Klassiker oder Neuwagen?Opels Facelift-Astra hat cooles Licht, aber verliert gegen den 60er-Oldie
Von Patrick Broich, Šibenik
Opel gönnt dem Topseller Astra ein moderates Facelift. Aber ganz nach dem Motto "Vergangenheit erfahren, um die Zukunft zu verstehen" hat ntv.de zunächst einen frühen (Kadett) Caravan bewegt, um ein Gefühl zu bekommen, wie sich Autofahren verändert.
Heute ist die Fahrveranstaltung ein bisschen spannender als sonst. Denn neben dem (wahrlich nur leicht) modifizierten Opel Astra steht da auch noch ein Kadett A Caravan zum Fahren bereit. Wobei man präzise sein muss - der Modellname "Kadett" taucht im Kontext mit dem Caravan gar nicht auf, aber es ist natürlich einer. Jetzt könnte man fragen, was die beiden noch gemein haben außer der Zugehörigkeit zum gleichen Segment. Aber manchmal hilft ein im übertragenen Sinne gemeinter Blick in den Rückspiegel, um die Gegenwart besser zu verstehen. Oder um sie vielleicht wieder mögen zu lernen.
Und so zaubert einem eine kleine Dosis Opel aus den 1960er-Jahren zwar unweigerlich ein Lächeln ins Gesicht, aber man merkt eben auch, dass das Autofahren früher richtig Arbeit und nicht immer toll war, wenn man musste. Glücklicherweise hat das liebe Opel-Team den beschaulich bemessenen Vierzylinder (ein Liter Hubraum) des betagten Vehikels bereits warmgefahren, sodass er jetzt wie eine Eins anspringt. Der früher übliche Choke für ein fetteres Benzin-Luft-Gemisch in der Kaltlaufphase darf also getrost links liegen gelassen werden.
Um mal einen kleinen Eindruck zu vermitteln, was die Passagiere hier bewegt: 48 PS der damals stärksten Super-Variante mit höherer Verdichtung bei einem Fahrzeuggewicht von lächerlichen 720 Kilogramm. Und ein dürrer Schalthebel koordiniert quasi den Takt, mit dem es nach vorn geht.
Früher Opel ist leicht und laut
Erstaunlich ist, dass es sogar recht quirlig nach vorn geht. Denn der Caravan ist nicht nur leicht, sondern auch laut, was sich direkt dynamisch auf das Fahrgefühl auswirkt. Dabei täuscht das, denn bis 100 km/h vergehen ganz locker rund 20 Sekunden - heute eigentlich nicht mehr vorstellbar.
Platz hat man in dem Vehikel durchaus, wenngleich es gerade mal 3,92 Meter lang und nur 1,43 Meter breit ist. Zum Vergleich: Der aktuelle Opel Astra misst als sogenannter Sports Tourer 4,64 Meter in der Länge und ist fast einen halben Meter breiter, das ist fast Mittelklasse. Wie kommt das eigentlich? Nun, Assistenz und Sicherheit jedweder Art verkneift sich der zierliche Oldie. Nicht, weil man den Kunden von früher so etwas vorenthalten sollte, sondern weil es technisch einfach nicht möglich war. Dinge wie Antiblockiersystem oder Knautschzone waren also gar nicht oder lediglich rudimentär vorhanden.
Und so fährt man den Opel aus längst vergangenen Tagen mit dem stylishen Bandtacho sowie überbordender Übersichtlichkeit wie ein rohes Ei. Und statt digitaler Gimmicks gibt es Spielereien, die damals jedoch der Sicherheit dienen sollten. Wenn sich der schmale Balken im Kombiinstrument der 100-km/h-Marke nähert, verändert er seine Farbe von gelb auf rot. Aber man merkt auch sowieso, dass es nicht viel schneller sein sollte, denn das Fahrwerk setzt ein natürliches Limit. Man muss froh sein, das Gefährt sauber auf der Straße gehalten zu bekommen. Außerdem dreht das Motörchen schon weit unterhalb von Richtgeschwindigkeit derart hoch, dass es störend brummig wird.
Übrigens wären 130 km/h die Höchstgeschwindigkeit. Aber so schnell möchte man mit dem Kadett aus Stabilitätsgründen erst gar nicht fahren. Schalten und Kuppeln lässt er sich übrigens leicht, was ihn selbst für Klassiker-Anfänger geeignet macht.
Überarbeiteter Plug-in-Hybrid-Antrieb
Nach ein paar Runden ist es an der Zeit, den mehr als 60 Jahre alten Veteranen mit Hinterradantrieb gegen den überarbeiteten Astra der Neuzeit zu tauschen. Hier bietet sich daher an, gleich die Version zu nehmen, bei der sich am meisten geändert hat im Zuge des Facelifts. Das ist der Plug-in-Hybrid mit komplett verändertem Antriebslayout. Statt Wandlerautomatik gibt es jetzt ein siebenstufiges Doppelkupplungsgetriebe, und die Akkukapazität steigt von rund 12 auf 17 kWh, sodass man etwas über 80 Kilometer rein elektrisch zurücklegen kann.
Dieser Hybrid macht nicht nur Interessenten mit Lademöglichkeit während der Standzeit glücklich, sondern auch diejenigen mit dem Wunsch nach einem schnellen Astra. Denn 7,7 Sekunden bis 100 km/h sind selbst in der heutigen Zeit noch flott, jedenfalls in der Verbrenner-Welt. Zudem können sich 225 Sachen sehen lassen.
