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Ansichten von vorgestern Welche Gesellschaft soll das abbilden, Friedrich Merz?

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Friedrich Merz, 64 Jahre alt, lebt in der Vergangenheit.

(Foto: imago images/photothek)

Für seine Aussagen zur Homosexualität muss sich Friedrich Merz viel Kritik und Häme gefallen lassen. Gut so. Denn in welcher Welt leben wir bitte, in der gleichgeschlechtliche Liebe in einem Atemzug mit Pädophilie genannt wird?

"Ich persönlich tue mich schwer damit." Dieses Mantra wiederholte Angela Merkel im Wahlkampf 2013 des Öfteren, um ihre Abneigung gegen die Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Paaren zum Ausdruck zu bringen. Dann kam das Jahr 2017, ein scheinbar lockerer Talk bei der Frauenzeitung "Brigitte" und eine Bundeskanzlerin, die bei der Frage nach der Ehe für alle auf einmal von einer "Gewissensfrage" eines jeden Abgeordneten im Bundestag sprach und die Abstimmung damit freigab. Was folgte, ist bekannt: Männer dürfen seither Männer heiraten und Frauen Frauen.

Gut drei Jahre später antwortet Merkels CDU-Parteikollege Friedrich Merz auf die Frage, ob er es normal fände, wenn ein schwuler Mann Bundeskanzler würde: "Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft - an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht - ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion."

Friedrich Merz wäre nicht Friedrich Merz, wenn er verstehen würde, was an diesen Sätzen falsch ist. Und, wenn er aus Trotz nicht alles noch schlimmer macht.

Dass die CDU die Gleichstellung von Homosexuellen lange verhindert hat und ein wertschätzender Umgang mit der LGBTIQ-Gemeinschaft für Teile der Partei noch immer ein Problem darstellt, ist nicht neu. Doch anders als die Bundeskanzlerin, die den Weg für die Ehe für alle dann doch freimachte, ist Merz in der Vergangenheit stehen geblieben. Er scheint aus einer Zeit zu stammen, als der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches noch gültig und Sex zwischen zwei Männern verboten war - 1994 also.

Was hat das, verdammt nochmal, mit der Frage zu tun?

Weder Armin Laschet noch Norbert Röttgen, Markus Söder, Olaf Scholz oder Robert Habeck sind schwul. Damit ist aktuell kein homosexueller Kanzlerkandidat in Aussicht. Wenn nicht Jens Spahn doch noch aus dem Team mit Laschet aussteigt und allein antritt, dann bleibt das bis zur Bundestagswahl im kommenden Jahr auch so. Merz war also vermutlich auf die Frage des "Bild"-Journalisten nicht vorbereitet. Hätte er sich ein paar Gedanken zu der Thematik gemacht, wäre er vielleicht darauf gekommen, dass es klüger wäre (und vor allem richtig ist), keine Verbindung zur Pädophilie zu ziehen.

Deshalb hätte Merz spätestens bei einem zweiten Interview zur selben Thematik mit der "Welt" erklären müssen, er habe sich missverständlich ausgedrückt. Stattdessen schwadronierte er dort von einem "bösartig konstruierten Zusammenhang", um dann noch mal haargenau den gleichen hanebüchenen Vergleich zu ziehen. Auf die Frage, wie er darauf komme, zwischen Homosexualität und Pädophilie einen Zusammenhang herzustellen, sagte er ernsthaft: "Die Toleranzgrenze ist immer überschritten, wenn Kinder betroffen sind, und da haben wir nun genug abscheuliche Dinge gesehen in letzter Zeit. Das werde ich auch so in Zukunft sagen, selbst wenn es offenbar dem einen oder anderen nicht gefällt."

Was hat das, verdammt nochmal, mit der Frage zu tun? Gleichgeschlechtliche Liebe ist keine Krankheit. Punkt. Pädophilie ist eine psychische Störung, deren Ausübung unter Strafe steht. Punkt. Zwischen beiden Themen gibt es keinen Zusammenhang. Wer Vorsitzender der mitgliederstärksten und einzig verbliebenen Volkspartei werden will, sollte das wissen. Zumindest jedoch sollte er sich mit Beratern umgeben, die in der Lage sind, ihn davor zu schützen, ein Interview zu autorisieren, bei dem auch viele CDU-Mitglieder die Augen verdrehen. Denn welche Gesellschaft soll es abbilden, Homosexuelle in einem Atemzug mit Pädophilen zu nennen? Deutschland im Jahr 2020 jedenfalls nicht.

Vor zwei Dekaden sagte Merz noch über den schwulen Klaus Wowereit, der sich damals im Wahlkampf um das Amt des Regierenden Bürgermeisters in Berlin befand: "Solange der Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal." Das ist lange her, vieles hat sich seither verändert, auch die Christdemokraten. Nicht alle scheinen das mitbekommen zu haben.

Kann so ein Mann CDU-Vorsitzender und vielleicht sogar Kanzler werden? Diese Frage müssen die Delegierten des CDU-Parteitags beantworten. Fest steht schon jetzt: Das erste Interview war nicht hilfreich, das zweite war eine kommunikative Katastrophe. Wenn Merz in Stuttgart scheitert, dann auch deshalb, weil er nicht verbergen kann, ein Mann von vorgestern zu sein - und offenbar auch noch stolz darauf ist.

Quelle: ntv.de