Leben

In Vino Verena Gekippter Mietendeckel: Her mit der Kohle!

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Gentrifizierung, unbezahlbarer Wohnraum: Mietendemo in Berlin, Ende Mai 2021

(Foto: imago images/IPON)

Ein gekippter Mietendeckel, der Fund einer geheimnisvollen Kiste und am Horizont die Einführung eines deutschlandweiten Wohnungs-TÜV's. Unsere Kolumnistin über Mieten-Wahnsinn und ihren Traum von einer Kommune im Wald.

"Und wo ist die Dusche?", frage ich den Makler, der mich - neben dutzenden anderen Wohnungsinteressenten - durch eine abgerockte Buchte im Prenzlauer Berg schiebt und dabei so tut, als würden wir gerade über das noble Parkett von Schloss Sanssouci scharwenzeln. "Die Dusche?" Er zieht eine Augenbraue nach oben, bevor er anpreisend sagt: "Gleich nebenan ist ein ganz tolles Schwimmbad". Wir schreiben das Jahr 2013 und ich bin auf Wohnungssuche in Berlin, nachdem ich wegen der nächtlichen lauten Geräusche in meiner WG und den vielen fremden Nackten mit Fluppe in der Gusche, die mir morgens verpennt in der Küche gegenübersaßen, freiwillig aus selbiger ausgezogen bin.

Ich bin in dieser Stadt schon ziemlich oft umgezogen und wage zu behaupten, bei der Wohnungssuche schon allerhand erlebt zu haben. Einmal stand ich auf einem Balkon in Pankow, der wirkte, als würde er jede Sekunde in die Tiefe rauschen und ein anderer Interessent fragte den Vermieter, ob er sich nicht schäme, so eine Drecksbude auf dem Wohnungsmarkt anzubieten und warum er sich das überhaupt traue. Der Vermieter antwortete schnippisch: "Weil ich es kann."

Schließlich fand ich eine kleine Wohnung in der Bornholmer Straße - oh, welch geschichtsträchtige Adresse! Ich war überglücklich. Nur, dass "Männerbesuch nach 20 Uhr verboten war", freute mich zwar etwas weniger, aber gut, man muss ja auch nicht alles gleich madigmachen. Jedenfalls dient diese Kolumne, lieber Leserinnen und Leser, nur einem einzigen Zweck: Ich gründe eine Kommune. Eine Kommune, mit der ich in den Wald ziehen kann. Oder irgendwohin, wo ich nicht mehr dem Mieten-Wahnsinn der Hauptstadt ausgesetzt bin.

Die geheimnisvolle Kiste unter den Dielen

Neulich habe ich eine Entdeckung an mir gemacht. Ich habe gemerkt, dass mich so gut wie nichts mehr wundert. Ich habe mich quasi ausgewundert. Hinzu kommt, mich regt auch nichts mehr so schnell auf oder lässt mich sauer werden, etwa, wenn ich lese, dass Berliner Buden auf dem Wohnungsmarkt inzwischen immer öfter mehr kosten, als Menschen im Monat verdienen. Okay, möglicherweise habe ich einfach den falschen Job.

Aber ich will nicht meckern, ich wohne jetzt in einer kleinen denkmalgeschützten Wohnung in Pankow. Die Wohnung ist 100 Jahre alt und ich stelle mir immer vor, wie ich vielleicht mal eines Tages eine kleine Truhe von 1950 unter meinen wackeligen und immer knarrenden Dielen finde. Darin befindet sich dann eine geheime Botschaft oder ein Rätsel, das siebzig Jahre lang nur in seinem Geheimversteck geschlummert hat, um von mir gelöst zu werden. Über den geheimen Dielenfund schreibe ich dann ein Buch, das wie kaum ein anderes durch die Decke geht und in 50 Sprachen übersetzt wird.

