investoren. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Gründungsteams und Investoren ist aber auch Vertrauen unabdingbar. "Stakeholder, die Vertrauen missbrauchen, werden üblicherweise keinen Fuß mehr in der Branche fassen können. Das wirkt fast wie ein ungeschriebener Kodex", sagt Gesa Miczaika, Vorstandsmitglied des Startup-Verbands und Venture-Capital-Investorin des Auxxo Female Catalyst Funds, ntv.de. Richtig sei aber auch, dass es bei schwerkriminellem Handeln leider keinen hundertprozentigen Schutz gegen Vertrauensmissbrauch gebe. Für Investoren ist es eine Herausforderung, die Blender von den Revolutionären zu unterscheiden.

Es ist völlig normal, dass Startups ihr Produkt hochjubeln und viel versprechen. Und auch Holmes strahlte stets die Zuversicht aus, dass ihre Technologie schon bald die Welt verändern würde. Damit war sie eine Symbolfigur des Hightech-Zentrums Silicon Valley. Kritiker sehen in ihr aber auch eine Firmenkultur nach dem Motto "fake it till you make it" verkörpert.

Gründer müssen besonders selbstbewusst auftreten

Bis zu einem gewissen Grad ist dieses Mantra laut Hanemann durchaus in der Startup-Kultur verankert. "Das Gründungsteam muss unglaublich stark an seine Mission glauben und durchgehend verschiedene Stakeholder davon überzeugen, dass sie es schaffen werden." Lügen, wie sie bei Theranos gang und gäbe waren, sind nach seiner Erfahrung allerdings selten. Dinge zu beschönigen, komme hingegen schon häufiger vor. In seiner Laufbahn als Investor habe er es erst zweimal mit richtigem Betrug zu tun gehabt. "Wir sprechen hier aber von einem Portfolio aus mehr als 200 Startups."

Um einen Betrug schnell zu erkennen, müssen Investoren laut Hanemann eine enge Beziehung zum Gründungsteam aufbauen, damit sie ein Gefühl für die Menschen bekommen. Parallel dazu sollten auch Unterlagen und Referenzen eingeholt und überprüft werden.

Da nur Unternehmen mit großem Wachstumspotenzial Aussicht auf Finanzierung haben, treten Gründer bei Treffen mit Investoren Miczaika zufolge gern besonders selbstbewusst auf. Schließlich wollen sie ihre Idee bestmöglich verkaufen. "In den USA ist dies meines Erachtens stärker ausgeprägt als in Deutschland. Mit bewusster Täuschung hat das aber nichts zu tun." Insgesamt beobachtet Miczaika in der deutschen Startup-Landschaft auch keine "Fake it till you make it"-Kultur.

Die Staatsanwaltschaft in Kalifornien warf Holmes genau das vor: Sie soll die Geldgeber ihres Bluttests-Startups bewusst hinters Licht geführt haben. In dem Prozess wies die Unternehmerin die Betrugsvorwürfe zurück und beteuerte, stets an die Technologie ihres Unternehmens geglaubt zu haben.

"Teil des Systems"

Hanemann ist sich sicher: Ein Fall wie der Theranos-Skandal wird sich auch in Zukunft wiederholen. "Das ist einfach Teil des Systems." Um das Risiko so gering wie möglich zu halten, dürfen sich Geldgeber nicht darauf verlassen, dass ein anderer Investor das Konzept zuvor schon gründlich überprüft haben wird. "Man darf sich nicht vom Herdentrieb anstecken lassen. Und man sollte sich fernhalten von Branchen, die man gar nicht kennt."

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Miczaika rät dazu, die Prüfmechanismen immer wieder aufs Neue zu hinterfragen und sich besonders die Unternehmenskultur genau anzuschauen. "Denn in einer gesunden Kultur gibt es keinen Platz für Betrug." Gleichzeitig müssen Investoren offen für Neues bleiben. Alle Gründer unter einen Generalverdacht zu stellen, wäre fatal, schließlich sei Theranos eine absolute Ausnahme.

Was allerdings auch nicht vergessen werden darf: Viele Investoren, die sich im Gesundheitswesen auskennen, haben eine Investition in Theranos abgelehnt. "Das meiste Geld kam von reichen Unternehmern und Familien, die keine professionellen Investoren sind", sagt Hanemann. Das System Wagniskapital habe funktioniert.

Quelle: ntv.de

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