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Mehr Kurve, mehr Komfort Neue B-Klasse - "der wahre Sports-Tourer"

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Die neue Mercedes B-Klasse steht deutlich sportlicher da als der Vorgänger.

Holger Preiss

Seit 1997 erfreuen die vielen praktischen Vorzüge der B-Klasse die Käufer. Dennoch wünschen die sich mehr Sportlichkeit. Diesem Ansinnen ist Mercedes jetzt nachgekommen und hat in der Neuauflage "den einzig wahren Sports-Tourer" auf die Räder gestellt.

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Vor allem am Heck haben die Mercedes-Designer dafür gesorgt, dass bei der B-Klasse mehr Dynamik ins Spiel kommt.

(Foto: Holger Preiss)

Als bei Mercedes nach 1,5 Millionen verkauften Einheiten der B-Klasse das Lastenheft für die dritte Generation geschrieben wurde, war einer der vorrangigen Punkte: "Mehr Sports für den Tourer". "Das haben sich die Kunden gewünscht", erklärt Jörg Bartels, Entwicklungs-Chef der Kompaktklassen. Und mit Blick auf die neue B-Klasse kann man das Mehr an Sportlichkeit, was die Optik betrifft, durchaus unterschreiben. Die Sichel-Sicke, die einst in die Seiten gepresst wurde, ist verschwunden, klare Flächen spannen sich an deren Stelle.

Zu weit aus dem Fenster gelehnt?

Die Silhouette scheint durch die abfallende Dachlinie und eine mehr in Richtung Asphalt gezogene Motorhaube gestreckt, in den Radhäusern spannen sich auf Wunsch 19-Zöller und an Bug und Heck leuchten LED-Lichter die Straße aus. Wobei gerade die Rückseite mit trapezförmigen Endrohrverblendungen und schmaleren Leuchten in Richtung Dynamik getrimmt wurde. Und an der Front? Gibt es auf Wunsch den Diamantgrill. Zentralstern und getrimmte Scheinwerfer sind gratis.

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Der stärkste Motor in der B-Klasse ist momentan der 2,0-Liter-Diesel mit 190 PS.

(Foto: Dieter Rebmann)

Das alles macht die B-Klasse so dynamisch wie noch nie, entstaubt sie und hebt sie ein gutes Stück aus ihrem Rentner-Image. Aber reicht das, um der Aussage von Bartels zu folgen: "Unsere B-Klasse ist der einzig wahre Sportstourer in diesem Segment!"? Hui, denkt der Motor-Journalist, da lehnt sich aber einer weit, ganz weit aus dem Fenster. Schließlich gibt es da noch ein Produkt aus einer bayrischen Autoschmiede, deren Fahrzeug unter dem Label Active Tourer firmiert. Und die Kollegen aus München sind nicht bekannt dafür, lahme Kisten auf die Straße zu bringen.

Mit dem stärksten Diesel ins Rennen

Um also diese mutige Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, entert der Autor den zur Fahrpräsentation bereitgestellten stärksten Diesel. Der OM 654 leistet 190 PS, die aus zwei Litern Hubraum geschöpft werden, und wuchtet 400 Newtonmeter auf die Vorderachse. Klar, man hätte auch den B 200 nehmen können, der 163 PS leistet, 250 Newtonmeter maximales Drehmoment generiert und Benzin in seinen vier Zylindern verbrennt. Auch der 200 d mit 150 PS und 320 Newtonmetern wäre eine Option gewesen. Doch letztlich steht ja die Sportlichkeit im Fokus, also her mit dem Stärksten, was für die B-Klasse zu haben ist, denn eine AMG-Version des Tourers wird es nicht geben. Die Triebwerke jedenfalls erfüllen alle samt die Norm Euro 6d-Temp, die Dieselaggregate sogar die schärferen Vorgaben von Euro 6d.

