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Mercedes-Chef Dieter Zetsche präsentiert die neue A-Klasse in Amsterdam.
Mercedes-Chef Dieter Zetsche präsentiert die neue A-Klasse in Amsterdam.(Foto: Holger Preiss)
Freitag, 02. Februar 2018

Eine emotionale Beziehung: Mercedes A-Klasse feiert Weltpremiere

Von Holger Preiss, Amsterdam

Eine emotionalere Beziehung zwischen Auto, Fahrer und Passagieren hat es wohl noch nie gegeben. Das verspricht Mercedes jedenfalls für seine neue A-Klasse. Und das liegt nicht am verschärften Design, sondern an einer Erfindung, die sich MBUX nennt.

Es klingt schon verwegen, wenn Mercedes bei einem seiner Autos von Purismus redet. So geschehen am Freitagabend bei der Weltpremiere der neuen A-Klasse in der Kromhouthal in Amsterdam. Die ehemaligen Industriehallen, in denen einst Schiffsmotoren gebaut wurden, sind inzwischen so weit vom Purismus ihrer Erschaffung Anfang des 20. Jahrhunderts entfernt, wie der neue Kompakte der Stuttgarter. Gorden Wagener bezieht seinen Purismus auch nur auf das Design. Seiner jüngst aufgestellten Regel "die Sicke ist tot" folgend, hat der Designchef auch bei der neuen A-Klasse für große Flächen im Blech gesorgt. Nichtsdestotrotz ist auch die Neuauflage dem Vorgänger nicht völlig entfremdet.

Schnittiger als bisher präsentiert sich der Kompakte aus Stuttgart.
Schnittiger als bisher präsentiert sich der Kompakte aus Stuttgart.(Foto: Holger Preiss)

Für mehr Dynamik sorgt Wagener durch ein progressives Frontdesign. Was nichts anderes heißt, als dass die Motorhaube tiefer nach unten gezogen wurde, die LED-Scheinwerfer flacher und scharfkantiger gezeichnet sind und der Kühlergrill, dessen großer Zentralstern von einer Chromspange flankiert wird, sich nach unten öffnet. Auch die Pins in Diamantoptik gab es für die A-Klasse so noch nicht. In der Seitenlinie wirkt der Wagen gestreckter als der Vorgänger. Grund ist ein verlängerter Radstand und die sich dadurch noch einen Tick verkürzenden Überhänge an Front und Heck. Zudem wurden die Radhäuser vergrößert, so dass nunmehr auch 19-Zoll-Räder darin Platz finden. Am Hinterteil wird die Veränderung zum Vorgänger vor allem an den Rückleuchten sichtbar. Schmaler, kantiger und zweigeteilt, sorgen sie für eine dynamische Optik.

In den Maßen treu geblieben

Auch das Heck der neuen A-Klasse hat sich verändert.
Auch das Heck der neuen A-Klasse hat sich verändert.(Foto: Holger Preiss)

In den Maßen ist sich die A-Klasse hingegen treu geblieben. Doch innen ist sie deutlich gewachsen. In Zahlen ausgedrückt heißt das 3,5 Zentimeter mehr Ellbogenfreiheit in beiden Reihen und 2,2 Zentimeter mehr Schulterfreiheit im Fond. Das ist nicht üppig, fühlt sich aber bei einer ersten Sitzprobe richtig gut an. Auch im Gepäckabteil wurde mehr Raum geschaffen. 370 Liter lassen sich jetzt in den um 11,5 Zentimeter gewachsenen Kofferraum laden. Das sind immerhin 29 Liter mehr als im Vorgänger.

