Leben

"Aus dir wird was Besonderes" Hape Kerkeling überwindet Kindheitsdrama

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Hape Kerkeling mit Darsteller Julius Weckauf.

(Foto: imago/Sven Simon)

"Der Junge muss an die frische Luft" - über den Film, den es jetzt endlich als DVD gibt, spricht n-tv.de mit Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, einem Spezialisten der Kindheits-Forschung. Doch warum sprechen wir mit einem Kindheitsforscher, wenn es um einen Hape-Kerkeling-Film geht? Weil wir nachvollziehen wollen, was den beliebten Entertainer und Jahrhundert-Komiker zu dem gemacht hat, der er ist. Vor allem deswegen, weil er in seiner Kindheit den Verlust seiner Mutter zu verkraften hatte - sie litt an Depressionen und hat Suizid begangen, als Hape neun Jahre alt war. Fortan wollte der dickliche, lustige Junge seine Umgebung noch mehr erheitern, als er es vorher ohnehin schon getan hatte.

n-tv.de: Ich nehme an, der Film hat Ihnen gefallen?

Klaus Hurrelmann: Ja, und zwar richtig gut! Das ist ein sehr starker Film. Ein Film, der mir nicht nur als Zuschauer gefällt, sondern auch als Forscher, der diese Thematik mit ganz anderen Augen sieht. Da ist ein Kind, das irgendwie anders ist, das besonders ist. Aber auch ein bisschen eigenartig. Es eckt an und hat Schwierigkeiten, wird von anderen Kindern gehänselt. Wenn dieses Kind, also in dem Fall Hape Kerkeling, dessen wahre Geschichte das ja nunmal ist, nicht so unglaublich starke Kräfte hätte …

Sie meinen vor allem seinen Humor …

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Klaus Hurrelmann arbeitet als Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin.

(Foto: imago/Reiner Zensen)

… ja, aber auch die Fähigkeit, dass er an sich glaubt, dann hätte er die Kurve nach dem Freitod der Mutter eventuell nicht gekriegt. Dann wäre er vielleicht in Schwierigkeiten geraten. Der kleine Hape Kerkeling war zum Glück umgeben von Menschen, die an ihn geglaubt haben. Seine Tanten und seine Großeltern sind Schlüsselfiguren in seinem Leben. Auf dem Sterbebett noch hat seine eine Großmutter ihm gesagt: "Mein Junge, aus dir wird mal etwas ganz Besonders, das weiß ich." So etwas kann ausschlaggebend dafür sein, einen Verlust wie den der Mutter zu überstehen.

Man selbst kann sich nicht retten, oder?

Eine gewisse Resilienz, also die Fähigkeit, an sich selbst zu glauben, ist auf jeden Fall wichtig bei einem solchen Trauma. Aber wirklich schaffen kann man das nur, wenn aus der Umwelt Unterstützung kommt. Das ist ein in der Forschung tatsächlich nachgewiesener Punkt. Es reicht eine Person, die dem Betroffenen signalisiert, dass er ein interessanter Mensch ist. In Kerkelings Fall waren das sogar mehrere ihm nahestehende Menschen und dadurch hatte das Kind eine gute Chance, durch diese sehr schwierige Phase hindurchzukommen.

Glücksfall Großeltern - die idealisieren ihre Enkel ja gerne und wollen all das besser machen, was sie bei ihren Kindern versäumt haben.

Ja, und sicher ist es so, dass Hape Kerkeling in all dem Unglück quasi noch Glück gehabt hat: Seine eigene Erkenntnis, wie er aus seiner Schwäche eine Stärke macht, und diese Familie, die ihn so umsorgt hat. Er hat seine Schwachstelle, nämlich nicht so zu sein wie die anderen Kinder, umgewandelt in Humor. Dadurch war er derjenige, auf den zwar wieder alle geschaut haben - aber mit einem vollkommen anderen Blick: Nämlich mit Anerkennung und nicht mit Mitleid. Und dann kommt dazu, dass die Familie nicht einfach nur applaudiert, wenn der Junge mal was Lustiges sagt, sondern sie gibt ihm Rückmeldung. Wie sein Großvater, der ihn buchstäblich mit an die frische Luft nimmt und Männergespräche führt - eine der Schlüsselszenen des Films. Oma und Opa versetzen das Kind in die Lage, dass es nicht einbricht.

Hape wächst in den Sechziger- und Siebzigerjahren ohne Mutter auf. Die Generation davor ist oft ohne Vater aufgewachsen, weil der "im Krieg geblieben" ist. Ist es eigentlich etwas vollkommen anderes, ohne Mutter aufzuwachsen als ohne Vater?

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Caroline Link, Julius Weckauf und Hape Kerkeling bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 2019.

