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"Wir schneiden alte Zöpfe ab" Erste Fahrt im neuen Opel Astra

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Noch ist der neue Opel Astra getarnt. Opel verspricht nicht nur für die Hülle einen ganz neuen Kompakten aus Rüsselsheim.

(Foto: Thorsten Weigl)

Opel muss sich immer wieder neu erfinden. Auch beim neuen Astra konnten die Ingenieure in Rüsselsheim nicht auf technische Grundlagen des Vorgängers zurückgreifen, sondern mussten das nehmen, was der Stellantis-Konzern im Angebot hat. Dennoch hat man bewahrt, was den Astra bis heute ausmacht.

Es ist nicht einfach für Opel. Erst mussten die Rüsselsheimer unter der Ägide von General Motors ihre eigene DNA wahren, jetzt stehen sie im Rahmen des Stellantes-Verbandes in französischen Diensten und müssen mit deren Mitteln und vor allem großen Teilen der Technik eigene Autos mit dem Blitz an der Front auf die Räder stellen. Eine ganz besondere Herausforderung ist dabei der neue Astra. Denn gestern wie heute und vor allem auch morgen hat das Kompaktsegment seine Berechtigung. Nach internen Berechnungen in Rüsselsheim werden auch im Jahr 2030 noch 14 Prozent der verkauften Neuwagen in Europa aus dem C-Segment kommen.

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Vor allem auf das Fahrverhalten des neuen Astra haben die Verantwortlichen viel Zeit verwendet.

(Foto: Thorsten Weigl)

Mit Sicherheit wird das dann nicht mehr der neue Opel Astra sein, den ntv.de auf einer ersten Validierungsfahrt unter die Lupe nehmen durfte. Aber dessen neue Gene sollen eben die Grundlage für alles sein, was danach kommen wird. Und hier spielt das Fahrwerk mit all seinen Komponenten eine entscheidende Rolle. Der neue Astra ruht nämlich auf der EMP2-Plattform, die inzwischen alle Fahrzeuge von Citroën, Peugeot und DS nutzen. Allerdings hat man in Rüsselsheim eine "Variante 3" entwickelt, die fahrtechnisch vieles möglich macht, was die Fans deutscher Autobahnen zu schätzen wissen. Insofern lohnt es sich, zu erwähnen, dass 50 Prozent der für die Astra-Plattform benutzen Teile neu sind und aus Rüsselsheim stammen.

11 Punkte nur fürs Fahrverhalten

Andreas Holl, der für die Fahrzeug-Dynamik verantwortlich zeichnet, hat sein Augenmerk vor allem darauf gelegt, dass die 11 der 42 Anforderungspunkte, die das Fahrverhalten betreffen, zu 100 Prozent umgesetzt werden. Und so wurde besonders auf die Stabilität, das Kurvenverhalten, auf das Verhalten bei Höchstgeschwindigkeiten auf der Autobahn, hartes Bremsen und die Akustik im Wagen geachtet. Nun könnte eingefleischte Astra-Fans aber dennoch das Gefühl beschleichen, dass der Neue nicht mehr so viel mit dem zu tun hat, was man bis dato an dem Rüsselsheimer so liebte: straffes Fahrwerk, eine ebensolche Lenkung, leichtgängige, aber präzise Schaltung bei Fahrzeugen mit manuellem Getriebe und eine straffe Pedalerie bei Kupplung und Bremse.

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Die Paarung aus Komfort und ausreichender Sportlichkeit stehen dem neuen Opel Astra gut.

(Foto: Andreas Liebschner)

Tatsächlich wirkt der neue Astra in all diesen Punkten etwas weich und erinnert dann doch sehr an die französischen Fahrzeuge, die mit den gleichen Komponenten ausgestattet sind. Doch spätestens, wenn mit dem Astra das gemacht wird, was einem Franzosen in seinem angestammten Revier wohl eher selten passiert, dass er im Grenzbereich beansprucht wird, ist klar, dass sich Komfort und Sportlichkeit nicht ausschließen müssen. Ganz im Gegenteil. Dank eines längeren Radstands, der mit 2,67 Metern um 13 Millimeter zugelegt hat, dringen im Zusammenspiel mit den von Opel individuell entwickelten Dämpfern viel weniger Straßeninformationen in den Innenraum.

Gar nicht weichgespült

Und dabei wirkt der neue Astra nicht etwa weichgespült. Das wird spätestens klar, wenn der Wagen mit Tempo über wellige und kurvenreiche Landstraßen gejagt wird. Hier schwingt er sich an keinem Punkt auf, wird unruhig oder reagiert mit Versatz. Selbst wenn der Wagen bei einer Bodenwelle tief einsackt, hebt er sich nicht schwingend zum Höhepunkt, um dann wieder tief abzusinken, sondern fängt sich sicher und ruhig in der Mitte ab. Einzig die Lenkung könnte etwas direkter sein und mehr Rückmeldung geben. Auch das ESP sollte einen Tick später anfangen zu regeln. Aber das sind Punkte, so verspricht Holl, die noch auf der Agenda stehen und im finalen Astra behoben sind.

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An der Länge hat sich beim neuen Opel Astra mit 4,37 Meter nichts geändert.

