Leben

Wenn Frauen Eier haben Digitalministerin Bär sagt, was Sache ist

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Sagt, was sie denkt, und handelt dann auch konsequent: Dorothee Bär.

(Foto: imago images/Jürgen Heinrich)

Es geht um den G-Punkt und um Eier in der Hose beziehungsweise unterm Rock. Dass dies dennoch kein Text über Sexualität ist, scheint zunächst befremdlich zu sein, zeigt jedoch, dass wir mit dem, was wir sagen und wie wir es sagen, in Zukunft besser umgehen sollten.

Wenn Journalisten-Männer großmäulig über den G-Punkt sprechen, dann ist zu befürchten, dass sie keine Ahnung haben, wo der sich befindet. Wenn Politik-Männer Pädophilie und Homosexualität in einen Topf packen, dann ist zu befürchten, dass sie Bundeskanzler werden wollen. Und wenn Komiker-Männer schenkelklopfend Podcasts mit Sexismus-Inhalt verbreiten (Anm. d. Red.: man(n) hat sich bereits entschuldigt), dann wird es Zeit, dass ein paar Leute aufstehen, die Initiative ergreifen, "Nein" sagen oder "So nicht!". Also, wer macht's? Keiner. Ah, doch, die Doro, die hat was gesagt, die Digi-Doro, richtig? Hehe, Flugtaxi fällt Ihnen ein, ein Brüller, gähn. Ja, also, nein, die Rede ist von Dorothee Bär, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung. Und tatsächlich die Einzige, die Eier in der Hose hat, auch wenn sie gern und häufig Röcke trägt.

Worum geht's? Es geht darum, dass es nicht mehr hinzunehmen ist, in keinster Weise, ab sofort nicht mehr und nie wieder, dass es in Deutschland möglich ist, wie Männer sich in herabwürdigender Art und Weise über Frauen äußern. Der konkrete Fall: Eine Publikation in dem Magazin "Tichys Einblick", die "frauenverachtende und in höchstem Ausmaß sexistische Äußerungen gegenüber meiner Kollegin Sawsan Chebli enthält", wie Dorothee Bär es zusammenfasste.

Doch der Reihe nach: Publizist Roland Tichy ist - nicht mehr lange - Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung sowie Betreiber des Magazins "Tichys Einblick" - für das an dieser Stelle ein für alle Mal genug "Werbung" gemacht worden sein soll - und äußerte sich in seiner Postille zum Thema "Sawsan Chebli tritt gegen Michael Müller in Sachen Bundestagskandidatur an" unter anderem folgendermaßen: "Was spricht für Sawsan? Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen Partei der alten Männer." Muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen den Satz, richtig?

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Sie rüttelt an seinem Stuhl - eine Unverschämtheit? Ja, weil sie eine Frau ist.

(Foto: dpa)

Mal abgesehen davon, dass Wortspiele wie "Spezialdemokratische Partei " stark an Oldschool-Gassenhauer wie "Tschö mit Ö" erinnern und nur von Laschwappen benutzt werden, die schon mal mit Trizonen gehandelt haben, und hervorzuheben ist, dass "Sawsan" ja durchaus über einen Nachnamen verfügt und andere "befreundete" (mit Tichy??) Journalistinnen sich garantiert keinen Kopf über "Sawsans G-Punkt" machen, ist die Frage nach Cheblis Qualifikation in der Angelegenheit eines politischen Machtkampfs zwischen der Staatssekretärin und Berlins Noch-Regierendem Bürgermeister (beide SPD) durchaus ein Thema. Aber doch nicht in dieser Art und Weise!

Unerträglich und unvereinbar

Während man über beispielsweise Michael Müllers Privatestes kein Wort verliert, macht man sich über das Innerste einer Frau schon mal ein paar mehr "Gedanken" - eine glatte Unverschämtheit, die die Ministerin für Digitales mit der einzig möglichen und einzig logischen Konsequenz beantwortet hat: Sie wurde laut, deutlich und handelte. Nebenbei bemerkt handelte bis jetzt kaum ein anderer aus der Ludwig-Erhard-Stiftung derart entschlossen. Man(n) könnte sich ja nun an die Seite der CSU-Frau stellen und sagen, richtig so, Doro, seh' ich genauso. Einzig Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der Vorsitzende der Mittelstandsunion Carsten Linnemann sprangen ihr zu Seite.

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Herr Tichy - denkt er etwa gerade nach?

(Foto: dpa)

Bär äußerte sich übrigens unmissverständlich: "Derartige Ausfälle sind unerträglich und mit den Zielen der Stiftung absolut unvereinbar", ihr Handeln begründet sie: "Sofern die Stiftung einen Vorsitzenden hat, unter dessen Federführung solche Texte veröffentlicht werden, kann und will ich sie nicht weiter unterstützen. Es zeigt eine gesellschaftspolitische Geisteshaltung, die ich nicht akzeptiere." Nun, Tichy hat abgedankt, immerhin. Revidiert die Politikerin nun ihre Entscheidung? Der "FAZ" sagte sie, dass es darauf ankäme, wie die Stiftung sich weiterentwickelt. "Es wird im Herbst eine Mitgliederversammlung geben, mit der Wahl einer neuen Vorsitzenden oder eines neuen Vorsitzenden. Wenn der neue Vorstand die Ideale Ludwig Erhards, die mir sehr wichtig sind, wieder voranbringen will, dann stünde meiner Unterstützung auch nichts im Wege", so Bär, die nie ein Blatt vor den Mund nimmt und über 45.000 Follower auf Instagram hat.

Gedöns-Kultur

Es geht aber um mehr. Es geht darum, dass Männer immer noch meinen, in einer Position zu sein, die es ihnen naturgemäß erlaubt, sich auf eine derartig herablassende Art und Weise über Frauen und gegenüber Frauen zu äußern. Die am Stammtisch Witze über Weiber reißen und zu Hause den Popo geklatscht bekommen wollen. Dahinter steht ein großes Maß an Unverständnis für das andere Geschlecht und noch vieles der polternden, Gerhard Schröder'schen "Gedöns"-Kultur. Aber auch Angst, dass Frauen den Männern nun doch noch den Rang ablaufen? Mag sein.

Männer, die Angst haben, hauen um sich, das war im Buddelkasten so, das ist in der Ludwig-Erhard-Stiftung wohl so, das ist vor allem in der Politik und in den Medien so, bei manchen leider sogar in den eigenen vier Wänden. Solange wir über "Isch fick deine Mutter"-Witze lachen, gönnerischen Herren nicht widersprechen und bei "blond" immer noch sofort "dumm" assoziieren, sind wir keinen Schritt weiter als 1950.

Sawsan Chebli - die man gut finden kann, die man nicht so gut finden kann, die jedoch mit bewundernswert stoischer Gelassenheit sowohl rassistische als auch sexistische Belästigungen wegsteckt - hat sich auf Instagram für die Unterstützung ihrer Kollegin über die Parteigrenzen hinweg bedankt. Zu hoffen bleibt, dass Frauen und Männer in Zukunft Seite an Seite stehen, egal wo sie herkommen oder hinwollen.

Quelle: ntv.de

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