(Foto: imago/Spöttel Picture)

Oh ja, natürlich. Beides ist ein wahnsinnig schmerzlicher Einschnitt, aber die Mutter ist auf der emotionalen Ebene in der Regel viel näher dran am Kind. Allein, weil sie das Kind geboren hat. Das strahlt auf die meisten - nicht auf alle, aber auf die meisten - Kontakte zwischen Kindern und Müttern doch aus. Aber, und das zeigt der Film wirklich sehr schön, ein Kind kann selbst diesen Schicksalsschlag wegstecken, wenn Ausgleiche kommen. Hape ist schon bei der Beerdigung seiner Mutter in den Modus übergegangen, weiterzumachen. Er hat sich seine eigene Welt geschaffen, hat sich immunisiert und abgeschirmt von dem Schmerz, wiederum aus eigener Kraft, aber unterstützt durch seine nähere Umwelt. Der Film ist eine Metapher auf das Großwerden, das kann man ruhig so sagen: So kann es gehen, so sollten die Verhältnisse sein.

Die Verhältnisse sind heutzutage eher selten so wie bei den Kerkelings damals …

Ja, das ist in den meisten Fällen heute nicht mehr so, dass es einen familiären Zusammenhalt gibt, dass eine ganze Familie ein Kind aufzieht. Wo sind denn heute die Tanten, Onkels, Cousinen, Großeltern? Heute ist man weit verstreut, das sind veränderte Lebensbedingungen. Die stützende Umwelt in dieser Form existiert so nicht mehr.

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Frische Luft tut immer gut.

Was unternehmen wir dagegen? Ein afrikanisches Sprichwort sagt ja, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen. Und leider sterben auch heute Mütter, wenn ihre Kinder noch klein sind …

Ja, das Dorf ist heute etwas dünner geworden, es besteht zum Teil nicht mehr aus realen Menschen. Es ist virtuell geworden. Kann das gehen, muss man sich da fragen. Und kann ein Kontakt zu beispielsweise Großeltern über Medien gelingen? Durch Skypen zum Beispiel. Reicht das? Können Medien sonstige Unterstützung und Hilfe anbieten, weil man auch dort einen Freundeskreis pflegen kann? Eine breit aufgestellte Familie ist auf jeden Fall selten. Das findet man noch bei Einwandererfamilien, aber mit schnell schwindender Konstruktion. Dort wird sich angepasst an unsere Kleinfamilienmodelle und das alles zeigt uns der Film sehr gut - dass wir jetzt vor ungeheuren Herausforderungen stehen, weil sich das ganze Leben  in seinem Charakter sehr verändert hat.

Stichwort Patchwork - eigentlich auch ein kleines Dorf. Wird aber oft erschwert durch einen Elternteil, der zum Beispiel egoistisch handelt und dem Kind den engeren Bezug zu seiner erweiterten Familie nicht gönnt. Was passiert da? Warum ist das so schwierig? Warum agieren Erwachsene oft so gemein?

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Mit Humor durch Krisen kommen - Hape Kerkeling hat es perfektioniert.

(Foto: imago/Horst Galuschka)

In den 70er-Jahren ging man zu einer Familienfeier, Augen zu und durch, auch wenn man keine große Lust auf den Anlass oder die Personen hatte. Da sind wir heute wählerischer. Wir erlauben uns, Nein zu sagen oder machen zumindest nicht richtig mit. Nicht anders ist das heute mit der Patchworkfamilie: Sie gibt uns die Chance, eine breitere Familienkonstellation darzustellen, aber sie ist sehr viel anspruchsvoller, so wie unser gesamtes Leben. Aber auch da gibt es eben immer Leute, die nicht mitmachen wollen und andere mit hineinziehen in den negativen Sog. Nicht so wie bei den Kerkelings, wo ein archaisches Familienmodell herrschte, wo Oma und Opa kurzerhand umziehen und ihr eigenes Leben zurücklassen. Es ist nicht einfach, die damaligen Verhältnisse zu reproduzieren.

Der kleine Hape hat funktioniert, er hat immer weitergemacht. Aber können einen solche Erlebnisse, wie er sie erlebt hat, später einholen?

Ja, das ist durchaus möglich. Denn das war natürlich eine bittere Situation für ihn, äußerst schmerzlich. Das kann zu einer Traumatisierung führen. Das würde bedeuten, dass das ein Schmerz ist, der nicht verarbeitet wurde, der dann auch wieder an die Oberfläche kommt. Das passiert vielen Menschen. Der kleine Hape war bei dem Tod der Mutter dabei, sie hat sich außerdem nicht verabschiedet, das haut psychisch rein. Kinder sind so, dass sie die Realität wegdrücken, können eine Situation so also besser überstehen. Es ist durchaus denkbar, dass ein Trauma bei einem sensiblen Menschen wieder einmal zum Vorschein kommen kann. Da kann es dann durchaus hilfreich sein, dass man mal abtaucht als Erwachsener, weil man einsieht, dass man sich um sich selbst kümmern muss. Das ist natürlich nur Spekulation, aber es ist ein denkbares Szenario.

