Leben

Körper? Egal! Es kommt nicht mehr aufs Aussehen an

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Body Neutrality beschreibt die Idee, einfach mal weniger über den eigenen Körper nachzudenken. Der Trend könnte Body Positivity ablösen.

Tina mag ihre Waden nicht und Marie nerven ihre Oberarme. Sie sind nicht allein. Vor allem Frauen wissen stets etwas an ihrem Äußeren auszusetzen. Dabei könnte ihnen ihr Körper ruhig ein bisschen egaler sein. Die neue Strategie für weniger schlechte Gedanken heißt Body Neutrality.

Wir wollen keine Marionetten sein. Wir sind erwachsen, selbstbewusst und frei. Und wenn etwas nicht infrage kommt, dann das Eingeständnis, nicht immer ganz aus freien Stücken heraus zu handeln. Die Opferrolle ist eben nicht sexy. Trotzdem müssen Frauen darüber reden, wie sie geprägt und instrumentalisiert werden. Wer wenigstens gelegentlich vor dem Spiegel steht und stirnrunzelnd den Bauch einzieht oder den Po in Form spannt, muss verstehen, wie es dazu kommen konnte. Dass besonders Frauen sich in ihrem Körper unwohl fühlen, ist kein Zufall. Auch wenn viele gern behaupten, sie würden sich dünn einfach besser fühlen und die ganzen Crunches seien das Nonplusultra für mentale Gesundheit. Schönheitsideale werden uns eingeimpft und wir leiden daran.

"Es ist wichtig, sich bewusst zu werden, dass die vermeintlich eigenen Ideale eben nicht die eigenen Ideale sind", findet die Autorin Anuschka Rees. Sie hat mit "Beyond Beautiful" ein Buch über den Schönheitswahn geschrieben. Es ist keine zynische Zustandsbeschreibung, sondern ein Selbsthilferatgeber mit praktischen Tipps für ein angenehmeres Körperbild. Ihren Leserinnen begegnet Rees darin vor allem mit Verständnis. "Wir sind so umgeben von all diesen Botschaften, dass man sich ihnen gar nicht entziehen kann", sagt sie. "Wie sehr wir Schönheitsidealen entsprechen, korreliert direkt mit unserer Zufriedenheit im Leben. Es beeinflusst unseren Erfolg im Job und unsere Chance, einen Lebenspartner zu finden."

"Body Positivity ist nicht die Lösung"

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Besonders online war in den vergangenen Jahren viel von Body Positivity zu lesen. Dabei geht es darum, liebevoll mit dem eigenen Körper umzugehen. Die Botschaft: "Du bist schön." Und nicht nur du, sondern alle und alle besonders aufgrund ihrer Makel. Das klingt erstmal gut, führt auch weiter, aber womöglich nicht weit genug. "Gut ist, dass wir nun über das Thema reden", sagt Anuschka Rees. "Aber Body Positivity ist nicht die Lösung aller Probleme." Es ist natürlich hervorragend, wenn man sich in seiner Haut pudelwohl fühlen kann. Für viele allerdings wird Body Positivity zum echten Problem. Unsicherheiten und Scham sitzen tief und nicht jeder kann Selbsthass in Selbstliebe verwandeln. Wird die aber zum Imperativ, sind diejenigen, die beim Anblick ihres nackten Leibs keine Schmetterlinge im Bauch bekommen, gleich doppelt gescheitert.

Rees will etwas ganz anderes vermitteln: Aussehen darf nicht das Ausschlaggebende sein. "Ich glaube nicht, dass es die Lösung aller Body-Image-Probleme ist, Frauen einfach immer zu sagen: 'Ihr seht alle ganz toll aus'", so Rees. "Aussehen bestimmt nicht den Wert eines Menschen. Man muss nicht das eigene Spiegelbild toll finden, um im Leben zufrieden zu sein." Was sie predigt, hat einen Namen: Body Neutrality, also Körperneutralität. Ein Körper ist weder gut noch schlecht, er ist vor allem Vehikel. Deswegen darf er gern ein bisschen egaler sein. Wenn wir bloß aufhören könnten, andauernd darüber zu reden.

Was Frauen beigebracht wird

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Man muss sein eigenes Spiegelbild nicht toll finden, um glücklich zu sein, sagt Anuschka Rees.

Es ist nämlich nicht an allem Social Media schuld - wenngleich Instagram & Co. definitiv ihren Teil zum Schönheitswahn beitragen. Körperbilder werden auch analog weitergetragen, vor allem im Gespräch mit anderen. "Frauen sollen bloß nicht arrogant sein, also sollen sie negativ über den eigenen Körper reden. Das wird uns so beigebracht", sagt Rees. Und tatsächlich werfe doch bitte diejenige den ersten Stein, die noch nicht gemeinsam mit Freundinnen die eigenen Makel inspiziert hat. "Wir halten uns selber fest in diesem Strudel von negativen Gedanken. Indem wir andere einladen, schlecht über ihren Körper zu reden, verfestigen wir das Ritual auch noch", findet Rees. Ihr Tipp klingt einfach, verlangt aber Konsequenz: nicht mitmachen.

"Man kann Freundinnen erklären, warum das alles keine gute Idee ist und dann vielleicht einfach mal über was anderes reden", rät Rees. Und sie hat noch mehr praktische Tipps gegen Knoten im Kopf. Für garstige Sticheleien à la Fettarsch und Minibrüste hat Rees eine paar knackige Antworten als Retourkutsche parat. Spiegelkritikern empfiehlt sie, wenn den schon gemeckert werden muss, doch immer auch wenigstens einen kleinen Aspekt an der eigenen Optik als positiv herauszustellen. Sie empfiehlt, gute Eigenschaften aufzulisten, Vorbilder zu suchen und sich Ängsten zu stellen. Nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt.

Schon klar, kann man da einwenden. Nur weil Frau jetzt bei Körpergesprächen die Klappe hält, ihre inneren Werte kennt und an ihren Ohrläppchen nichts Falsches zu finden ist, heißt das ja aber noch lange nicht, dass sie ihre Fesseln weniger fett findet als vorher. Stimmt leider auch. Etwas als richtig verstehen und etwas als richtig annehmen und umsetzen, ist leider nicht dasselbe. Aber wer den Kopf nicht manipuliert bekommt, kann auch einfach erst einmal so tun, als ob. "Nicht nur unsere Gedanken beeinflussen unsere Handlungen, sondern auch andersrum", erklärt Rees. "An einem Umdenken muss man arbeiten." Und wenn das Ziel nicht "super", sondern "wurscht" ist, ist die Hürde auch nicht so hoch.

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