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Unendlich oft soll es jeden von uns in den Tiefen des Alls geben - so die Idee. Könnte das wirklich sein?
Unendlich oft soll es jeden von uns in den Tiefen des Alls geben - so die Idee. Könnte das wirklich sein?(Foto: imago/Science Photo Library)
Sonntag, 25. Februar 2018

Frage & Antwort, Nr. 521: Gibt es im All eine Kopie von uns?

Von Andrea Schorsch

Können Sie sich vorstellen, dass irgendwo im Universum ein anderer, der Ihnen bis aufs Haar gleicht, dasselbe Leben lebt wie Sie? Es gibt Physiker, die davon überzeugt sind. Was spricht dafür, was dagegen? Und wie kontaktieren wir unsere Kopie?

Bislang wissen wir nichts von der Existenz Außerirdischer, und die Erde mit ihren Bewohnern scheint ein außerordentlicher Glücksfall zu sein. Doch dass es auch irgendwo anders Leben gibt, halten viele Astrophysiker für wahrscheinlich. Manch einer geht noch weiter und sagt: Es gibt dort draußen nicht nur irgendwelches Leben, sondern exakt solches, wie wir es von der Erde kennen. Und noch mehr: Es gibt exakte Kopien von uns. Und zwar nicht nur eine, sondern unendlich viele.

Wie kommt man darauf? Und: Könnte das wirklich sein?

Diejenigen, die Kopien von uns für möglich oder gar unabdingbar halten, argumentieren im Wesentlichen mit der Unendlichkeit des Universums und mit der Statistik. Die Theorien der Physik müssen sie dafür gar nicht unbedingt bemühen, zur Begründung reicht ein Rechenexempel: Wenn das Universum unendlich groß ist, es darin aber nur eine endliche Menge an Elementarteilchen gibt und auch nur eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten, diese anzuordnen, dann – so die Argumentation – müsse es zwangsläufig irgendwo im unendlichen Raum zu Wiederholungen kommen. Eine exakte Kopie von uns kann uns noch so abwegig erscheinen: In einem unendlichen Universum müssten selbst die unwahrscheinlichsten Dinge irgendwo nochmal geschehen.

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Diese Idee der "vielen Welten" vertreten zum Beispiel – ein jeder etwas anders – die Physiker Brian Greene, Alexander Vilenkin, David Deutsch und Max Tegmark. Sie gehen, grob gesagt, davon aus, dass das für uns sichtbare Universum nur eine Art Insel ist, der sich unendlich viele andere solcher Inseln anschließen. All diese Inseln bestehen nebeneinander, eine jede unabhängig von den anderen. In dieser Vorstellung gebietet es die Statistik, dass es unter den Parallelwelten auch solche gibt, in denen sich alles so zugetragen hat wie bei uns - mit Galaxien wie bei uns, einer Milchstraße wie bei uns, einem Sonnensystem, das aussieht wie unseres, einer Erde, die unserer gleicht, und Menschen wie Ihnen, die gerade dasselbe tun wie Sie. Alles exakt gleich.

Das klingt gleichermaßen atemberaubend wie irrwitzig und übersteigt jede Vorstellungskraft. Beweisen lässt es sich nicht. Ganz im Gegenteil gibt es einiges, das dagegen spricht – findet Jean-Luc Lehners vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam. Und auch er führt als erstes die Unendlichkeit ins Feld: "Wenn das Universum unendlich groß ist, dann bestehen auch unendlich viele Möglichkeiten der Anordnung im Raum", sagt der Wissenschaftler aus dem Bereich Theoretische Kosmologie. "Dann muss es nicht zwangsläufig zu Wiederholungen kommen. Und ja, soweit wir wissen, gibt es eine endliche Anzahl von Elementarteilchen. Aber wie die sich zusammenfügen und im Universum verteilen – da gibt es keine Grenze. Soweit wir wissen."

Kontakt zur Kopie wäre nicht möglich

Ohnehin lässt sich bislang nicht mit Sicherheit sagen, ob das Universum wirklich unendlich groß ist. "Irgendwo", sagt Lehners, "müssen Raum und Zeit entstanden sein. Zurzeit ist für mich nicht klar, wie ein unendlicher Raum entstehen könnte." Zieht man die beiden großen Theorien der Physik zu Rate, kombiniert also Einsteins Relativitätstheorie mit der Quantentheorie, und berechnet dann, wie wahrscheinlich es ist, dass sich ein bestimmter Raum bildet, so zeigt sich: Je größer der Raum, umso geringer die Wahrscheinlichkeit. "Die Wahrscheinlichkeit für einen unendlichen Raum wäre Null", sagt Lehners. "Aber", räumt er ein, "uns fehlt auch noch die endgültige Theorie."

