Auto

Es fehlt der richtige Stromstoß Toyota bZ4X - noch nicht auf Augenhöhe

2022_bZ4X_DPL_DYNAMIC_010.JPG

Wie so oft setzt Toyota auch beim bZ4X auf ein sehr eigenes und gewöhnungsbedürftiges Design.

(Foto: Toyota)

Lange hat Toyota mit der E-Mobilität gehadert. Jetzt schickt der größte Autobauer der Welt aber dennoch sein erstes batterieelektrisches Auto ins Rennen. Der bZ4X ist ein Crossover, der aber noch nicht auf Augenhöhe mit der Konkurrenz fährt. Und das gilt nicht nur für die momentane Ladekapazität.

Zugegeben, dieser Toyota fällt auf. Nicht wenige der zahllosen Radfahrer in Kopenhagens Innenstadt recken die Hälse, verfolgen das leise summende SUV mit ihren Blicken. Auch wenn Elektroautos in Dänemarks Metropole schon lange keine Seltenheit mehr sind, sorgt der erste rein elektrische Toyota allein durch sein recht extravagantes Kleid für Aufmerksamkeit. Und durch seine Bezeichnung, die schwer über die Lippen kommt.

"bZ4X" prangt da am Heck, wobei die ersten Buchstaben am wichtigsten sind. Denn "bZ" steht für das englische "beyond Zero" und drückt damit das neue Toyota-Motto aus. "Über die Null hinaus" wollen die Japaner mit allen bZ-Modellen, die demnächst noch dazukommen werden, gegen den Klimawandel angehen, wobei nicht nur die Emissionen gemeint sind. Es geht auch um alle Dienstleistungen rund um das E-Auto.

Nun also doch, Toyota wird jetzt "richtig" elektrisch. Zwar gilt der Konzern seit 1997 als Vorreiter der damals neuen Antriebsart. Der erste Prius kombinierte seinen Verbrennungsmotor mit der Kraft einer kleinen Batterie, die vor allem zum Spritsparen im Stadtverkehr diente. Mehr als 20 Millionen sogenannte Hybride in vielen verschiedenen Modellen hat Toyota seitdem verkauft. Alle mit dem Manko, dass sie zwar deutlich weniger Schadstoffe in die Luft blasen, aber eben doch klassische Verbrenner sind.

Den lange verschleppten Wandel zum reinen E-Auto erklärte Toyota mit der noch nicht ausreichenden Zahl von Ladestationen und der damit verbundenen Mühsal und Reichweitenangst der Kunden. Weil das Netz der Strom-Zapfsäulen jetzt langsam dichter wird, sieht der Mega-Konzern seine Zeit indessen für gekommen.

Spannende Schattenspiele

2022_bZ4X_DPL_DYNAMIC_044.JPG

Mit 4,70 Metern Länge ist der Toyota bZ4X, was die Innenmaße betrifft, über jeden Zweifel erhaben.

(Foto: Toyota)

Das erste Modell sollte, ähnlich wie damals der Prius, allein schon optisch durch sein Äußeres als besonderer Toyota zu erkennen sein. So überrascht der gut 4,70 Meter lange Crossover durch eine stark konturierte Seitenansicht, die je nach Lichteinfall für spannende Schattenspiele sorgt. Zugleich wird die Umgebung, wie vorbeifahrende andere Autos oder das Straßenleben, dadurch wie im Zerrspiegel eines Panoptikums dargestellt. Eher konservativ ist die Frontpartie geraten, mit glatter Motorhaube und einem schmalen Schlitz für LED-Scheinwerfer und Kühlergitter. Zu guter Letzt umspannt eine Rücklicht-Spange das Heck und verleiht dem Hinterteil so einen wuchtigen Hauch und Modernität. In Summe ist das Design mit Blick auf die doch eher konservative Toyota-Kundschaft recht gewagt und lehnt sich ein wenig an den Auftritt der Edel-Marke Lexus an.

Wohnzimmer-Atmosphäre herrscht dagegen im Innenraum mit konturierten Sitzen, Bespannungen aus nachwachsenden Materialien und glatten Flächen in Klavierlack-Optik. Das schmale Zentralinstrument mit Tacho und Verbrauchsanzeige ist weit an die Frontscheibe gerückt und so hoch angebracht, dass nach Ansicht von Toyota auf ein Head-up-Display verzichtet werden kann. Zur Gediegenheit zählt auch der 12,3-Zoll-Monitor in den Top-Modellen (sonst nur 8 Zoll), unter dem noch echte Druckschalter bedient werden können. Darunter einer für den Umgang mit dem Allradantrieb, der dem Flaggschiff des bZ4X vorbehalten ist. Die Elektronik kann auf Wasserdurchfahrten, auf verschneites oder matschiges Terrain, sogar auf Krabbelkünste über kleinere Hindernisse oder recht steile An- und Abstiege an Hängen vorbereitet werden. "Ein SUV mit Geländequalitäten", sagt Chef-Entwickler Ido Daisuke und beruhigt: "Keine Sorge, die Batterie ist wasserdicht".

