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"Beim Schreiben denke ich immer: Das interessiert keinen, ich kriege bestimmt schlechte Kritiken. Ok, die kriege ich wirklich."
"Beim Schreiben denke ich immer: Das interessiert keinen, ich kriege bestimmt schlechte Kritiken. Ok, die kriege ich wirklich."(Foto: picture alliance / Jens Kalaene/)
Sonntag, 17. Dezember 2017

Hyggelig in die Diktatur: Juli Zeh schaut in eine dunkle Zukunft

Von Samira Lazarovic

Juli Zehs neues Buch "Leere Herzen" ist nur so auf die Bestsellerliste geflogen und leistet dort seinem Vorgänger "Unterleuten" Gesellschaft. Die Fans sind begeistert, das Feuilleton mäkelt. Was ist von dem Buch zu halten?

Ihr Roman "Unterleuten" war erst im März 2016 erschienen und kletterte noch munter auf der Bestsellerliste hoch, da fing Juli Zeh schon mit der Arbeit an "Leere Herzen" an. Wozu die Eile? "Der Roman hat mich regelrecht angesprungen, das war ein rauschhaftes Schreiben und nicht immer ein Vergnügen", erzählte die Autorin bei der Buchpremiere an einem trüben Winterabend in Berlin.

Umringt bei der Buchpremiere in Berlin.
Umringt bei der Buchpremiere in Berlin.(Foto: Samira Lazarovic)

Dem rauschhaften Schreiben sind vielleicht auch einige missglückte Formulierungen zuzuschreiben, die das Lektorat offenbar übersehen hat und auf die sich prompt einige Kritiker gestürzt haben. Nun ja: Licht muss sich auch nicht unbedingt wie hellgelber Chiffon auf die glatten Flächen der Möbel legen.

Ihre Leser stört das offenbar weniger, dank Vorbestellungen erschien "Leere Herzen" schon beim Erscheinen auf den Bestsellerlisten und traf dort noch auf "Unterleuten". "Es geht also auch ohne gute Kritiken. Ich müsste lügen, wenn ich etwas anderes behaupten würde, als dass das total geil ist", holt sich die 1974 geborene Schriftstellerin die Bestätigung von ihrem begeisterten Publikum im großen Sendesaal des RBB.

Pragmatische Desillusion

Doch worum geht es in "Leere Herzen"? Es geht um Britta, die einst auch zu den Verteidigern der Demokratie gehörte, vielleicht nicht gerade am Hindukusch, sondern in Wohnzimmern, aber immerhin. Mittlerweile hat sie sich jedoch in ihrem pragmatischen Leben eingerichtet. Ein Haus in Braunschweig - praktisch, geräumig, leicht zu reinigen, wie die mittelgroße, mittelgewichtige Stadt selbst. Dazu ein netter Mann, eine quirlige Tochter. Politische Teilhabe? Das war mal.

Leere Herzen: Roman
EUR 20,00
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Denn wir befinden uns im Jahr 2025, da haben Ideale keinen Sinn mehr. Putin und Trump haben den Syrien-Krieg beendet, Merkel ist längst abgetreten. Sie hat Platz gemacht für Regula Freyer und ihre "Besorgte-Bürger-Bewegung", die mit ihren "Effizienzpaketen" eine demokratische Errungenschaft nach der nächsten abschaffen. Die Innenministerin heißt Wagenknecht, ohne Vornamen. Es gibt eine Bundeszentrale für Leitkultur, erweiterte Kompetenzen für Polizei und Geheimdienste und überall turnen Mitglieder der "Sport ist öffentlich"-Gruppe auf den Bürgersteigen herum.  

Aber geht es den Menschen nicht gut? Sogar besser als früher? Selbst der Terror geht seinen geregelten Gang, mit koordinierten Anschlägen, kontrollierten Opferzahlen. Dazu trägt die von Britta und ihrem Geschäftspartner Babak gegründete Firma "Die Brücke" bei. Was sie tun? Menschen mit Hilfe eines selbst erdachten Mehrstufen-Programms vom Selbstmord abhalten. Und wenn das nicht klappt, vermitteln sie sie im Geheimen als Selbstmordattentäter an verschiedene Organisationen und streichen die Prämien ein. Im Radio spielt dazu "Full Hands Empty Hearts / It’s a Suicide World Baby".

Alles könnte seinen geregelten Gang gehen, wenn da nicht die anhaltende Übelkeit wäre. Wenn nicht auf einmal ein unheimlicher Konkurrent auftauchen würde, der nicht nur ihr Geschäftsmodell, sondern auch ihr Leben in Gefahr bringt. Und plötzlich steht Britta beim Kampf um ihre eigene Existenz vor der Möglichkeit, einen Aufstand der Gerechten anzuführen.

Wen interessiert der Chiffon?

Zeh gelingt es in "Leere Herzen", die aktuelle politische Situation und die Aushöhlung der Demokratie durch missgünstige und kleinkarierte Nörgler in eine unheimliche Zukunftsvision zu extrapolieren. Prophezeiungen wie die von "Katalonien First" sorgen für kleine Schauer, Ideen wie die einer gemeinsamen Pressekonferenz von Regierung und Google zum Ende des Hungers in der Dritten Welt machen sich nicht nur auf Lesungen, sondern auch beim Lesen gut.

Wen interessiert gelber Chiffon, wenn er dafür ein Buch lesen kann, das zeigt, wie es mit uns weitergehen könnte, wenn wir nur erwarten, dass die "da oben" es richten, während wir es uns mit einem Glas Merlot in unseren Häusern aus glattpoliertem Beton hyggelig machen? Juli Zeh ist bestimmt die Letzte, die sich grämt, wenn ihre Zukunftsvision schon bald ein alter Hut ist, weil alles anders kommt. Das Ende versteht man allerdings nicht auf Anhieb. Muss wieder dieser Rausch gewesen sein.

 

Quelle: n-tv.de