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Christoph Maria Schlingensief (1960 - 2010).
Christoph Maria Schlingensief (1960 - 2010).
Samstag, 21. August 2010

"Dieser verdammte Krebs!": Christoph Schlingensief ist tot

Christoph Schlingensief ist nach jahrelanger Krankheit seinem Krebsleiden erlegen. Er wurde nicht einmal 50 Jahre alt. Damit verliert Deutschland einen seiner bedeutendsten und zugleich umstrittensten Künstler. Zuletzt arbeitete Schlingensief an seinem Traum, in Afrika ein Opernhaus zu bauen.

Der Regisseur Christoph Schlingensief ist tot. Er erlag seinem Krebsleiden, bestätigte ein Sprecher der Ruhrtriennale gegenüber n-tv.de. Schlingensief wäre im Oktober 50 Jahre alt geworden. Anfang 2008 war er an Lungenkrebs erkrankt und operiert worden. Darüber erstattete er ausführlich Bericht in dem bewegenden "Tagebuch einer Krebserkrankung".

Über seine Krankheit, seine Ängste und Ziele hatte der Regisseur in seinem Buch "So schön kanns im Himmel gar nicht sein" geschrieben.
Über seine Krankheit, seine Ängste und Ziele hatte der Regisseur in seinem Buch "So schön kanns im Himmel gar nicht sein" geschrieben.(Foto: AP)

Nach Rückschlägen ging es Schlingensief, der zuletzt im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg lebte, zunächst wieder besser. Die gesundheitlichen Fortschritte animierten ihn auch wieder zu neuen künstlerischen Aktivitäten. Mit ihnen verarbeitete er gleichzeitig seine Krebserkrankung auf der Bühne. Diese Produktionen wie "Mea culpa" oder "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" am Wiener Burgtheater und bei der Ruhrtriennale hatten 2008 und 2009 große Beachtung gefunden.

2009 gehörte der Regisseur auch zur Jury der Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Im Mai 2010 inszenierte er das Opernprojekt "Via Intolleranza II" nach Luigi Nono in Brüssel und anderen Orten.

Pavillon für Venedig

"Quiz 3000": Schlingensief ging oft dahin, wo es weh tut.
"Quiz 3000": Schlingensief ging oft dahin, wo es weh tut.(Foto: AP)

Im Oktober 2010 stand eine Inszenierung zur Wiedereröffnung des Berliner Schillertheaters als Ausweichspielstätte von Daniel Barenboims Staatsoper auf seinem Terminkalender. Zuletzt hatte Schlingensiefs überraschende Berufung zur künstlerischen Gestaltung des deutschen Pavillons bei der Biennale in Venedig 2011 Aufsehen erregt - für ihn selbst "eine Überraschung, eine Freude, aber auch eine schwere Last". An der Pressekonferenz zur Vorstellung seiner Pläne hatte er Anfang Juli in Frankfurt am Main aber krankheitsbedingt nicht teilnehmen können.

Auch eine Produktion für die Ruhrtriennale ("S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken") musste Schlingensief in diesem Sommer absagen. In einem Brief an sein Team nannte er als Begründung "neue Befunde" in seinem Krankheitsfall - "ein paar harte Neuigkeiten".

Traum von Oper in Afrika

Sein letzter Traum aber hieß Afrika mit einem eigenen "Festspielhaus" in Burkina Faso, wozu er sogar unter dem Motto "Von Afrika lernen" Schützenhilfe vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler sowie Unterstützung durch das Goethe-Institut und die Bundeskulturstiftung und Prominente wie den Schriftsteller Henning Mankell oder Sänger Herbert Grönemeyer erhielt.

Traum von Afrika: Ein Operndorf wollte der Regisseur dort bauen. Der Grundstein ist bereits gelegt.
Traum von Afrika: Ein Operndorf wollte der Regisseur dort bauen. Der Grundstein ist bereits gelegt.(Foto: dpa)

Im Februar 2010 legte er den Grundstein dazu. Schlingensief sprach zuletzt lieber von einem "Operndorf" mit Schule und Theatersaal, das kein "abgehobenes Bayreuth" werden sollte, wie Schlingensief betonte. 2004 hatte er sein spektakuläres Debüt als Opernregisseur bei den Bayreuther Festspielen mit Richard Wagners Spätwerk "Parsifal" gegeben, Wagners "Weltabschiedswerk". In Bayreuth inszenierte Schlingensief bis 2007.

"Tief erschüttert"

Viele prominente Politiker, Künstler und ehemalige Kollegen reagierten mit großer Trauer auf Schlingensiefs Tod. Grünen-Chefin Claudia Roth war nach eigenen Worten bis ins Mark erschüttert. "Dieser verdammte Krebs! Mit Christoph Schlingensief verliert die Bundesrepublik einen der kreativsten, vielseitigsten und radikalsten Künstler", erklärte Roth. "Er hat unser Land mit seinen Arbeiten in aller Welt vertreten - von Bayreuth bis zum Amazonas, von der Ruhr bis nach Burkina Faso. Die Vollendung seines Traumes von einem Operndorf in Afrika konnte er nicht mehr miterleben, aber die Hoffnung bleibt, dass dieses Projekt in seinem Sinne realisiert wird."

Opernregisseurin Katharina Wagner hat Schlingensief als einen großen Künstler gewürdigt. "Ich bin tief erschüttert, schockiert und traurig", sagte die Bayreuther Festspielleiterin zum Tod Schlingensiefs. "Es tut mir wahnsinnig leid, vor allem weil er so gekämpft hat", erklärte die 32-Jährige am Rande der Live-Übertragung der Wagner-Oper "Die Walküre" auf dem Bayreuther Volksfestplatz.

