Retro-Modell regelt's mit CharmeRenault 4 E-Tech - mehr Lebemann als Arbeitstier

Renault hat ein Händchen für Retro-Modelle. Beim R4 entfernten sich die Franzosen zwar weit vom Ur-Modell, können aber vor allem gestalterisch trotzdem überzeugen. Der Renault 4 E-Tech hat ein ansprechendes Design und einen erstaunlich gut nutzbaren Kofferraum - aber er ist recht teuer und die Ladeleistung gering.
Der elektrische Renault 4 hat den Charme seines Vorgängers geerbt; für die alltagspraktischen Tugenden gilt das nur eingeschränkt. Macht aber nichts: Der flinke E-Antrieb und die liebevolle Detailarbeit der Designer gleichen leichte Schwächen beim Raumangebot locker wieder aus.
Bei der Neuauflage des Kleinwagens R5 hat Renault gezeigt, wie gutes Retro-Design funktioniert. Auch beim Crossover-Ableger R4 schmeckt das Rezept dem Auge - auch wenn die Neuauflage formal nicht ganz so eng am Vorbild bleibt. War der R4 der 1960er-Jahre ein vor allem auf praktischen Nutzen ausgelegter Hochdachkombi oder Kastenwagen, ist sein moderner Wiedergänger eher Lebemann als Malocher.
Ornamente ohne Funktion
Modische Beplankungen an den Radhäusern, eine wuchtige Front-Stoßstange und eine verspielte LED-Illumination zeigen, dass es hier vor allem um äußere Werte geht. Auch wenn ein paar nette Details wie die schmalen, senkrechten Rückleuchten, der breite Kühlergrill und die runden Scheinwerfer das historische Modell zitieren - sie sind letztlich Ornament und haben keine funktionale Notwendigkeit.
Tatsächlich ist der nur 4,14 Meter lange R4 E-Tech anders als das Ursprungsmodell innen kein Raumwunder. Vor allem im Fond geht es eng zu - mit vier durchschnittlich großen Erwachsenen wird es an Bord ungewollt kuschelig. Das niedrige Dach und die kleinen Fenster beeinträchtigen zusätzlich das Raumgefühl in Reihe zwei.
Vorn ist das Platzangebot in Ordnung, ohne sich von typischen Kleinwagenstandards abzuheben. Mehr Luftigkeit - zumindest nach oben hin - verspricht das optionale Faltdach, das beim Testwagen aber nicht vorhanden war.
Vergleichsweise groß fällt der Kofferraum aus, der zudem dank der weit nach unten gezogenen Ladekante außergewöhnlich gut nutzbar ist. Gerade im Vergleich zu anderen kleinen Crossover-Modellen, die es einem beim Beladen ziemlich schwer machen, ist das ein echter Vorteil.
Praktisch ist auch der optionale umklappbare Beifahrersitz, der beim Umlegen der Rückbank auch das Verstauen großer Fracht möglich macht. An dieser Stelle wird der neue R4 seinem Erbe tatsächlich gerecht.
Keine Anlehnung an die eigene Tradition gibt es im Cockpit, das mit digitalem Tacho, Touchscreen und viel LED-Beleuchtung ziemlich modern wirkt. Renault nutzt das aus dem R5 und in den Grundzügen auch aus anderen Modellen bekannte Layout sowie die dazugehörige Technik, die vor allem von Googles Infotainment-Software geprägt ist. Davon profitiert die Echtzeit-Navigation mit einer gut integrierten Ladesäulen-Suche.
Ein netter Gag, aber auch ein wenig Stilbruch ist der optionale Baguette-Halter für die Mittelkonsole: ein runder Rattan-Behälter, der mit leichtem Sixties-Flair nicht ganz zur digitalen Ausstattung passen will. Auch wenn er alternativ einen Schirm oder die eingerollte "Le Monde" fassen würde - das Zubehörteil ist eher im Weg als besonders nützlich.
Müheloses Mitschwimmen im Verkehr
Der Antrieb hingegen passt zum Charakter des Autos. In der stärkeren Ausführung mobilisiert der E-Motor 110 kW/150 PS, wirkt beim Anfahren kurz zurückhaltend, legt dann aber engagiert los. Im Alltag zählt weniger eine gute Sprintzeit als das mühelose Mitschwimmen im Verkehr - und genau das kann der R4. Auf der Landstraße gelingen Überholmanöver zügig, zugleich wirkt die Leistungsentfaltung angenehm gleichmäßig. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei 150 km/h abgeregelt, was dem Energieverbrauch zugutekommt.
Renault hat dem kleinen Crossover hinten nicht die im Kleinwagensegment sonst übliche Verbundlenkerachse spendiert, sondern setzt auf eine Mehrlenker-Konstruktion. Die ist aufwändiger und teurer, führt aber nicht automatisch zu Sänften-Komfort. Tatsächlich ist die Abstimmung eher straff: In der Stadt meldet der R4 kurze Kanten und schlechte Straßen recht deutlich, auf der Autobahn beruhigt er sich erst auf glattem Belag. Dafür wirkt der Renault in Kurven sicher und gut kontrollierbar.
Der stärkere der beiden E-Motoren ist an die größere der beiden Batterien gekoppelt. Deren 52 kWh sind für die meisten Kunden die bessere Wahl, weil sie den Einsatzbereich spürbar erweitern. Renault selbst gibt 409 Kilometer an, in der Praxis waren es bei moderaten Temperaturen rund 350 Kilometer. Wer vor allem in der Stadt unterwegs ist, dürfte deutlich weiter kommen.
Praktische Extras wie V2L-Funktion
Geladen wird an der Wallbox serienmäßig dreiphasig mit 11 kW, am Schnelllader sind bis zu maximal 100 kW. Für regelmäßige Langstreckenfahrten ist das zu wenig, vor allem, da der Maximalwert nur zu Beginn des Ladevorgangs erreicht wird. Spätestens beim halben Füllstand geht es mit der Leistung bergab. Praktisch im Alltag sind dagegen Extras wie die V2L-Funktion, die etwa das Aufladen von E-Bike-Akkus über die Traktionsbatterie erlaubt. Dazu kommt eine grundsätzliche V2G-Fähigkeit, die allerdings passende Infrastruktur und Vertrag voraussetzt.
Ein Schnäppchen ist der kleine Retro-Stromer angesichts von erwachsener Technik und Lifestyle-Positionierung nicht. Schon das mehr oder weniger auf den Stadtverkehr beschränkte, eher karg ausgestattete Basismodell kostet 29.500 Euro; mit großer Batterie werden bereits mindestens 32.400 Euro fällig.
Wer Wert auf schickes Design in Form von Leichtmetallfelgen, Karosserie-Applikationen und Haifischflossen- statt Stabantenne setzt, ist schnell bei knapp 35.000 Euro. Bei anderen Herstellern gibt es für das Geld schon einen elektrischen Kompaktwagen.
Unterm Strich ist der Renault 4 weniger Alltagspraktiker als mehr Lifestyle-Elektroauto im Kleinformat. Er punktet mit sympathischem Design, gutem Infotainment und einem für die Klasse erstaunlich brauchbaren Kofferraum. Die zweite Reihe bleibt eng, die Ladeleistung begrenzt.
Wer damit leben kann, bekommt einen eigenständigen Stromer, der sich im Alltag leicht bedienen lässt und genau die Sorte Charme versprüht, die vielen modernen E-Autos abgeht.