Nun gut. Angenommen, es hätte doch jeder von uns ein zweites Ich dort draußen im All: Wäre es dann überhaupt jemals möglich, Kontakt zu ihm aufzunehmen? "Nein", sagt der Kosmologe. "Das verhindert die Dunkle Energie." Um was genau es sich bei der Dunklen Energie handelt, wissen die Wissenschaftler nicht. Aber sie sorgt dafür, dass sich das Universum immer schneller ausdehnt. "Weit entfernte Teile des Universums bewegen sich so schnell von uns weg, dass das Licht nicht mehr die Möglichkeit hat, von dort zu uns zu gelangen", erklärt Lehners. "Das bedeutet: Wir sehen diese weit entfernten Teile des Universums gar nicht und werden sie auch nie sehen können, wenn diese Energie konstant bleibt."

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Mit anderen Worten: Was wir vom Universum überblicken können, ist und bleibt begrenzt. Wir können beobachten, was vor 13,7 Milliarden Jahren geschah. Da sich das Universum rasant ausdehnt, sind diese Ereignisse inzwischen sehr viel weiter als 13,7 Milliarden Lichtjahre entfernt: Tatsächlich können wir in jede Richtung ungefähr 46 Milliarden Lichtjahre weit schauen. Aber das war es dann auch. Das ist unser kosmischer Horizont, und was dahinter liegt, entzieht sich unserer Kenntnis. Ein Kontakt zwischen unserer Galaxie und einer anderen, für uns nicht mehr sichtbaren Galaxie wäre schlicht unmöglich.

Es wären Paralleluniversen, "aber", betont Lehners, "sie hätten alle den gleichen Ursprung." Damit meint der Kosmologe den weithin akzeptierten Urknall. Und deswegen wären selbst unendlich viele solcher Paralleluniversen nicht dafür geeignet, exakte Kopien von uns hervorzubringen. "Sie waren ja früher in Kontakt miteinander. Sie wären nicht voneinander getrennt. Ein Paralleluniversum würde in das andere übergehen." Es gäbe also einen Zusammenhang.

Die Idee von jeweils autarken, unabhängig voneinander existierenden Parallelwelten, wie sie diejenigen entwerfen, die ein zweites Ich dort draußen für möglich halten, entzieht sich Lehners zufolge jeder wissenschaftlichen Argumentation. "Soweit wir zurzeit wissen, besteht nicht so recht die Möglichkeit, zu erfahren, was in anderen solcher Inseln oder Blasen passiert", lautet sein Einwand. "Und wenn man das nicht testen kann, ist die Frage nicht sinnvoll. Wenn man keine Messung machen kann, mit der man der Antwort näher käme, dann ist nicht klar, ob die Frage wirklich berechtigt ist."

Zum Menschen führten viele Zufälle

Beharren wir nun aber nicht auf exakten Kopien, sondern begnügen uns mit Ähnlichkeiten, dann stellt sich die Situation auch für den Gravitationsphysiker schon anders dar. "Das ist schon plausibler", sagt er. Zahlreiche Exoplaneten wurden inzwischen entdeckt, darunter auch solche, die ein wenig wie die Erde sind. "Die Materie ist auch im weit entfernten Universum ähnlich verteilt und es herrschen ähnliche Bedingungen", formuliert Lehners. Und doch gibt er zu bedenken, dass man eine Frage zurzeit nicht beantworten könne: Wenn die chemischen Elemente zusammenkommen, bildet sich dann regelmäßig Leben? Oder ist das etwas überaus Ungewöhnliches, das es nur auf der Erde gibt?

Wer von der Existenz Außerirdischer ausgeht, vertritt die Auffassung: Was auf unserem Planeten möglich war, muss auch auf anderen erdähnlichen Planeten möglich sein. Das wären keine genauen Kopien von uns, aber es wären Lebewesen. Dass diese dem Menschen gleichkommen, darf Lehners zufolge jedoch bezweifelt werden: "Dass sich der Mensch entwickelt hat, hat mit sehr vielen Zufällen zu tun", sagt er. "Wenn zum Beispiel die Dinosaurier nicht ausgestorben wären, wären die Menschen jetzt wohl nicht auf der Erde. Und so gab es noch viele andere Zufälle in der ganzen Entwicklung des Lebens. Auch wenn das Universum groß ist: Dass so vieles an anderer Stelle ähnlich geschieht, ist sehr, sehr unwahrscheinlich."

Dem Kosmologen zufolge war die Entwicklung des Menschen nicht unausweichlich. Legt man den Zeitplan des Universums zugrunde, dann gibt es den Mensch erst seit einem kurzen Moment. "Und er entwickelt sich weiter und verändert sich", sagt Lehners, "genauso wie all die anderen Lebewesen auf der Erde. In zwei Millionen Jahren sieht wahrscheinlich niemand mehr so aus wie wir jetzt."

Wie man es auch dreht und wendet: Selbst wenn es irgendwo im All Leben geben sollte, das uns ähnlich ist, so ist doch jeder von uns einzigartig. "Und auch das nicht für lange", resümiert der Physiker. "Denn dann treten andere einzigartige Wesen auf den Plan."

Quelle: n-tv.de