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Vieles im Interieur kennt man aus der A-Klasse. Dennoch bemüht sich die B-Klasse um Eigenständigkeit.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Also, die Türen fernentriegelt, dem Familienfreund zugezwinkert und rein in die Kiste. Und guck, eigentlich erwartet man hier das Interieur der A-Klasse, denn beide Fahrzeuge nutzen die gleiche Architektur, aber, oh Wunder, die Raumarchitektur der B-Klasse ist eigenständig. Klar, Lenkrad und die fünf scharfen Lüftungsdüsen in hinterleuchteter Turbinenoptik sind ebenso wiederzuerkennen wie die freistehende Bildschirmeinheit. Dafür schwingt die Armatur zum Beifahrersitz aus und wird dort von einem frei wählbaren Dekor-Teil überblendet. Ob das sportlich ist, ist ebenso streitbar wie die recht flach geratenen Türinnenverkleidungen mit den waagerechten Armauflagen. Vorteil: darunter verschwinden locker 1,5-Liter-Flaschen.

Viel Luft für alle

Das dadurch entstehende Raumgefühl bringt viel Luft für alle Reisenden, auch in der zweiten Reihe, die sich optional in Längsrichtung verschieben lässt und so die 455 Liter Kofferraumvolumen bis auf 705 Liter erweitert. Wer die im Verhältnis 40/20/40 zu teilende Rücksitzlehne komplett umlegt, kann 1540 Liter mit Ladegut bestücken. Aber auch das ist eher praktisch als sportlich. Insofern wird es Zeit, den Startknopf zu drücken und dem Diesel endlich Töne zu entlocken. Die fallen im Innenraum erstaunlich leise aus, die Dämmung ist also schon mal bestens gelungen, denn wer draußen steht, hört sehr wohl, dass es sich um einen Selbstzünder handelt.

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In der Kurve offenbart sich die feine Dynamik der neuen Mercedes B-Klasse.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

So, jetzt aber mal los. Gang rein und Pin richtig ins Blech gebügelt. Für eine Zehntelsekunde verlieren die Vorderräder den Grip, wenn die 400 Newtonmeter zuschlagen, dann regelt die Elektronik, die Pneus greifen in den Asphalt und die B-Klasse schiebt sauber an. Smooth reicht die neue 8-Gang-Automatik die Gänge durch und beschleunigt die 1,5 Tonnen in 7,2 Sekunden auf Landstraßentempo. Okay, das ist nicht unsportlich. Auch die Aussicht auf eine Endgeschwindigkeit von 232 km/h lässt frohlocken. Allerdings ließ sich dieser Wert auf mallorquinischen Straßen nicht erfahren und ist somit dem Datenblatt entnommen, scheint aber mit Blick auf den souveränen Antritt durchaus glaubhaft.

Sportlichkeit zeigt sich in der Kehre

Aber wahre Sportlichkeit zeigt sich - auch wenn das viele Autofahrer glauben - nicht im Vmax, sondern bei Kurvenfahrten. Das Lenkrad gerade halten und auf den Pin latschen kann am Ende jeder, sauber in die Kurve einbremsen und am Ausgang kraftvoll beschleunigen, das ist die Kunst. Die sollte dann auch nicht nur der Fahrer beherrschen, das Auto muss schon mitspielen. Also ab mit der neuen B-Klasse in die Kehre. Der Testwagen ist natürlich fahrwerksseitig ganz vorn: adaptive Verstelldämpfer sorgen hier für das sanfte Überlaufen von Schlaglöchern und Querfugen oder straffen sich im Sportmodus, um die Federrate in schnell gefahrenen Kurve zu verringern. Hinten sorgt bei den stärkeren Motorisierungen eine Vierlenker-Hinterachse für Spurtreue.

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Die Sitze haben mehr zu bieten als guten Seitenhalt.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Und so gesehen ist die Frage nach dem sportlichen Kurvenlauf eigentlich auch schon beantwortet. Ja, die B-Klasse lässt sich schon ordentlich um die Kehre schieben. Aber Obacht, im Verhältnis zu anderen Fahrzeugen in diesem Segment geht das wirklich sehr gut, was auch der präzisen Lenkung geschuldet ist, die dem Fahrer ordentliche Rückmeldungen gibt. Ob das in Summe nun tatsächlich die sportlichste Variante eines Tourers auf dem Markt ist, sei mal dahingestellt. Fakt ist, dass die Ingenieure in allen Details dafür gesorgt haben, dass der Pilot hier schon mal ordentlich zur Sache gehen kann.

