Unterhaltung

Location ScoutsFilm-Drehorte gesucht

07.01.2008, 11:38 Uhr

Kulissen sammelnde Location Scouts sind gefragt, denn der Bedarf an professionell vermittelten Drehorten wächst ständig.

Sonntagnachmittag, 14.00 Uhr, ein Parkdeck in Frankfurt. Fünf-, sechs-, siebenmal nacheinander gehen zwei Männer in dunklen Anzügen aufeinander zu, schütteln sich lächelnd die Hand, ihr Haar zerzaust von zwei Windmaschinen. Am Horizont versinkt die Sonne hinter den Hochhäusern. Ein Filmteam aus den Niederlanden dreht auf dem zugigen Parkdeck einen Werbespot für einen Investment-Fonds. Es ist der sechste Drehort an diesem Wochenende: eine Firmenlobby im Büroviertel Niederrad, eine Fahrstuhlkabine, ein Konferenzraum, zwei Straßenszenen, eine Großbaustelle und eine Hubschrauberlandung sind schon abgedreht - auch sie vor der berühmtem Hochhauskulisse.

"Die Skyline ist sehr, sehr gefragt", weiß Sebastian Demmerle (30), Chef der Firma Frankfurt Location, die für die niederländischen Auftraggeber die Drehorte beschafft hat. Demmerle sammelt sozusagen Kulissen. Früher war er selbst im Filmgeschäft, produzierte Werbefilme und Musikvideos. Vor zwei Jahren wechselte er die Seiten, wurde vom Nutzer zum Anbieter von Drehorten. 500 Objekte hat er inzwischen im Angebot, 5000 sollen es werden, fünf Mitarbeiter arbeiten für dieses Ziel. Sie machen Drehorte ausfindig, verhandeln mit Objekteignern, beraten die Kunden, besorgen Drehgenehmigungen, erstellen Drehpläne und begleiten die Produktionsteams.

"Das ist ein blühendes Geschäft", sagt die Hauptgeschäftsführerin der Hessischen Filmförderung, Maria Wismeth. Der Bedarf an professionell vermittelten Drehorten wächst ständig. TV-Sender und Filmfirmen suchen zunehmend nach "unverbrauchten" Städten und "nicht so abgegrasten" Landschaften. "Und dort sind sie auf jemanden angewiesen, der sich vor Ort auskennt." Ein knappes Dutzend Scout- Firmen bieten ihre Dienste im Online-Portal "Location Hessen" an - in anderen Bundesländern sind es noch mehr. Wismeth schätzt die Zahl der Location Scouts in Deutschland auf ein paar hundert, viele arbeiten nebenberuflich, oft als Ein-Mann-Firma. Bundesweit vernetzt sind die Scouts nicht - ein Hemmschuh im Kampf um ausländische Produktionen.

Frankfurt wird in der Filmbranche meist mit dem Thema Geld assoziiert, weiß Maria Wismeth von der Filmförderung. Gedreht würden vor allem Krimis wie der "Tatort" mit Andrea Sawatzki oder Fernsehfilme, in denen Wirtschaft eine Rolle spielt - sei es als Sozialdrama oder als Yuppie-Komödie. "Das Gros aber ist Werbung."

Viel Zeit hatte Demmerles Truppe nicht, um den Dreh für den Investment-Fonds vorzubereiten, gerade eineinhalb Wochen lagen zwischen Anfrage und Drehbeginn. Zwei Tage bevor das Filmteam anrückte, waren die Location-Vermittler noch immer auf der Suche nach einer repräsentativen Lobby, die aussieht wie eine Bank, aber keine Bank ist, denn die Geldinstitute sind verständlicherweise wenig kooperativ, wenn sie als Kulisse für ein Finanzprodukt herhalten sollen, das sie selbst nicht in Angebot haben, sagt Demmerle.

Nachdem der Fonds-Dreh glücklich im Kasten ist, kehrt der Alltag ein bei Frankfurt Location. Scout Martin Liebig (31) sitzt im Büro in einem ausgebauten Dachgeschoss und surft durchs Internet. Der ehemalige Filmstudent schaut sich Seiten von Architekten an. "Da findet man oft interessante Objekte." Wenn etwas vielversprechend aussieht, fragt er sie, ob sie einen Kontakt zum Bauherrn herstellen können. Diesmal ist das leicht: Der Bewohner des schicken Lofts im Zentrum ist praktischerweise der Architekt selbst. So bekommt Bernd Hollin ein paar Tage nach dem Telefonat Besuch vom Location Scout.

Der Kontakt erweist sich als Volltreffer. "Ein sehr schönes Objekt", sagt der Scout anerkennend. Sein Blick schweift über Designer-Möbel in Schwarz, Weiß und Rot, einen Außen-Whirlpool nebst bambus-umstandenem Fischteich, eine Küche aus Naturstein und das Beste: Glaswände geben den Blick frei auf die Skyline. "So was findet man nicht alle Tage. Dafür werden sich sicher viele interessieren."