Fronttriebler 12.500 Euro billiger

2022_bZ4X_DPL_INT_005.JPG

Neben großer digitaler Anzeigen setzt Toyota im bZ4X auch noch einige haptische Schalter ein.

(Foto: Toyota)

Fast 60.000 Euro kostet der komplett ausgestattete bZ4X mit Allradantrieb, glänzt dafür aber mit zwei E-Motoren mit jeweils 109 PS, die Vorder- und Hinterachse antreiben. Antriebs- und Durchzugskraft wird je nach aktueller Fahrsituation von der Elektronik verteilt. Wie bei vergleichbar starken E-Autos beeindruckt der Toyota durch souveräne und natürlich ruckfreie Beschleunigung aus dem Stand heraus ebenso wie bei Zwischenspurts. Die Lenkung ist derzeit noch konventionell, ab nächstes Jahr soll dann das sogenannte "Steer by wire" kommen. Dabei sendet die Bordelektronik Lenkbefehle, so dass die klassische Mechanik ausgedient hat. So wählt der Computer stets den idealen Winkel. Und das sogar bei 180-Grad-Biegungen. Schon heute verwöhnt der Unaussprechliche seine Insassen mit standesgemäßem Komfort und Raumgefühl für die Hinterbänkler.

Der Fahrer wird auf Wunsch mit nahezu allen bekannten Assistenzsystemen unterstützt. Für das Einstiegsmodell sind die in zwei Paketen für zusammen knapp 8000 Euro zusammengefasst. Der Fronttriebler (ab 47.490 Euro) hat nur einen 204 PS starken Motor vorn, bietet dafür aber einen deutlichen Reichweiten-Vorteil. Mit bis zu 510 Kilometern pro Batterieladung kommt er gut 100 Kilometer weiter als der schwerere Allrad-Toyota und kostet zudem satte 12.500 Euro weniger. Kein Wunder also, dass nach Toyota-Schätzungen gut 75 Prozent der künftigen Käufer zugunsten der Reichweite und der eigenen Finanzen auf den frontgetriebenen bZ4X setzen werden.

Noch weit von der Konkurrenz entfernt

2022_bZ4X_DPL_INT_022.JPG

An der Wallbox kann der Toyota bZ4X momentan nur mit 6,6 kW laden.

(Foto: Toyota)

Eine Schwachstelle beider Modelle will Toyota bis Ende des Jahres beheben. Derzeit kann der bZ4X an Wallboxen unverständlicherweise für ein neues Auto nur mit 6,6 kWh geladen werden, muss also daheim stundenlang am Strom hängen. Mit dem Update sollen dann die üblichen 11 kWh möglich sein. Unterwegs kann an einer 150-kWh-Schnellladesäule angedockt werden, die den Akku in 30 Minuten wieder zu 80 Prozent füllt.

Das Ausmerzen eines weiteren Mankos gegenüber der etablierten Konkurrenz wird noch länger dauern. Derzeit arbeiten Navigationssystem und Bordelektronik noch nicht zusammen, wenn es um die Planung von Ladestopps oder das Temperaturmanagement der Batterie auf den Kilometern vor dem Stopp an der Ladesäule geht. Eine Wärmepumpe, die die Batterie von Aufgaben entlastet, ist aber immerhin schon an Bord.

2022_bZ4X_DPL_DYNAMIC_038.JPG

Fast 60.000 Euro kostet der komplett ausgestattete bZ4X mit Allradantrieb, glänzt dafür aber mit gleich zwei E-Motoren von je 80 kW/109 PS.

(Foto: Toyota)

Der bZ4X, dessen "4" für die Fahrzeugkategorie und das "X" für Crossover stehen, ist nur der Anfang. Um die Japaner vom Elektro-Bummelzug der letzten Jahre in einen ICE zu verwandeln, bereitet Toyota auf der neuen Plattform des Neulings weitere Modelle vor, zunächst wohl einen kleineren, kompakten SUV.

Insgesamt 15 E-Mobile sollen bis 2025 bei den Händlern stehen. Gleichzeitig wird aber auch der Wasserstoff-Antrieb, der zurzeit schon den Mirai befeuert, weiterentwickelt. Bis 2035 will Toyota in Westeuropa nur noch abgasfreie Modelle anbieten. Und wird es nach der EU-Entscheidung in dieser Woche wohl auch müssen.

Quelle: ntv.de, Peter Maahn, sp-x

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen