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Mit kühnen Schwüngen, scharfen Kanten und den Möglichkeiten zur Individualisierung hat Nissan aus dem einstigen Weltauto Micra ein sehr eigenständiges Auto gemacht.
Mit kühnen Schwüngen, scharfen Kanten und den Möglichkeiten zur Individualisierung hat Nissan aus dem einstigen Weltauto Micra ein sehr eigenständiges Auto gemacht.(Foto: Holger Preiss)
Montag, 18. Dezember 2017

Kleiner Japaner im Praxistest: Nissan Micra - kannste abnicken

Von Holger Preiss

In der Klasse der Kleinwagen hatte zuletzt der Ford Fiesta bei den Verkäufen die Nase vorn. Aber das Feld ist eng, die Konkurrenz groß. Auch der neue Nissan Micra mischt in diesem Segment jetzt kräftig mit und stellt sich mit breiter Brust der Konkurrenz. Aber reicht das?

Auch das Heck des Nissan Micra erfreut die Fans von scharfen Kanten.
Auch das Heck des Nissan Micra erfreut die Fans von scharfen Kanten.(Foto: Holger Preiss)

Nissan hat sich vom Weltauto Micra verabschiedet und die Knutschkugel durch einen wirklich verschärften VW-Polo-Konkurrenten ersetzt. Flach kommt er daher, mit scharfen Kanten und Schwüngen und auf Wunsch auch in individualisierten Farbkombinationen. Eben genauso wie der Testwagen, der bei n-tv.de vorgefahren ist. Aber nicht nur Farbe und Form können sich sehen lassen, auch die technischen Features erfreuen den Fahrer durch mannigfache Hilfeleistung.

All das und noch einiges mehr ist in der Summe der Grund, warum Nissan sich auf einer eigenen Internetseite nicht nur einem Polo, sondern gleich der gesamten Riege der Kleinwagen-Gegner in den Weg stellt: Kia Rio, Toyota Yaris, Peugeot 208, Renault Clio, Ford Fiesta, Citroen C3, Mazda 2 und Seat Ibiza. Sie alle lassen die Japaner zum Vergleich antreten. Das ist mutig, denn der Micra hat seine Vorteile, aber auch ein paar Kleinigkeiten, die es zu bemängeln gilt.

Der will geschaltet werden

Im Nissan Micra darf der Motor noch ein Motor sein. Keine Abdeckung verhindert den Blick auf den Dreizylinder.
Im Nissan Micra darf der Motor noch ein Motor sein. Keine Abdeckung verhindert den Blick auf den Dreizylinder.(Foto: Holger Preiss)

Zum Vergleich mit den Mitbewerbern geht der Micra mit dem Motor an den Start, mit dem er auch zum Test in die Hauptstadt fuhr: mit dem Dreizylinder 0,9 Liter IG-T Benziner, der 90 PS leistet und 140 Newtonmeter maximales Drehmoment an die Vorderachse schickt. Ein kleines, feines Triebwerk, das mit einem über fünf Stufen zu führenden Handschalter verbandelt ist. Über dessen Gang durch die Gassen muss nicht geklagt werden, den vollzieht der Pilot recht flüssig und ohne große Mühe. Muss er aber auch, denn das kleine Triebwerk hat so seine Ansprüche. So ist etwa der erste Gang extrem kurz übersetzt, was nichts anderes heißt, als dass - will man nicht hüpfend von der Kreuzung schnippen - der zweite Gang ganz schnell nachgeschoben werden muss. Am besten genau dann, wenn das maximale Drehmoment ab 2250 Kurbelwellenumdrehungen anliegt und der Turbolader beginnt, ordentlich Wind zu machen.