Durch die schon erwähnten zweigeteilten Heckleuchten konnte übrigens auch die oft bemängelte schmale Ladeluke um 20 Zentimeter verbreitert werden. Jetzt dürfte auch der Möbelhaus-Freund das eine oder andere Teil schadlos nach Hause transportieren können. Oder anders ausgedrückt: Statt der bisher vier Getränkekisten finden jetzt sechs im Kofferraum Platz und auch zwei Golfbags können problemlos verstaut werden. Die Ablageflächen in der Mittelkonsole wurden ebenfalls vergrößert, die Seitenfächer in den Türen fassen vorne 1,5-Liter-Flaschen, hinten immerhin noch 1,0-Liter-Pullen und im Cupholder können 0,5-Liter-Flaschen verstaut werden.

Im Innenraum der neuen A-Klasse haben die konsequentesten Veränderungen stattgefunden.
Im Innenraum der neuen A-Klasse haben die konsequentesten Veränderungen stattgefunden.(Foto: Holger Preiss)

Doch wer den Blick im Innenraum schweifen lässt, der wird noch anderer Dinge ansichtig. Mercedes hat für die A-Klasse ein Cockpit gebaut, wie man es sonst nur aus der E- und S-Klasse kennt. Allerdings wirkt das im Kompakten deutlich jünger und verströmt eine gewisse Leichtigkeit. Die aus zwei Flatscreens bestehende Instrumententafel scheint ohne Überblendung und Aufsatz frei hinter dem Lenkrad zu schweben. Dank der Größe von 26 Zentimetern - in der größtmöglichen Variante - zieht sie sich weit über die Mittelkonsole. Das Unterteil der Instrumententafel ist gleichsam die Basis für die Lüftungsdüsen in Turbinenoptik. Die werden auf Wunsch übrigens von einem 64 Farben umfassenden Ambientelicht hinterleuchtet. Mehr Farben hat auch die S-Klasse nicht! Und noch etwas ist auffällig: Die Klimaanlage wird nicht mehr durch Drehsteller bedient, sondern mit horizontalen Schaltwippen. Kommt irgendwie cool und ist auch hot, ganz im Sinne des Designchefs.

Nennen Sie Ihr Auto Waldemar

Neu sind auch die Triebwerke der A-Klasse. Der Einstiegsmotor ist der M 282. Der 1,4-Liter-Vierzylinder mit bis zu 163 PS, Zylinderabschaltung und Siebengangautomatik wurde gemeinsam mit Renault entwickelt und wird im thüringischen Kölleda gebaut. Eine manuelle Sechsgangschaltung wird im Laufe der Zeit nachgereicht. Zweiter neuer Benziner ist der M 260 mit 2,0 Liter Hubraum, 224 PS und 350 Newtonmeter maximales Drehmoment. Beide Benziner werden mit Partikelfilter ausgerüstet sein. Neu im Motorenprogramm ist der ebenfalls mit Renault entwickelte OM 608. Ein Diesel, der seine Kraft von 116 PS aus 1,5 Liter Hubraum schöpft und die Abgasnorm Euro 6d TEMP erfüllt. Alle drei Triebwerke werden ab Marktstart verfügbar sein, weitere Aggregate, darunter auch ein Plug-In-Hybrid, sollen in absehbarer Zeit folgen, verspricht Mercedes-Chef Dieter Zetsche. Dass die Triebwerke in Zukunft in anderen Klassen zu finden sind, schließt Zetsche allerdings aus. "Wir haben den Versuch schon einmal gestartet und das hat nicht funktioniert, deshalb bleiben die Motoren ausschließlich der A-Klasse vorbehalten."

Unter der Haube arbeiten jetzt Motoren, die gemeinsam mit Renault entwickelt wurden.
Unter der Haube arbeiten jetzt Motoren, die gemeinsam mit Renault entwickelt wurden.(Foto: Holger Preiss)

