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Isabel Allende, Stimme SüdamerikasDie Dinge ändern - jeden Tag

02.08.2012, 10:15 Uhr
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19 Werke in 35 Sprachen und 57 Millionen verkaufte Bücher weltweit: Isabel Allende ist die bekannteste Autorin Südamerikas. (Foto: Reuters)

Wenn sie schreibt, muss sie ihre Fantasie gar nicht groß bemühen, sagt sie. Isabel Allende erzählt Geschichten aus dem Leben. Ihre Romane sind Zeugnisse chilenischer Vergangenheit und persönlicher Gegenwart. Sie geben denen eine Stimme, die zum Schweigen verurteilt sind. Sie gehen ans Herz und an die Nieren - und begeistern ein Millionenpublikum.

Ihr erster Roman machte die Journalistin aus Chile weltberühmt: 1982 veröffentlichte Isabel Allende die Familiensaga "Das Geisterhaus" und landete damit einen Coup. Allein in Deutschland, wo das Buch zwei Jahre später übersetzt erschien, verkaufte es sich 3,5 Millionen Mal. Die Autorin hat dafür eine Erklärung parat: "Die Deutschen sind sehr sentimental, und deshalb mögen sie meine Erzählungen", erklärte sie mal.

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Allende auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1986. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Denn wenn Allende schreibt, sind Herz und Leidenschaft immer mit im Spiel. "Das Herz ist es, das uns antreibt und das unser Schicksal bestimmt", findet die Schriftstellerin. Ihre Werke sind die meistgelesenen Südamerikas. Seit ihrem Romandebüt, das sie im Alter von 40 Jahren gab, bringt Allende alle ein, zwei oder drei Jahre ein neues Buch heraus, bisher 19 an der Zahl. "Von Liebe und Schatten" (1984) gehört ebenso dazu wie "Eva Luna" (1987), "Der unendliche Plan" (1991), "Porträt in Sepia" (2000) und "Ines meines Herzens" (2006).

Sehr persönlich wurde es 1994 mit "Paula". Das Werk zeugt von einem schweren Schicksalsschlag: Es ist der Tochter gewidmet, die aufgrund einer seltenen Stoffwechselstörung im Koma liegt. Die Mutter erzählt ihr von ihrer Kindheit in Santiago de Chile, von ihrer Familie und der Geschichte des Landes. Am Ende stirbt die Tochter – nicht nur im Buch, sondern auch im wirklichen Leben. Eine schmerzliche Erfahrung, mit der sich Allende schreibend auseinandersetzte.

Die Familie steht Modell

Auch die anderen Werke der chilenisch-amerikanischen Bestsellerautorin haben einen realen Hintergrund. Gerade kommt Allendes neuer Roman, "Mayas Tagebuch" (2011), in der deutschen Übersetzung auf den Markt. Er handelt von einer 19-Jährigen, die aus dem nordamerikanischen Drogenmilieu auf eine südchilenische Insel flieht. "Alle drei Kinder meines zweiten Ehemannes Willy waren drogenabhängig", offenbart Allende. "Eine seiner Töchter starb an einer Überdosis. Sein Sohn ist jetzt 47 und hat die Hälfte seines Lebens im Gefängnis oder in Entzugskliniken verbracht."

Die Menschen in ihrem Leben sind für Allende eine große Inspirationsquelle: "Mit Verwandten wie den meinen, manche von ihnen sind sehr extravagant, brauche ich nicht mal meine Vorstellungskraft zu benutzen", sagt sie. "Ihre Geschichten sind wie eine fortwährende Telenovela, sie liefern mir das gesamte Material, das ich für meine Romane brauche. Viele von ihnen waren mir Modell für die Personen in meinen Büchern", so die Autorin.