Der Kofferraum des Nissan Micra bietet 360 Liter Stauraum. Beim Umlegen der Rückbank entsteht jedoch eine arge Stufe.
Der Kofferraum des Nissan Micra bietet 360 Liter Stauraum. Beim Umlegen der Rückbank entsteht jedoch eine arge Stufe.(Foto: Holger Preiss)

Das wiederum bedeutet auch, dass man mit dem spontanen Gasfuß beim Ampelstart zurückhaltend sein muss. Da es die versprochenen 90 PS erst ab 5500 Umdrehungen gibt, möchte man den ersten Gang gerne weit ausdrehen, hat aber das Gefühl, dass der Motor arg schnell hochdreht und noch schneller im Begrenzer landet. Anders bei den Gängen zwei bis vier. Um hier einen maximalen Schub zu erhalten, muss der Pilot unter Missachtung der Schaltempfehlungen die Gänge sehr weit ausdrehen. Dann fliegt der kleine Japaner unter dem typischen Dreizylinder-Knurren flott von der Kreuzung, ohne dabei allerdings die 205er Schluffen auf seinen 17-Zoll-Felgen in Brand zu setzen. In Zahlen heißt das: 12,1 Sekunden braucht der Micra auf Landstraßentempo, die Spitze ist mit 175 km/h angegeben. Wobei der Lauf bis Tempo 160 recht zügig vonstattengeht, bei den letzten 10 km/h braucht es dann schon einen Moment oder Rückenwind.

Ohne Last geht’s besser

Der Ehrlichkeit halber muss aber erwähnt werden, dass diese Werte mit einem Auto ermittelt wurden, dessen Tank zu zwei Dritteln leer war und das nur den Fahrer mit 74 Kilogramm zu bewegen hatte. Deutlich schwerer tut sich der Micra mit dem kleinen Dreizylinder bei voller Zuladung. Und in den kleinen Japaner geht einiges rein: Der Kofferraum fasst bei aufgestellter Rückbank 360 Liter – das sind 10 Liter mehr als im VW Polo. Wird sie flach gemacht, sind es 1004 Liter. Auch der Fond kann gut und gerne mit zwei Erwachsenen besetzt werden. Allerdings sollten diese die 1,85 Meter nicht überschreiten, dann wird es bei der abfallenden Dachlinie doch etwas eng für das Haupt.

Die Sitze im Nissan Micra sind angenehm straff, könnten aber etwas mehr Seitenhalt bieten.
Die Sitze im Nissan Micra sind angenehm straff, könnten aber etwas mehr Seitenhalt bieten.(Foto: Holger Preiss)

Doch ob leer oder voll, der Micra erfreut auch einen sportlich orientierten Fahrer durch ein ausgewogenes Fahrwerk und eine recht straffe und präzise Lenkung. Damit lässt sich schon die eine oder andere Kurve in flotter Fahrt durcheilen und bevor irgendetwas ausbricht, schiebt der Wagen sanft aber bestimmt über die Vorderräder. Lediglich beim Ausbügeln von Bodenwellen gibt sich der Kleinwagen etwas indifferent. Während er größere Unebenheiten für ein Fahrzeug mit einem Radstand von 2,52 Meter ordentlich filtert, beginnt auf groben Kopfsteinpflaster die Hinterachse zu poltern und auf der Autobahn, bei kurz aufeinanderfolgenden Bodenwellen, schaukelt der Japaner sich in unangenehme Nickbewegungen auf. Vorzugsweise geschieht das auch noch im viel gefahrenen Tempobereich um die 120 km/h.

Apropos Tempo. Das ist nicht allein, aber maßgeblich für den Spritkonsum des 898 Kubikzentimeter großen Dreizylinders verantwortlich. Am Ende des Tests lag der nach knapp 1000 gefahrenen Kilometern bei 7,3 Liter. Das hört sich viel an, muss aber mit vermehrtem Stadtverkehr und niedrigen Temperaturen relativiert werden. Bei flüssiger Fahrt war die gleiche Strecke auch mit 6,4 Litern zu bewältigen, was 0,3 Liter unter dem Datenblattwert für die City-Fahrt liegt.