Aber würde ich mit der verdienten Kohle in so eine überteuerte Hütte in Berlin-Mitte ziehen? Mitnichten. Weil ich nämlich diese ganzen Mondpreise weder verstehe noch bereit dafür bin, sie zu blechen. Durch meine Gehirnwindungen purzeln dann jedes Mal diese Revoluzzer-Gedanken: Ich stelle mir vor, alle betroffenen Mieter würden sagen: "Euren überteuerten Mieten-Wahnsinn könnt ihr euch sonst wohin stecken! Da machen wir nicht mit!" Und schwupp: Wären die geldgeilen Immobilien-Fredis über kurz oder lang gezwungen, die Mieten anzupassen, statt zu würfeln. Falls hier einer von Euch mitliest: Bedenkt, was Euch eine leere Wohnung kostet! Und von den ganzen Legionellen, die Ihr habt, wenn Ihr in den verwaisten Wohnungen nicht regelmäßig die Wasserhähne aufdreht und die Klospülung betätigt, will ich gar nicht erst anfangen!

Die Miete - ein Drittel des Gehalts

Früher - und mit früher meine ich vor wenigen Jahren - hieß es: Die Miete - das ist ein Drittel des Gehalts. Mich nervt auch nicht mehr, dass nur, weil in anderen Teilen Deutschlands, wie etwa in München, Mietwucher als etwas Normales angesehen wird, dies auch für die Hauptstadt gelten muss. Für mich ist das zwar nichts anderes als rechtlich abgesicherte Ausbeutung, aber was weiß ich schon?

Es bringt nichts zu mahnen, dass Normalverdiener sich die Mieten nicht mehr leisten können - schon gar nicht in München. Demonstrieren bringt auch nichts, wie man in Berlin beispielhaft gesehen hat. Politiker kaufen Villen und lassen ihre Politik-Homies bei sich wohnen. Immobilien-Haie reiben sich die Hände, denn - ui! - Berlin ist hipp und begehrt und es gibt genügend Menschen, die bereitwillig die Fantasie-Mieten zahlen und so den Preis immer weiter nach oben drücken. Aber, hey, die Leute in den großen Weltmetropolen träumen von unseren Mietpreisen! Das ist dann gern das Argument, dessen man sich bedient, um die Mieten zu rechtfertigen. Außerdem zahle man ja auch für "die tolle Lebensqualität". Wem es nicht passt, der solle halt wegziehen.

Wie gesagt: Ich will nicht meckern, auch wenn ich ebenfalls davon träume, im Berliner Senat auf irgend so einem Bestimmer-Posten zu sitzen. Das Erste, was ich einführen würde, wäre ein Wohnungs-TÜV! Sind die im Mietvertrag aufgeführten Quadratmeter korrekt? Ist im Bodenbelag wirklich kein Asbest? Darf eine unsanierte 60 Quadratmeter Wohnung 1000 Euro kosten? Dann würde die Immobilien-Welt nämlich ganz anders aussehen. Und vor allem wäre sie verhältnismäßig - ein Wort, das etliche Politiker in der Corona-Krise für sich entdeckt haben. Die Pandemie wird irgendwann zu Ende sein, die prekäre Wohnungssituation nicht.

Gekippter Mietendeckel und Rückforderungen

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Kürzlich wurde der Berliner Mietendeckel vom Bundesverfassungsgericht gekippt, weil er nicht verfassungskonform war. Die Mieten werden nun also wieder steigen. Und weiter und weiter und weiter. Bald schon werden wir Verhältnisse wie in New York haben, wo man für die Wohnungsgröße eines Plumpsklos horrende Preise bezahlt. Weil man es - wie es dieser arrogante Makler, vor Jahren, dort auf diesem baufälligen Balkon von sich gab - eben kann.

Aber wie gesagt, ich rege mich nicht mehr auf. Es tangiert mich auch nur peripher, wenn ich den Briefkasten öffne und sich die Rückforderung der durch den Mietendeckel kurzfristig gesenkten Mietbeiträge, die nun quasi Mietrückstände geworden sind, liest, wie eine Wohnungskündigung. Dieser drohende, selbstgefällige Ton, der angeschlagen wird - ganz ehrlich - juckt mich nicht! Ich habe Besseres zu tun. Ich muss den Hohlraum unter meinen Dielen nach geheimen Kisten abgrasen! Die Kommunen-Gründung steht auch kurz bevor. Bitte meldet Euch, wenn Ihr mit mir in den Wald ziehen möchtet! Bitte keine Nackigen! Danke.

Quelle: ntv.de

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