Auto

Der Weg zur Perfektion Aston Martin Virage vs. DB11 V12 Coupé

AM_DB11_Virage_VO.JPG

Impressionen: Aston Martin Virage und DB11 V12 Coupé.

(Foto: Patrick Broich)

Die Geschichte von Aston Martin ist seit 1913 eine Wechselvolle. Eines haben die Briten aber seit dieser Zeit immer gebaut: Traumwagen. Heute trifft der Virage der frühen Neunziger in einer Zeitreise auf den neuen DB11.

AM_DB11_Virage_HI.JPG

Die Rückleuchten des Virage trug seinerzeit auch der VW Scirocco.

(Foto: Patrick Broich)

Kennen Sie diese Rückleuchten? Länglich und schmal, mit fünf Leuchtsegmenten? Der Volkswagen Scirocco der zweiten Generation trug sie und der Aston Martin Virage. Unglaublich eigentlich. Aber so war das mit kleinen Autoherstellern in den Achtzigern – sie teilten sich sogar banale Komponenten mit Großserien-Marken. Innen zieren den Virage beispielsweise Jaguar- und Ford-Elemente. Das ist heute ähnlich, wenngleich man versucht, das Teile-Sharing nicht so auffällig zu machen.

Auf der Birmingham Autoshow 1988 betrat der Aston Martin Virage die Bühne, ein Jahr später erfolgte die Markteinführung – endlich, muss man sagen, denn schließlich war der Vorgänger DBS (nach dem Facelift Aston Martin V8) bereits seit 1967 auf dem Markt. Um einmal zu verdeutlichen, wie exklusiv Aston Martin damals war: Etwas mehr als tausend Exemplare des Virage (inklusive Convertible) wurden gebaut. Dass man im Straßenbild einen traf, war also recht unwahrscheinlich. Aber wenn doch, war er zumindest gut zu hören. Denn unter der Motorhaube des Virage steckt noch immer der vom polnischen Ingenieur Tadek Marek in den Sechzigerjahren enwickelte Achtzylinder mit 5,3 Litern Hubraum, der das Coupé sanft bollernd und je nach Gaseinsatz durchaus druckvoll in Bewegung setzt.

Die Welt hat sich verändert

Aston_Martin_DB11_Virage_SE.JPG

Aston Martin DB11 und Virage: traumhaft schöne Autos, jeder zu seiner Zeit.

(Foto: Patrick Broich)

Im Jahr 2018 sieht die Welt anders aus. Aston Martins neuester Tourer namens DB11 trägt – seit 1994 wieder Tradition – das Kürzel "DB" für David Brown, der die Marke 25 Jahre lang geprägt hat. Und dem Topmodell ist nach wie vor der bekannte Zwölfzylinder mit Cosworth- und Ford-Genen vergönnt – inzwischen doppelt aufgeladen und in Transaxle-Bauweise eingepflanzt.

Nur um einmal die Relation zum Virage klarzumachen: Alleine in Deutschland wurden seit Marktstart bereits mindestens 350 Exemplare des DB11 zugelassen. Was das traumhaft schöne Coupé noch lange nicht zum Massenauto avancieren lässt. Allerdings waren die Aston Martin Anfang der Neunziger auch dreimal so teuer wie heute – im Vergleich würde ein DB11 heute weit über eine halbe Million Euro kosten, was den erfolgreichen Verkauf im Keim ersticken dürfte.

AM_DB11_IN.JPG

Voll digitalisiert präsentiert sich der DB11 im Innenraum.

(Foto: Patrick Broich)

Entern wir den nach Leder duftenden Innenraum und drücken die in leuchtendem Rot pulsierende Starttaste – der 5,2 Liter große Zwölfender nimmt seine Arbeit in einer rauchig-heiseren Tonalität auf, so klingen nur V12-Maschinen. Der DB 11 ist modern – Dinge wie Infotainment und Technologie, die bei exklusiven Herstellern früher kaum eine Rolle spielten, sind jetzt wichtig geworden. Die Briten haben mechanische Anzeigen längst aus dem Cockpit verbannt und das Kombiinstrument zu einer einzigen Bildschirmfläche verwandelt, wo der Fahrer so profane Parameter wie die Reichweite oder Verbrauch aufrufen kann. Nachts erleuchtet die Straße in LED-Schein, und das Fahrwerk wartet mit elektronisch-variablen Dämpfern auf.

Elektronik-Spielkram schon in den Neunzigern

Ein bisschen Elektronik-Spielkram bietet aber auch der Virage, die Neunziger lassen hier grüßen: Statt feiner, hochauflösender Matrix muss man mit grün leuchtenden LED Vorlieb nehmen – eine herrliche Reise in eine noch gar nicht so lange vergangene Zeiten. Im Gegensatz zu heute, da Aston Martin mit Toptechnik arbeitet, mussten die früheren Neukunden leiden. Wer sich beispielsweise für den Wandlerautomaten entschied, bekam beschauliche drei Fahrstufen – das war selbst vor 25 Jahren nicht mehr Stand der Technik. Doch der 5,3-Liter wird es schon richten, stemmt sich mit der Gewalt von 335 PS und knapp 500 Newtonmeter maximalen Drehmoment gegen die Widerstände des Planetengetriebes und garantiert immerhin souveränes, wenn schon nicht rasantes Fortkommen. Wen die hohen Drehzahlen bei schnellen Runden stören, sei daran erinnert: Mit dem alten Auto wird vorwiegend gecruist.

AM_Virage_IN.JPG

Im Innenraum zieren den Virage Teile von Jaguar und Ford.

(Foto: Patrick Broich)

Doch selbst der überpotente DB11 ist ein Cruiser, wenngleich bei entsprechendem Umgang mit dem rechten Pedal ziemlich rabiat. Mit seiner Fahrwerkabstimmung verweigert er sich der Kurvenhatz indes, stattdessen ist zügige, aber nicht wilde Fahrt angesagt – ob das Gewicht des Transaxle-Gran-Turismo nun perfekt austariert ist oder nicht. Auf der leeren Piste sind 300 km/h spielend erreicht – kein Wunder angesichts 608 PS.

Aber der fein verarbeitete Brite, dessen Architektur auch schwäbische Wertarbeit enthält (die Bedieneinheit in der Mitte sowie der Bildschirm stammen von Mercedes), verleitet gar nicht zum Rasen. Manchmal stellt man die exzellente Soundanlage etwas leiser, nur um dem charakteristisch-heiseren V12-Sopran besser lauschen zu können. Wer mit Richtgeschwindigkeit dahinschippert, muss allerdings genau hinhören, denn dank Achtgang-Automat dreht der großvolumige Motor im unteren Bereich.

Ein Aston Martin vom Schlage eines DB11 ist erwachsen geworden, lässt sowohl in puncto Antriebstechnik als auch Infotainment nichts vermissen. Der schrullige Virage mit seiner Dreigang-Automatik und dem unvollkommen-hölzernen Fahrwerk macht ebenfalls Spaß und zeigt dabei, wie sich die Marke entwickelt hat. Und dass das so gar nicht Perfekte auch seine Fans hat, beweist die Preisentwicklung des Modells. Unter 70.000 Euro geht nicht mehr viel auf dem Klassiker-Markt. Das neuzeitliche DB11-Vergnügen beginnt allerdings erst jenseits der 200.000 Euro-Grenze.

Quelle: n-tv.de, Patrick Broich, sp-x

Mehr zum Thema