Wirkt sich der Tod eines Elternteils durch Suizid noch einmal anders auf ein Kind aus als ein "normaler" Tod?

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'"Lecker Mittagessen im Schloss Bellevue": Kerkeling in seiner legendären Rolle als Königin Beatrix der Niederlande.

(Foto: imago/Jürgen Schwarz)

Ja, auf jeden Fall. Die normale Reaktion von Kindern, deren Eltern Suizid begehen, ist, dass sie sich schuldig fühlen. Dass die eigene Mutter, auf die man immer gesetzt hat, von sich aus aufhört zu leben, kann ein Kind nicht nachvollziehen. Wenn dieses Trauma also nicht wirklich bewältigt wurde und einen dann wieder einholt, dann muss es dringend behandelt werden. Zum Glück ist das heute möglich.

Können Kinder in einem bestimmten Alter den Tod eines Elternteils besser verkraften als in einem anderen Alter?

Unter drei oder vier Jahren kann es sein, dass ein Kind das besser verkraften kann, weil es die Lage kognitiv und emotional noch nicht komplett erfasst. Danach ist man sehr verletzlich.

Was kann ich tun, um zu helfen, als Angehöriger oder als Freund? 

Die Familie kann das und enge Freunde. Nicht alleine sein ist wichtig, die Oma als Mutterersatz zum Beispiel ist ideal. Also Ersatzpersonen, die das Leben weitergehen lassen.

Kann Humor einen retten? Und was mache ich, wenn ich nicht komisch bin?

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Neben sich selbst zu treten kann durchaus hilfreich sein, ja. Und sich selbst mit Humor zu betrachten ist überaus hilfreich. Das dann in eine lustige Handlung zu übersetzen, auch für andere, ist natürlich eine ziemlich einzigartige Fähigkeit, die hat nicht jeder. Humor ist durchaus heilend, denken wir nur an den Krankenhaus-Clown. Die Situation relativiert sich dann, man kann träumen, und da ist Hape Kerkeling natürlich gesegnet. Diese Form der Reflexivität kommt in dem Film ganz wunderbar zur Geltung, denn das ist eine der wichtigsten Hilfen, die man haben kann.

Jetzt ist die Generation Y am Zug: Die weiß ganz genau, was sie will, ist aber gar nicht so bereit, viel zu geben, ist mein Eindruck. Sie nimmt aber viele Dinge als selbstverständlich.

Sie meinen diejenigen, die vor 2000 geboren sind - dass diese Generation so ist, führen wir in der Forschung darauf zurück, dass sie in schwierigen Zeiten groß geworden ist. Politische Krisen, Finanzkrisen, Terroranschläge. Das Entscheidende ist immer, welche beruflichen und wirtschaftlichen Aussichten die Menschen haben - und diese Generation hatte in ihrer Jugend schlechte Ausgangssituationen und schlechte Aussichten. Das hat dazu geführt, dass sie sich sehr um sich selbst kümmern. Die Eltern haben diese Generation außerdem sehr gepampert und waren überfürsorglich, haben ihre Kinder also egozentrisch gemacht. Da bin ich gespannt, was das einmal fürs Familienleben bedeutet (lacht).

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Sönke Möhring als Vater, Julius Weckauf und Luise Heyer als als Hapes Mutter.

(Foto: imago/Photopress Müller)

Ist Mutti eigentlich immer an allem schuld?

Das zu behaupten ist sicher zu einfach! Dann hat man dem Kind den Eindruck hinterlassen, dass man als Mutter allmächtig ist, und das ist nur gesund in den ersten Lebensjahren. Dieses Denken muss sich aber abbauen, nach der Grundschule muss das realistisch eingeschätzt werden - sonst hat die Mutter wirklich irgendetwas falsch gemacht

Haben Sie einen ultimativen Erziehungstipp?

Alles, was extrem ist, funktioniert gar nicht. Das führt dazu, dass Kinder schwache Erwachsene werden. Erziehung muss authentisch sein, Kinder sollten die Eltern spüren können und wissen, dass sie verlässlich sind. Und dann kommt es drauf an, eine Atmosphäre der Anerkennung, der Anleitung und der Anregung zu schaffen, die eine Familiengemeinschaft herstellt. Man sagt den Kindern also: "Du bist eingeladen, dich zu beteiligen, du hast hier eine Garantie der Akzeptanz, aber auch die der Zurückweisung und Begrenzung, wenn es nicht läuft." Im Idealfall entwickelt man die Grenzen und Regeln mit dem Kind zusammen.

Mit Klaus Hurrelmann sprach Sabine Oelmann

"Der Junge muss an die frische Luft" von Caroline Link ist als DVD und Blu-ray erhältlich

Quelle: n-tv.de

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