Feine Innereien

Bose-Sound aus der Kopfstütze gibt es im Nissan Micra leider nur für den Fahrer.
Bose-Sound aus der Kopfstütze gibt es im Nissan Micra leider nur für den Fahrer.(Foto: Holger Preiss)

Freude bereitet im Micra das Innenleben. In der höchsten Ausstattungslinie Tekna gibt es nämlich neben sportlich anmutenden Polstern ein Sportlederlenkrad, LED-Ambientebeleuchtung und ein zweifarbiges Cockpit sowie feine Materialien, wenig Plastik und eine richtig gute Verarbeitung. Ein echtes Highlight ist das Bose-Soundsystem mit Lautsprechern in den Kopfstützen des Fahrers. Und während die Lieblingsmucke einem so richtig um die Ohren geblasen wird, fällt der Blick auf analoge Rundinstrumente für Geschwindigkeit und Drehzahl. Zwischen denen informiert die Matrix über die Geschwindigkeitsbegrenzung – ja, es gibt eine gut funktionierende Verkehrszeichenerkennung – über Schaltpunkte, die wie gesagt besser ignoriert werden, und natürlich über die Arbeit des Spurhalte- und des Bremsassistenten.

Letztgenannter verweigerte während des Tests aus unerfindlichen Gründen zweimal die Arbeit und deaktivierte damit auch die Fußgängererkennung. Der Spurhalter war hingegen immer bereit und soll laut Nissan im Ernstfall mit einem dosierten Bremseingriff in die Bahn zurückführen. Verlassen sollte man sich darauf nicht. Mit einem gezielten Lenkeingriff ist das jedenfalls nicht zu vergleichen. Auch der Totwinkelwarner und der Müdigkeitswarner waren immer hellwach. Letztgenannter forderte den Fahrer nach der staulastigen Fahrt von der Arbeit auch zweimal zu einer Kaffeepause auf.

Gut verarbeitet und wertig zeigt sich das Cockpit des Nissan Micra in der Ausstattungslinie Tekna.
Gut verarbeitet und wertig zeigt sich das Cockpit des Nissan Micra in der Ausstattungslinie Tekna.(Foto: Holger Preiss)

Was der Micra für 20.000 Euro auch offeriert, sind ein Navigationssystem, Smartphone-Integration und digitaler Radioempfang. Alles nutzbar über einen 7 Zoll großen Touchscreen. An dem gibt es nichts zu kritteln, außer vielleicht, dass die Grafik im Vergleich zu anderen Herstellern schon etwas Old School wirkt. Auch die Einparkhilfe hinten mit Rückfahrkamera, der schlüssellose Zugang und der Start-Stopp-Knopf sind im Preis inbegriffen.

Fazit: Der Nissan Micra ist ein durchaus gelungener Kleinwagen, der auf Grund seiner Ausmaße und dem damit verbundenen Raumangebot dieses Prädikat eigentlich nicht mehr verdient. Mit 20.000 Euro ist der Japaner ganz bestimmt kein Schnäppchen, bietet aber dafür reichlich Ausstattung, die bei anderen Herstellern zusätzlich bezahlt werden muss. Wem das alles zu viel Technik ist, der kann in einen Micra auch schon ab 13.000 Euro einsteigen. Die Konkurrenz startet mit ähnlichen Preisen.

DATENBLATTNissan Micra Tekna 0.9 IG-T 90 PS
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)3,99 / 1,73 / 1,45 m
Radstand2,52 m
Leergewicht (DIN)1053 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen360 / 1004 Liter
MotorDreizylinder Ottomotor mit 898 ccm Hubraum
Getriebe5-Gang-Handschalter
Systemleistung66 kW / 90 PS bei 5500 U/min
KraftstoffartBenzin
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit175 km/h
Tankvolumen41 Liter
max. Drehmoment140 Nm bei 2250 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h12,1 Sekunden
Normverbrauch (kombiniert)4,6 Liter
Testverbrauch (kombiniert)7,3 Liter
CO2-Emission kombiniert169 g/km
EffizienzklasseB / EU6b
Grundpreis19.990 Euro
Preis des Testwagens22.100 Euro

Quelle: n-tv.de