Reichlich Druck, wenig Verbrauch

Als Empfehlung sei angemerkt, dass das beim adaptiven Fahrwerk schon im Sport-Modus passieren sollte, denn im Comfort neigt sich der Spaß dann doch mehr, als einem unter Umständen lieb sein könnte. Aber fairerweise muss schon gesagt werden, dass der Grenzbereich sehr weit oben angesiedelt ist. In der Basisausführung hat die B-Klasse übrigens wie die A-Klasse ein sogenanntes Komfortfahrwerk mit Tieferlegung. Und wenn wir schon bei Empfehlungen sind: Der gefahrene 220 d empfiehlt sich auch vom Verbrauch. Selbst bei schnell gefahrenen Bergpassagen im Sport-Modus mit reichlich Druck auf das Gaspedal begnügt sich der Diesel mit 8,5 Litern über die Distanz von 100 Kilometer. Auch das darf durchaus als komfortabel angesehen werden.

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Maximal 1570 Liter Kofferraum-Volumen stellt die B-Klasse zur Verfügung.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Und weil jetzt der Begriff Komfort so oft gefallen ist, nehmen wir mal etwas Geschwindigkeit raus und reden über die andere Seite der neuen B-Klasse, die Komfort-Seite. Die liegt nämlich nicht nur im Fahrbetrieb selbst, sondern auch in den Beigaben, die es optional beim Tourer zu buchen gibt. Da sind als Erstes die Polster zu nennen. Die sind sitztechnisch optimiert, können beheizt oder belüftet werden und bieten auf Wunsch eine Massagefunktion. Das ist alles nichts Neues. Der Clou ist hier, dass die Sitze auf langen Fahrten ihre Position minimal verändern, um Fahrer und Beifahrer Rückenprobleme vom Hals zu halten. "Energizing Sitzkinetik" nennt sich dieses Feature und basiert auf einem patentierten Algorithmus, der drei Programme für die Kurz-, Mittel- und Langstrecke beinhaltet.

Assistenten wie in der S-Klasse

Zum Komfort gehören auch die Assistenten, die in der B-Klasse unterdessen auf dem Niveau einer S-Klasse sind. Dazu gehören nicht nur verbesserte Kamera- und Radarsysteme, die bis zu 500 Meter vorausschauen können. Das System kann noch mehr: Mithilfe der Navi-Daten und dem Abstands-Assistenten kann die Geschwindigkeit beim teilautonomen Fahren an Kurven, Kreuzungen und Kreisverkehren automatisch angepasst werden. Serienmäßig an Bord ist der erweiterte aktive Bremsassistent, der durch einen sehr effektiven Bremseingriff hilft, Auffahrunfälle mit vorausfahrenden Fahrzeugen zu vermeiden. Das System erkennt selbstverständlich auch Fußgänger und Radfahrer. Die Gefahrenbremsung ist allerdings auf 50 km/h und damit auf den Stadtverkehr beschränkt.

Auch beim Rückwärtsausparken reagieren die Sensoren jetzt und bremsen bei querendem Verkehr die B-Klasse bis zum Stillstand ab. Der Verkehrszeichen-Assistent warnt beispielsweise jetzt auch vor dem falschen Einfahren auf Autobahnen. Zudem wird die Start-Stop-Funktion aktiviert, wenn ein Stoppschild erkannt wird. Noch etwas soll nicht unerwähnt bleiben: der erweiterte Totwinkel-Assistent. Dass der vor Fahrzeugen im nicht sichtbaren Bereich warnt, ist nicht neu. Dass das akustisch unterstützt wird, auch nicht und dass er bei einem dennoch vollzogenen Wechsel einseitig einbremst, um eine Kollision zu vermeiden, hat man auch schon gehört. Dass er aber im Stillstand und beim Öffnen der Türen die Passagiere auf allen Plätzen warnt, das ist in der B-Klasse neu.

Am Ende ist die neue B-Klasse also nicht nur ein durchaus sportlich zu fahrendes Auto, sondern auch ein sehr sicheres und komfortables. Natürlich wird, will man alle Annehmlichkeiten ausschöpfen, der Einstiegspreis von 31.870 Euro bei Weitem nicht ausreichen.

Quelle: n-tv.de

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