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Dieser Supersportler kann UrlaubAuf Tour mit dem McLaren GTS – Sport-Gran-Turismo auf britische Art

17.01.2026, 11:13 Uhr Patrick-portraetfotoVon Patrick Broich
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Der bravste McLaren hört auf den Namen GTS. Allerdings ist der Brite schon eher Racer als Gran Turismo. Für McLaren-Verhältnisse aber ist es ein Cruiser. (Foto: Patrick Broich)

McLaren ist ein Hersteller kompromissloser Sportwagen. Entweder Track oder gar nicht, so könnte man die Philosophie der Marke deuten. Doch stimmt das wirklich? Beim GTS liegen die Dinge nämlich anders. Aber wie genau? ntv.de ist damit gefahren.

Supersportwagen im Alltag bewegen? Warum nicht, es gibt genügend Porsche-Kunden, die mit ihrem 911 Turbo S ganz selbstverständlich 600 Kilometer am Stück abreißen. Geht ja auch, der Komfort in einem der schnellsten Athleten aus Zuffenhausen ist ausgeprägt, das Biest benimmt sich im Alltag manierlich.

Und bei McLaren? Die Marke gehört neben Porsche zu den Hochpreisanbietern mit Produkten, die ähnlich zuverlässig auf dem Track funktionieren wie die GT-Modelle aus Stuttgart. Sie sind leicht, extrem querperformant und verzögern brutal - ohne thermische Malaisen. Aber einen McLaren für den Alltag? Schwierig.

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Mit den Scherentüren ist auch der 4,68 Meter lange McLaren GTS ein Kind seines Hauses. Er fährt recht unspektakulär, wenn man seine Muskeln nicht spielen lässt. (Foto: Patrick Broich)

Die Sportwagenschmiede selbst sieht das anders, empfiehlt aber ein spezielles Modell für den Alltags- oder vielmehr Reiseeinsatz: Es hört auf den Namen GTS. Um die Frage nach der Alltagstauglichkeit gleich vorweg zu beantworten - ja, dieser Brite cruist auch banal durch die City. Aber so ein ganz belangloses Unterfangen ist es eben auch nicht. Lass das mal Stück für Stück aufdröseln.

Es beginnt schon mit dem Einsteigen. Die Scherentüren des GTS sind gut für den Showeffekt, aber nicht wirklich praktisch in der Handhabung. Ja, die Türöffnungen sind hinreichend groß, der Einstieg gelingt gut. Doch immer nach oben recken für das Schließen - nicht cool, wenn man es ständig muss. Und ein recht üppiger Schweller macht das Aussteigen aus dem zudem tief kauernden Auto auch nicht gerade leichter.

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Das GTS-Interieur ist nicht gerade maximal luftig, die Sportsessel aber tatsächlich ziemlich bequem. (Foto: Patrick Broich)

Hinzu kommt, dass die Fahrgastzelle gar nicht mal so geräumig ist. Für kleine Passagiere kein Ding, wer aber großgewachsen ist und vielleicht etwas fülliger, muss sich schon ein bisschen einschränken. Aber hier liegt eben der Unterschied - im Gegensatz zu einem rasanten, aber harmlosen Elfer Turbo basiert der GTS auf einem Carbon-Monocoque, und der 1,5-Tonner bleibt ein veritabler Mittelmotor-Racer. Daher kann er nie ganz das geschmeidige Reisetool sein, wird aber als etwas komfortablere Ausführung zum besonderen Auto.

Sitzt man jedoch erst einmal, fühlt sich der GTS kommod an. Keine zwickenden Rennsport-Schalen, stattdessen Sessel wie in einem waschechten Gran Turismo mit Langstrecken-Qualitäten. In der Tat spulst du hier ein paar Hundert Kilometer am Stück ohne Ermüdungserscheinungen ab oder ohne den Drang, da jetzt aber mal raus zu müssen.