Doch weder die Motoren noch das neue Multimediasystem MBUX (Mercedes Benz User Experience), eine komplette Eigenentwicklung der Stuttgarter, konnten in Amsterdam getestet werden. Deshalb kann diese Innovation, von der Entwicklungschef Ola Källenius sagt, "das es intuitiver und leichter zu bedienen ist als ein iPad", hier nur kurz beschrieben werden. Es ist aber versprochen, dass sie auf diesen Seiten noch umfänglich getestet wird. Källenius jedenfalls verspricht als absolutes Highlight dieses Systems, dass es lernfähig ist. Dadurch soll es in der Lage sein, sich auf den Nutzer einzustellen. Das wiederum - so der Entwicklungschef - soll "eine emotionale Beziehung zwischen Fahrzeug, Fahrer und Passagieren" schaffen. Also geben Sie Ihrem Auto wieder einen Namen. In Zukunft wird es wohl sehr persönlich antworten. Aktiviert wird die Sprachsteuerung optional mit "Hey Mercedes". Erinnert Sie das an irgendetwas? Egal! Anders als ähnliche Systeme, soll das in der A-Klasse aber in der Lage sein, indirekte Befehle zu erkennen. Zur Regelung der Klimaanlage reicht es zu sagen: "Mir ist kalt", statt "Temperatur auf 22 Grad". Auch mit den gängigen Smart-Home-Systemen Google Home oder Amazon Alexa ist MBUX kompatibel.

Zudem verspricht Källenius die Lernfähigkeit der Sprachbedienung. Über die Serveranbindung sollen sogar neue Modewörter oder ein veränderter Sprachgebrauch erkannt werden. Außerdem soll das System nicht mehr in Stereotypen antworten, sondern variabel sein. Das heißt, sowohl der Rechner im Fahrzeug als auch der Server werten bei der Kommunikation die Daten aus und senden eine Antwort. Die Entscheidung, welche Antwort die wahrscheinlichere ist und die Reaktion folgen in Sekunden. Somit soll der Sprachassistent anders als Siri und Co. auch antworten, wenn keine Online-Verbindung besteht. In Zukunft wird es MBUX natürlich auch in allen anderen Mercedes-Modellen geben.

Assistenzsysteme wie bei den ganz Großen

In Anbetracht dieser Fähigkeiten wirken die vielen Fahrassistenten fast schon banal. Dennoch sind sie erwähnenswert, weil in dieser Klasse Benchmark. So kann der Aktive Abstands-Assistent jetzt den Fahrer streckenbasiert unterstützen und die Geschwindigkeit automatisch vor Kurven, Kreuzungen oder Kreisverkehren anpassen. Der Totwinkelwarner funktioniert jetzt auch im Stand. Das heißt, wenn der Fahrer die Tür öffnet und sich ein Objekt - gleich ob Fahrrad, Auto oder Motorrad - mit mehr als 2 Metern pro Sekunde nähert, erscheint eine optische Warnung im Außenspiegel. Der automatische Bremsassistent, der auch Personen erkennt, kann bei zu geringer Bremskraft selbständig eine Notbremsung einleiten.

Ansonsten hat Mercedes die gesamte Bandbreite an Assistenten als optional buchbare Pakete in die A-Klasse gepackt, die man bereits aus den höheren Segmenten kennt. Dazu gehört der aktive Abstandsradar mit Lenkassistent ebenso wie der Spurwechselassistent, Stauassistent, Nothalte-Assistent oder die Verkehrszeichenerkennung mit Temporegelung. Mehr geht im Augenblick auch im Oberhaus nicht. Was das alles am Ende kostet, verraten die Stuttgarter am Abend der Weltpremiere natürlich noch nicht. Hier darf man also gespannt sein wie sich die A-Klasse als luxuriöser Mittelklasse-Wagen preislich einsortieren wird. Ganz billig wird es nicht. Obgleich Daimler-Chef Zetsche mit einem Augenzwinkern verspricht, dass man um den "Preis im Rahmen zu halten auf die 'fünffach verzwirbelte Hinterachse' verzichtet hat". Tatsächlich ist die A-Klasse ein Jungbrunnen für die Stuttgarter. Die Käufer sind im Durchschnitt 40 Jahre, also mehr als zehn Jahre jünger als der Durchschnitt. Allein dieser Umstand zwingt dazu, den Preis nicht in die Regionen der großen Brüder steigen zu lassen.

Quelle: n-tv.de