(Foto: Thorsten Weigl)

Und wie wird der neue Astra befeuert? Zeitgemäß teilelektrifiziert und klassisch. Für die erste Ausfahrt stand der 1,2-Liter-Dreizylinder mit 130 PS und manuellem Sechsganggetriebe aus dem PSA-Regal zur Verfügung. Im Vergleich zum ebenfalls gefahrenen 1,2-Liter-Dreizylinder mit 130 PS aus dem alten Astra fühlte sich der Franzose schwächer an. Vor allem im zweiten Gang fehlte es an Durchzugskraft und spontanem Ansprechverhalten. Auch die Schaltwege waren nicht so präzise durch die Gassen zu führen.

Auffällig war, dass die Geräuschkulisse im neuen Astra deutlich reduziert war. Auch hier wurde, was die Dämmung betrifft, ein Schritt Richtung Komfort gemacht. Allerdings dürfte das neben der speziellen Verglasung auch an den Leichtlaufreifen liegen, die mit jedem neuen Astra serienmäßig verkauft werden. Die sollen natürlich zusätzlich auch den Spritverbrauch und den CO2-Ausstoß nachhaltig beeinflussen.

Potenter Plug-in-Hybrid

Gleiches gilt für den Plug-in-Hybrid, den Opel mit dem neuen Astra anbieten wird. Zwei Leistungsstufen wird es geben, eine mit 180 PS Nennleistung, eine mit 225 PS. Verbrennerseitig arbeitet ein 1,6-Liter-Vierzylinder unter der Haube, an dessen Seite ein 110 PS starker Elektromotor steht, der von einer 12,4-kWh-Batterie mit Energie versorgt wird. Genaue Daten nennt Opel nicht, denn die finale Homologation der Fahrzeuge steht noch aus. Auf jeden Fall hat sich die Kombination mit 180 PS bei der ersten Ausfahrt recht potent gezeigt. Die Schaltstufen für das Verbrennergetriebe übernimmt eine Acht-Stufen-Automatik, die ohne nennenswerte Verzögerungen ihre Arbeit verrichtetet und auch bei vermehrtem Leistungsabruf mit den Anforderungen umzugehen weiß. Was es wohl weiterhin nicht geben wird, sind Fahrmodi, wie zum Beispiel Sport, Komfort und Eco, die die Gaskennlinie und die Lenkung beeinflussen. Den Opel Astra fährt man pur und ungekünstelt.

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Entwicklungschef Bachen ist überzeugt, dass man mit dem neuen Opel Astra "alte Zöpfe abgeschnitten hat".

(Foto: Thorsten Weigl)

Dafür verspricht Opel ein umfängliches Portfolio an elektronischen Helferlein. Das reicht von der Verkehrszeichenerkennung über eine 360-Grad-Kamera bis hin zur Anpassung der Kurvengeschwindigkeit und zur adaptiven Geschwindigkeitsanpassung mit Stauassistent. Hier dürften sich mit Blick auf die Konkurrenz wohl keine Lücken mehr bilden. Einen Schritt voraus dürften die Rüsselsheimer dann wieder beim Licht sein. Für den Kompakten haben sie jedenfalls die nächste Generation ihres LED-Pixel-Lichts hinter Glas gepackt. In Summe strahlen 84 LED pro Scheinwerfer, was dafür sorgt, dass zum einen die Ausleuchtung der Straße noch besser ist, zum anderen Fahrzeuge oder Fußgänger noch besser ausgespart werden können, um zu vermeiden, dass die geblendet werden.

Wichtiges bleibt manuell

Über den Innenraum des in der Länge weiterhin 4,37 Meter messenden Astra kann noch nicht viel gesagt werden, denn bei der Validierungsfahrt war außer dem volldigitalen Zentraldisplay nichts zu sehen. So viel hat Rainer Bachen, der Entwicklungschef des Astra, aber verraten: Auf Wunsch wird es ein Pure Panel geben, wie man es bereits aus dem Opel Mokka kennt. Also zwei Displays hinter Vollglas, von denen das oberhalb der Mittelkonsole zum Fahrer geneigte selbstredend ein Touchscreen ist. Über den lässt sich so gut wie alles bedienen. Lediglich bei so wichtigen Funktionen der Deaktivierung des Spurhalteassistenten oder bei der Klimaanlage setzen die Rüsselsheimer dankenswerterweise weiterhin auf manuell zu bedienende Tasten. Wichtig auch, dass sich in Zukunft Apple CarPlay und Android Auto über Bluetooth auf dem Bildschirm spiegeln lassen und so lästiger USB-Kabelsalat entfällt.

Und noch etwas hat Bachen verraten: Es gibt im neuen Astra wieder einen planen Kofferraumboden, wenn die Rückenlehne der Fondsitzbank umgeklappt ist. Das wird vor allem die freuen, die häufiger mehr als die 422 Liter Stauraum nutzen wollen oder müssen, die ohnehin zur Verfügung stehen. Am Ende darf man gespannt sein, wie der neue Astra am Ende ohne Tarnfolie und Abdeckungen im Innenraum aussehen wird. Und ob tatsächlich alle "alten Zöpfe abgeschnitten sind", wie es Bachen formuliert. Die Weltpremiere ist jedenfalls im August und der Verkauf soll im Dezember starten.

Quelle: ntv.de

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