Der Scout packt seine Kamera aus, fotografiert das Loft aus allen Perspektiven. Nach dem Shooting füllt Liebig ein Formular aus: Quadratmeter? Deckenhöhe? Bodenbelag? Baujahr? Ist das Dach begehbar? Gibt es eine Tiefgarage? Fahrstuhl? Starkstrom-Anschluss? Bilder und Infos wird Liebig später in die Datenbank seiner Firma einstellen, mit deren Hilfe sich die Kunden im Internet Locations ansehen können, ohne die Stadt überhaupt zu betreten.

Bernd Hollin (43) hat seine Wohnung schon öfter für Filmdrehs zur Verfügung gestellt. Drei Spielfilme sind hier schon entstanden, berichtet der Architekt, vermittelt über Freunde, die Bekannte in der Filmbranche haben: In "Blindes Vertrauen" verliert ein Werbe-Yuppie das Augenlicht, in "Heirate meine Frau" muss sich ein Scheidungsanwalt mit der Ex eines Mandanten rumschlagen. In beiden Filmen spielte Heikko Deutschmann die Hauptrolle, der eine lief im ZDF, der andere in der ARD.

"Ich finde es spannend zu sehen, wie die Wohnung im Film wirkt", sagt Hollin. Während die Filmleute seine Stadtwohnung bevölkern, zieht er in sein "Häuschen" am Stadtrand um. Die Filmcrew macht derweil aus seinem Putzschrank eine Speisekammer und sägt ein Loch in die Wand, damit die Kamera einen Mann filmen kann, der sich dort versteckt. Oder sie gräbt alle Pflanzen auf dem Balkon aus, damit die Schienen für die Kamerafahrten verlegt werden können.

Natürlich gehe auch manchmal etwas kaputt, sagt Hollin. Gerade hatte sich zum dritten Mal ein Team eine Woche lang in Hollins Wohnung einquartiert. Gedreht wurde "Hinter dem Spiegel" mit Katharina Böhm. "Diesmal hat der Boden ganz schön gelitten." Aber bisher sei immer alles anstandslos repariert worden. Außerdem findet er, "dass eine gute moderne Wohnung auch gut altert." Diese Einstellung gefällt Liebig. Nicht alle Besitzer schicker Wohnungen haben ein so entspanntes Verhältnis zu ihrem Besitz, berichtet der Scout.

Ein Location-Scout muss sich nicht nur mit Film und Fotografie auskennen, um einschätzen zu können, welcher Ort wie wirkt, "er muss auch ein gewisses Gespür haben für den Zeitgeist und Ästhetik", sagt Demmerle. Auch Fantasie sei hilfreich, um sich ausmalen zu können, welche Geschichte was hinter einer Fassade verbirgt. So streifen seine Mitarbeiter bisweilen durch unbekannte Stadtteile und klingeln an Türen, die ihnen vielversprechend erscheinen.

Wer will, kann auch selbst ein Objekt anbieten. Gesucht werden "ausgefallene, skurrile, verrückte, unheimliche, coole und designorientierte Objekte" - einfach Formular ausfüllen, Foto hochladen, und schon "verdienen Sie sich eine Extramiete bei Film- und Fotoarbeiten." Als Faustregel für die Entlohnung nennt Frankfurt Location-Chef Demmerle etwa eine Monatsmiete pro Drehtag. Der Preis sei aber stark abhängig von Abnutzung, Aufwand und Zeit - "das ist ja etwas anderes, ob ein Fotograf kommt oder eine Filmcrew mit 50 Mann".

Wenn die Profis trotz ihrer stetig wachsenden Datenbank passen müssen, schicken sie einen Hilferuf an die hauseigene "Scout Community", eine Art Mailingliste. 150 Leute sind bisher dabei, meist "Leute aus dem Bekanntenkreis". Kürzlich verschaffte ein Mitglied den Scouts Zugang zu einer Industriellen-Villa in Mainz. Der Hilfs-Scout bekam 50 Euro und der Kunde, ein Radiosender, eine gute Kulisse für ein Fotoshooting.

Manche Anfragen sind trotzdem nicht so leicht zu erfüllen, zum Beispiel der leere weiße Kubus ohne natürliches Licht mit exakt sechs Metern Höhe und einem schwarzen Stuhl an der Decke. Frankfurt Location musste passen und das Fototeam seinen weißen Kubus für viel Geld im Fotostudio nachbauen. Oder das Sado-Maso-Studio für einen Sex-Event-Anbieter. "Das haben wir abgelehnt", sagt Demmerle.

Auch beim Dreh für den Investment-Fonds gab es die eine oder andere Hürde: Seit zwei Tagen ist die Truppe bereits unterwegs, 25 Mann rasen in Kleinbussen von Drehort zu Drehort. Martin Liebig ist im Stress, der Lastwagen mit der Technik ist liegengeblieben, zwei Dutzend Leute stehen sich frierend die Beine in den Bauch. "Der Job ist eben oft Trouble-Shooting." Immerhin hat das mit dem Hubschrauber noch geklappt. Das war eine harte Nuss, denn eine Drehgenehmigung für eine echte Landung auf einem Hochhausdach war nicht zu bekommen. "Wir mussten die Landung faken", berichtet der Scout und zeigt auf einen schwarzen Gummischlauch: "Das ist die Kufe." Der reale Hubschrauber wurde anderswo gedreht - natürlich mit der Skyline im Hintergrund.

Von Sandra Trauner, dpa