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Salvador Allende: Isabel unterstützte seine Politik mit entsprechenden journalistischen Beiträgen. (Foto: picture alliance / dpa)

Allendes Familie ist weit verzweigt. Der Cousin ihres Vaters war Salvador Allende, ab 1970 Präsident von Chile. Sein Ziel war es, auf dem Weg der Demokratie eine sozialistische Gesellschaft in Chile zu etablieren. 1973 aber wurde er gestürzt. Bei einem blutigen Putsch beging er – so das Ergebnis forensischer Untersuchungen aus dem Jahr 2011 – Selbstmord. Dann begann die bis 1990 andauernde Diktatur Augusto Pinochets.

Ein Versuch, den Schmerz zu lindern

Isabel hatte sich bis dahin als Journalistin einen Namen gemacht und mit anderen Frauenrechtlerinnen die erste feministische Zeitschrift Chiles gegründet. Unter Pinochet fand sie keine Arbeit mehr. 1975 ging sie mit ihrer Familie nach Venezuela ins Exil. Dort schrieb sie für eine Zeitung und unterrichtete Literatur an einer Schule.

"Als ich jung war", sagt Allende, "war ich oft verzweifelt: Es gab so viel Schmerz in der Welt und so wenig, was ich tun konnte, um ihn zu lindern! Aber jetzt denke ich über mein Leben nach und bin zufrieden, denn es gab nur wenige Tage, an denen ich nicht wenigstens versucht habe, die Dinge zu ändern."

Allende wurde zur Vermittlerin lateinamerikanischer Politik, Geschichte und Kultur. Immer war sie in ihren Werken darum bemüht, auch denen eine Stimme zu geben, die unter dem Pinochet-Regime in Chile schweigen mussten.

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"Frauen sollten Frauen helfen": 1996 gründete Allende eine Stiftung. Ihr Ziel: Mädchen und Frauen stärken und ihnen Zugang zu Bildung, Gesundheit und qualifizierten Berufen verschaffen. (Foto: picture alliance / dpa)

Als 1981 Allendes Großvater starb, schrieb sie ihm nachts am Küchentisch in Caracas einen imaginären Brief. Der wurde lang und länger und entwickelte sich schließlich zum Manuskript für "Das Geisterhaus". Der Roman erzählt die Geschichte der chilenischen Familie Trueba – von den 1920er Jahren bis zum Militärputsch. 1993 wurde der Bestseller mit Starbesetzung verfilmt: Meryl Streep, Glenn Close, Jeremy Irons, Winona Ryder und Antonio Banderas setzten das Leben der Menschen um Esteban Trueba für die Leinwand in Szene.

Nette Menschen sind ungeeignet

Allende schreibt Geschichten, die "wahrer sind als die Wahrheit", mit Menschen, die gegen den Strom schwimmen, Menschen, die als Außenseiter, Dissidenten, Abenteurer oder Rebellen Regeln brechen, Fragen stellen und Risiken eingehen. "Nette Menschen mit gesundem Menschenverstand sind keine guten Charaktere", sagt Allende. "Sie sind nur gute Ex-Gatten." Die Erfolgsautorin muss es wissen.

Als größten Erfolg in ihrem Leben sieht Allende aber nicht etwa ihre Bücher. Vielmehr ist für sie die Liebe, die sie mit ihren Nächsten teilt, die größte Errungenschaft. Und so war es auch das Herz, das Allende 1988 dauerhaft nach Kalifornien lockte. Seit 2003 hat sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Am 2. August 2012 feiert die weltbekannte Schriftstellerin ihren 70. Geburtstag. Längst ist sie Großmutter; eine Großmutter, die noch immer viel erlebt und von der die Enkel sagen, dass sie "cool" ist. Die Szene in ihrem jüngsten Buch, in der eine Oma versehentlich Ecstasy schluckt, ist von Allendes eigenem Erleben nicht weit entfernt. Ihr Kommentar: "Wenn man so alt geworden ist wie ich, hat man alles mal probiert."

Quelle: ntv.de, asc/dpa