Doch zunächst mal eine Minute innehalten nach dem Umstieg und 60 Jahre Fortschritt wirken lassen. Eigentlich ist das nämlich total unfassbar. Wenn unsere Großväter der 1920er-Jahrgänge heute direkt in einen neuen Astra steigen würden, sie wären einfach nur überwältigt. Allein, wie sich aus passgenauen Elementen ein ganzes Interieur formen lässt. Und dann noch das große Display. Verrückt.
Und heute? Würde sogar noch mehr gehen, weil der EMP-2-Plattform-Rüsselsheimer nun wirklich kein Infotainment-Monster ist und seine Menüstrukturen gefühlt aus einem früheren Jahrzehnt kommen. Aber hey, das ist gar nicht schlimm, Hauptsache, die wichtigsten Features lassen sich einigermaßen nutzen, und das gelingt. Musik aus dem Digitalradio trällert, Navi klappt und - noch viel wichtiger - die Smartphone-Integration läuft, dann nutzt man sowieso Apple CarPlay oder Android Auto. Was die Architektur angeht, so ist der Astra halbwegs fein. Und der im Werk Rüsselsheim gefertigte Kompakte ist dem Eindruck nach sogar ein bisschen feiner als manche Stellantis-Vertreter aus anderen europäischen Konzern-Produktionen.
Astra fährt nach wie vor gut
Nicht nur, dass Materialqualität wie Verarbeitung stimmen. Wenn man so in dem aufgeräumten Kombi-Interieur dahincruist, wirkt er fest und leise, federt recht komfortabel und lenkt leichtgängig, jedoch mitnichten unpräzise. Auch das Zusammenspiel des 1,6 Liter großen Vierzylinders (150 PS) mit dem 125 PS starken Elektroaggregat plus Getriebe gelingt meistens harmonisch. Meistens. Klar lässt sich das Komponentenensemble durch gezielte Lastanforderung zum Verschlucken provozieren. Aber das muss ja nicht sein.
Neu am traditionellen Astra ist nicht nur der überarbeitete Plug-in-Hybrid-Antrieb; optisch erkennt man die Kandidaten der unteren Mittelklasse jetzt auch ziemlich gut, insbesondere bei Dämmerung und nachts. Denn analog zu anderen Stellantis-Modellen erstrahlt das vordere Logo, also der Opel-Blitz, ab sofort in leuchtstarker LED-Manier mitsamt zweier horizontaler und vertikaler Markierungen als stilisiertem Kompass. Das ist mehr Emblem-Beleuchtung, als fast alle aktuell auf dem europäischen Markt befindlichen Fahrzeuge aufweisen. Sieht ganz catchy aus.
Apropos Licht. Als einer der ersten Vertreter im Segment dürfen Kunden ab sofort LED-Matrix-Scheinwerfer mit rund 15.000 Pixeln pro Scheinwerfereinheit ordern (1500 Euro extra), um entgegenkommende Personen feingliedrig auszublenden bei gleichzeitiger Nutzung des Fernlichts. An sich ist das Prinzip nicht neu, kommt sogar schon seit Jahren auch im Corsa zum Einsatz, aber eben nicht in dieser hohen Auflösung.
Was fällt noch auf beim aktuellen Astra der zweiten Serie? Nach wie vor ist er ein Nutzwert-König der Kompaktklasse mit über 1600 Litern Gepäckraumvolumen bei umgeklappten Rücksitzen. Stehen die Lehnen zwecks Urlaubsreise mit der Familie aufrecht, lässt sich immerhin noch Gepäck im Äquivalent von knapp 600 Litern mitnehmen.
Passend zu ausgedehnten Reisen spendieren die Opelaner außerdem nach wie vor ihre berühmten Sessel mit dem Segen des eingetragenen Vereins "Aktion Gesunder Rücken". Dass sie wirklich angenehm sind, kennt man aus langen Astra-Fahrten bereits mit unterschiedlichen Ausführungen vor dem Facelift.
Schön am kompakten Opel ist die Verfügbarkeit verschiedener Antriebsvarianten. Vom 156 PS starken Stromer mit 58 kWh großer Batterie, aber eher muffeligen Ladeleistung (100 kW) über die Benzin-Hybridausgabe mit 145 PS respektive dem hier besprochenen Plug-in-Hybrid bis hin zum 130-PS-Diesel mit Achtgang-Automatik ist alles dabei.
Preislich bewegt sich die Chose von moderaten 32.900 Euro für die Benzinhybrid-Limousine bis zu 46.230 Euro für den Plug-in-Hybrid-Kombi in der höchsten Ausstattungslinie samt allen wichtigen Assistenten sowie schicken 18-Zoll-Leichtmetallrädern. Zum Schluss noch der Hinweis, dass so ein charmanter Kadett A ebenfalls für einen überschaubaren Tarif hergeht.
Wer bei seinem Opelhändler ein attraktives Leasing-Angebot für einen fabrikneuen Astra ergattert, könnte ja, falls er noch etwas unter 10.000 Euro an Budget übrig hat, gleich noch den Urahn für etwaige Sonntagsausflüge dazubuchen. Denn mit diesem Kurs werden die entsprechenden Exemplare in den einschlägigen Internetbörsen gehandelt. Und wetten, dass der Oldie mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als der aufgefrischte Astra mit cooler Lichtsignatur? In der Sympathie-Disziplin gewinnt der olle Kadett also haushoch gegen den Astra. Wenngleich der Verlierer dieser Kategorie selbstverständlich alltags- und reisetauglicher ist.