"Großer Theatermann verlässt die Bühne"

Der Regisseur und Schauspieler war auch immer wieder am Wiener Burgtheater tätig. Eine Sprecherin des Hauses sagte, das gesamte Theater sei in "tiefer Trauer". Schlingensief habe sich durch seine Arbeiten am Burgtheater Respekt und Anerkennung erworben. "Er war ein ganz besonderer Mensch, voller Warmherzigkeit im Umgang." Berlinale-Direktor Dieter Kosslick würdigte ihn als großen Filmemacher und politischen Künstler. Schlingensief habe im wahrsten Sinne gemacht, was er wollte. Er sei ein Mensch gewesen, der sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über Ungerechtigkeiten aufgeregt habe, sagte Kosslick dem RBB. Mit seiner Kunst habe sich Schlingensief gegen Abschiebungen, Rassismus und Menschenrechtsverletzungen engagiert.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat "tief betroffen" auf den Tod Schlingensiefs reagiert. "Ein großer Theatermann verlässt die Bühne", sagte Wowereit. Schlingensiefs Name sei mit dem Ruf der Berliner Volksbühne als einem großen gesamtdeutschen Theater verbunden.

Politische Provokation: 2002 reagierte Schlingensief auf die anti-israelische Kampagne des damaligen NRW-FDP-Chefs Jürgen Möllemann. Mölllemann habe mit seinen Äußerungen "uns um Jahre zurückgeworfen", sagt er damals.
Politische Provokation: 2002 reagierte Schlingensief auf die anti-israelische Kampagne des damaligen NRW-FDP-Chefs Jürgen Möllemann. Mölllemann habe mit seinen Äußerungen "uns um Jahre zurückgeworfen", sagt er damals.(Foto: dpa)

Der Theatermacher und ehemalige Intendant unter anderem der Münchner Kammerspiele, Frank Baumbauer, hat Schlingensief als "großartigen Wachrüttler" gewürdigt. "Er war ein unglaublich wichtiger Kollege und Partner für die Theaterleute und hat wohl bei allen Menschen, die seine Arbeit verfolgten, einen bleibenden Eindruck hinterlassen."

Vielseitig und provokant

Der am 24. Oktober 1960 in Oberhausen geborene Christoph Maria Schlingensief galt als einer der bedeutendsten und oft auch provokantesten Regisseure und Aktionskünstler in der deutschsprachigen Kulturszene. Dabei hat der auch von Selbstzweifeln nie freie Regisseur sich in den letzten Jahren vehement dagegen gewehrt, stets als "Theaterprovokateur" abgestempelt zu werden. Ein Ruf, den er sich mit Aktionen wie die auf "Big Brother" anspielende Container-Installation "Ausländer raus - Bitte liebt Österreich!" im Jahr 2000 in Wien erworben hatte.

In den 90er Jahren gehörte er zu Frank Castorfs Hausregisseuren an der Berliner Volksbühne. Bekannt wurde Schlingensief vor allem mit seinen frühen Filmen "Das deutsche Kettensägenmassaker" (1990), "Terror 2000 - Intensivstation Deutschland" (1992) und der TV-"Talkshow 2000" sowie mit seinen Theaterinszenierungen, Kunstperformances und Installationen wie "100 Jahre CDU", "Rocky Dutschke, 68", "Passion Impossible - 7 Tage Notruf für Deutschland" (in Hamburg), und "Hamlet" in Zürich. Bei seinen Inszenierungen setzte er auch Laien und Behinderte ein, die bis zuletzt zu seinem engeren Ensemble gehörten. "Du bist wie ich", sagte Schlingensief einmal zu einer seiner behinderten Darstellerinnen, "wir sind alle krank".

Kunst aus dem Untergrund

Schlingensief mit seiner Frau Alno Laberenz im Februar 2010.
Schlingensief mit seiner Frau Alno Laberenz im Februar 2010.(Foto: AP)

Die Visionen und Kunstvorstellungen Schlingensiefs erinnerten manchmal an den Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) mit dessen "erweitertem Kunstbegriff". Er war auch eines der großen Vorbilder des Regisseurs. Und ähnlich wie Beuys wurde auch Schlingensief, wie es ein Kritiker schrieb, von den einen als "nervtötender oder auch begnadeter Selbstdarsteller" oder gar "Spinner" und von den anderen als "Lichtgestalt unter all den Energiesparlampen" in der Kulturszene angesehen.

Der Oberhausener Messdiener Schlingensief versuchte sich schon früh als Filmemacher und erregte mit Underground-Streifen wie "Menu total" (1985/86) mit seinem Jugendfreund Helge Schneider ("Mein Führer") und der folgenden Deutschlandtrilogie unter anderem mit "100 Jahre Adolf Hitler" und "Terror 2000" Aufmerksamkeit. Im Fernsehen tauchte er ab 1997 auch als unberechenbarer Talkmaster ("Talk 2000") auf mit Gästen wie Hildegard Knef, Udo Kier oder Helmut Berger. Schlingensief war kurzzeitig auch Moderator und setzte sich als Gründer der Partei Chance 2000 für Arbeitslose und gesellschaftlich Ausgegrenzte ein.

Bilderserie

Im Sommer 2009 heiratete der krebskranke Schlingensief im brandenburgischen Hoppenrade seine langjährige künstlerische Mitarbeiterin Aino Laberenz. Im Mai 2010 sagte der an Lungenkrebs erkrankte Schlingensief in einem Interview, er wisse seit einigen Monaten, dass er neue Metastasen habe. Durch den Krebs sei "alles in den Boden gerissen worden".

Quelle: n-tv.de