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Im Rückspiegel schaut man auf die breiten seitlichen Lufteinlässe. Kühlperformance steht auch beim GTS hoch um Kurs. Er ist eben ein verkappter Racer. (Foto: Patrick Broich)

Der Achtzylinder hinter dem Rücken ist eine Wucht

Auch nicht, wenn der turbobeatmete Vierliter-V8 hinter dem Rücken schnaubt und sägt? Also, wenn man das Biest mit Flatplane-Kurbelwelle und 635 PS richtig auf Drehzahlen bringt, wird es nicht nur akustisch herausfordernd. Denn es ist ja nicht so, als könne der bravere GTS (braver als andere McLaren-Modelle, aber keineswegs brav) nicht richtig feuern. Kurvengeschwindigkeiten, die dem Beifahrer den Schweiß auf die Stirn treiben, die Mitfahrer brutal in den Sitz drücken - 200 km/h sind nach rund neun Sekunden abgehakt - und 326 km/h Topspeed zu realisieren, sind jetzt keine trivialen Eigenschaften. Klingt also nicht nach Alltag.

Aber! Eine ganz andere Überraschung wartet auf die Passagiere - denn der hintere Kofferraum bietet tatsächlich 420 Liter Volumen. Und in diesem Nutzwert liegt der eigentliche Alltagsgedanke, denn somit geht nicht bloß ein Wochenend-Trip mit dem GTS, sondern zur Not auch ein ausgedehnter Urlaub. Auch wenn das Gepäckraumlayout eher flach ausfällt und man bei den Koffern womöglich anpassen muss - zum Beispiel umstellen von Hartschale auf weiche Taschen. Außerdem gibt es ja noch einmal zusätzliche 120 Liter vorn.

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Auch wenn vielleicht nicht gerade Hartschalenkoffer die beste Wahl für den flachen Gepäckraum sind. Mit 420 Litern Fassungsvermögen ist dieses Abteil reisetauglich. Punkt. (Foto: Patrick Broich)

Hinzu kommt, dass das elektronisch verstellbare Fahrwerk auf der Piste wenig nervt. Es hält den Fahrzeugaufbau weitgehend frei von kurzwelligen Anregungen. Und auch das Geräuschlevel ist erträglich, wenn man es mit dem Tempo nicht übertreibt. Und hey, den Tempomaten gibt es ja auch noch, allerdings nicht nur beim GTS.

Alltagstauglicher als mit dem GTS geht es bei McLaren nicht

Ja, das langstreckentauglichste Coupé im Stall der schnellen Briten mit dem grazilen Glasdach funktioniert auf der Reise tatsächlich ordentlich. Aber es hakt auch immer mal, und das sollten Kunden berücksichtigen. Mit der enormen Breite von 2,10 Metern (mit Außenspiegeln) macht der zudem eher unübersichtliche GTS bloß begrenzt Spaß, vor allem in engen Baustellen. Ganz zu schweigen von Fahrten in Tiefgaragen. Wer weiß, was es kostet, wenn man das Carbon anschrabbelt.

Und dann muss man ja auch noch eine ganz andere Eigenschaft berücksichtigen. Ob Senna oder GTS - McLaren, unabhängig vom Modell, ist ein extremer Hingucker und bindet vor allem in schrillen Farben wie dem hellen Orange des Testwagens die Aufmerksamkeit des Besitzers. Fahrzeug abstellen und die Menschentraube begrüßen, das ist zumindest in der City eher Regel als Ausnahme - jetzt mal überspitzt formuliert.

Aber wer rund 250.000 Euro für einen fahrbaren Untersatz ausgibt, kauft eben auch immer auch ein Stück Sehnsucht für Außenstehende mit, die sich das Traumauto nicht leisten können. Davon lebt der Automobilenthusiasmus freilich auch ein wenig. Ob der GTS den klassischen McLaren-Fahrer überzeugt, sei dahingestellt. Gefühlt sieht man jedenfalls mehr von den richtigen Tracktools à la 750 S oder den neuerdings sechszylindrigen Einsteigern Artura auf der Straße, dann vermutlich auf dem Weg zur Rennstrecke oder einsamen Landstraße. Aber warum nicht auch mal einen möglichst braven McLaren ausprobieren. Spaßig ist der GTS schließlich in jedem Fall. Und das ist bei einem Sportwagen doch die Hauptsache. Und dass er unter den McLaren eher als Exot gilt, ist ja ebenfalls ganz spannend.

Quelle: ntv.de

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