Auto
Der Renault 4CV ist eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen.
Der Renault 4CV ist eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen.(Foto: Renault)
Mittwoch, 07. Februar 2018

Wie der Renault 4CV entstand: Die Geschichte eines Crèmeschnittchens

Von Holger Preiss

Anfangs ging es den Autoren wie den Erfindern des Renault 4CV: Ihr Buch wollte keiner haben. Unterdessen wurde es doch verlegt und die Autoliteratur ist um ein informatives und unterhaltsames Werk zur Geschichte des Crèmeschnittchens reicher.

Bereits mit ihrem ersten Buch zur Geschichte der Renault Alpine fielen die Autoren Andreas Gaubatz und Jan Erhartitsch auf. Zwei im Metier der Geschichtsbücher über Automobile nicht alltäglich Dinge waren hier auffällig: zum einen, dass das Buch extrem gut recherchiert war, zum anderen, dass Geschichten um das Fahrzeug gesponnen wurden, die den Unterhaltungswert eines Sachbuches weit überschritten. Selbst Leser, deren automobiles Interesse eher gering ist, konnten sich hier mit kurzweiligen Anekdoten befrieden. Nun haben die beiden Autoren ihr zweites Buch an den Start gebracht. Diesmal dreht es sich um die Geschichte des Renault 4CV. Ein Auto, das in Frankreich historisch gesehen den Stellenwert des VW Käfer in Deutschland hat. Und diese Parallele hat ihren Grund.

Werbung für den Renault 4CV.
Werbung für den Renault 4CV.(Foto: Renault)

Gaubatz und Erhartitsch vollziehen mit dem Leser eine Zeitreise, lassen ihn an der Seite von Louis Renault nach Deutschland reisen und decken geradezu detektivisch auf, dass der VW Käfer zwar die Inspiration für den 4CV war, dass Ferdinand Porsche die Idee aber eigentlich gestohlen hat. Bereits 1931 konstruierte der Ingenieur Hans Ledwinka den Tatra V570. Ein Auto, das dem Käfer wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Porsche übernahm nicht nur die Form, sondern auch den Zentralrohrrahmen und den Heckantrieb. Allein diese Anekdote ist wie ein Paukenschlag und bestätigt die Aussage des Einführungstextes, dass die Geschichte des 4CV an manchen Stellen "einem Kriminalroman" gleicht.

Start unterm Hakenkreuz

Selbst in den USA erfreute sich der 4CV großer Beliebtheit.
Selbst in den USA erfreute sich der 4CV großer Beliebtheit.(Foto: Renault)

Auch der Umstand, dass die Renault-Werke während des Zweiten Weltkrieges in die Hände der Nazis fallen und Louis Renault unter massivem Druck scheinbar zum Kollaborateur wird, ist ein Teil der Geschichte des 4CV. Doch wer die schnelle Produktion des kleinen Renaults eigentlich verhindert, ist die französische Regierung nach Ende des Krieges. Louis Renault wird verhaftet, die aus Sozialisten und Kommunisten bestehende Regierung kassierte das Werk und die Marke. Renault selbst stirbt am 22. Oktober 1944. Natürlich wären die hier erwähnten Informationen zu Louis Renault den Autoren zu wenig und so lassen sie die Biografie des genialen Erfinders, wie die anderer wichtiger Wegbegleiter des 4CV, in eingefärbten Infokästen Revue passieren. Immer aber unter der Maßgabe, nur eins nicht zu sein: langweilig.

Der Mann, der nach dem Tod von Louis Renault den 4CV rettet, ist Pierre Lefaucheux. Präsident Charles de Gaulles höchstselbst hebt den Ingenieur und Mitglied der Résistance auf den Posten des Renault-Chefs. Aber diese Rettung kostet Lefaucheux Nerven und Kraft. Der bösartigste Affront gegen seine Arbeit ist nicht der, dass die Kfz-Behörde die Höhe der Frontscheinwerfer bemängelt, sondern der Umstand, dass Ferry Porsche nach Paris eingeladen wird, um zu entscheiden, ob der 4CV bauenswert ist.

Am 12. August 1947 läuft der erste Wagen vom Band. Doch die Produktion wird immer wieder durch Streiks boykottiert. Es sind Proteste gegen die Regierung. Wenn Renault sich erkältet, niest Frankreich. Doch davon mal abgesehen: Die Franzosen nennen den 4CV liebevoll "motte de beurre", was umgangssprachlich so viel wie "Crèmeschnittchen" heißt und auch den Titel des Buches erklärt.

Erfolg mit Hindernissen

Das Buch zum Renault 4CV ist im Motorbuch-Verlag erschienen.
Das Buch zum Renault 4CV ist im Motorbuch-Verlag erschienen.

Trotz des Erfolgs des 4CV gehen die Probleme für Lefaucheux weiter. Die Inflation nimmt Fahrt auf und der Renault-Chef muss sich seinen Weg zur Arbeit oft mit den Fäusten freikämpfen. Nichtsdestotrotz setzt er für die Erfüllung der Quote seine Pläne zur Dezentralisierung der Produktion fort. Der 4CV erfreut sich nämlich unterdessen auch in Westeuropa größerer Beliebtheit. Natürlich sind die Produktion und die Weiterentwicklung des 4CV immer auch von den Gegebenheiten der weiteren Produkte abhängig. Nur mit dem "französischen Volkswagen" hätte Renault sich ganz bestimmt nicht über Wasser halten können. Insofern wundert es nicht, dass die Autoren auch Fahrzeuge und Gegebenheiten der Produktion rund um die des 4CV beleuchten.

Im Jahr 1951 verzeichnet Renault den 500.000. Verkauf eines 4CV und macht ihn damit zum meistverkauften Auto in der Historie des Konzerns. Einen Tiefschlag erleidet das Unternehmen, als 1955 Lefaucheux bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Doch die Lähmung hält nicht lange an; kurz nach seinem Ableben hebt man den "Renault 4CV 1063" auf die Bühne. Verbesserte Motorleistung, neue Dämpfer und weitere kleine Veränderungen halten den Franzosen am Laufen. Der anhaltende Erfolg, mit dem keiner gerechnet hat, führt dazu, dass ein neues Modell geplant wird: die Dauphine. Weil die Beliebtheit für den 4CV aber ungebrochen ist, kommt es erst fünf Jahre später zur Wachablösung.

Das Ende ist dennoch nah und 1961 läuft der letzte 4CV vom Band. Nach mehr als einer Million Einheiten ist Schluss. Doch die Ablösung steht schon in den Startlöchern und wird als Renault 4 nicht weniger erfolgreich werden. Bleibt zu hoffen, dass die Autoren ihre akribische Suche hier fortsetzen mögen. Denn wie schon in ihrem Buch zur Alpine hat auch die Geschichte des 4CV nicht nur einen hohen Informations-, sondern auch einen hohen Unterhaltungswert. Ein Umstand, der bei Auto-Sachbüchern gar nicht hoch genug geschätzt werden kann.

Das Ganze wird untermalt mit einer Vielzahl an Bildern, Grafiken und technischen Details, die nicht nur die umfängliche Recherche der Autoren zeigt, sondern auch ihr Gespür für die wirklich wichtigen Dinge im Leben eines Automobils. Insofern darf am Ende der Lektüre konstatiert werden, dass dieses Buch nicht nur etwas für Liebhaber der Marke Renault oder explizit des 4CV ist, sondern eine kurzweilige Lektüre für alle, die in ein großes Kapitel der Autogeschichte eintauchen wollen.

"Renault 4 CV: Das Cremeschnittchen" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de