Von MTV nach Mekka Kristiane Backers langer Weg
Wem der Name nichts sagt: Die Dame hat mal bei MTV moderiert, soll einen Hype ausgelöst haben und hat jetzt ein Buch geschrieben.
Der nackte Männer-Hintern von Comedian Sacha Baron Cohen im Gesicht des Rappers Eminem bei der aktuellen Auflage der MTV-Awards scheint Kristiane Backer dieser Tage recht zu geben: Das Fernsehen und gleichsam der Pionier der Musikkanäle, MTV, verflachen zusehends. Sie selbst stand Anfang der 1990er bei einer MTV-Awards-Verleihung auf der Bühne, feierte später auf Partys, gab sich dem Musik/Showbiz-Leben hin und wurde selbst zu einer Pop-Ikone. Doch irgendwann spürte sie nur noch eine große Leere. "Der ganze Hype" sei an ihr vorbeigegangen.
An die schlanke Deutsche mit den langen, roten Haaren und der leicht heiseren Stimme erinnern sich viele deutsche aber auch europäische MTV-Zuschauer noch heute. Damals gab es noch keine deutsch- oder spanischsprachigen Sub-MTVs. Mit Anfang zwanzig war Backer in London Teil eines elitären Zirkels von Moderatoren, die zu Teenie-Idolen wurden. MTV gab lange Jahre den Takt vor für das, was in Musik und Jugendkultur angesagt war. Seitdem ist viel Zeit vergangen und die 43-Jährige hat einen weiten Weg zurückgelegt: "Von MTV nach Mekka". So heißt denn auch ihr gerade erschienenes autobiografisches und sehr offenes Buch.
Von jungen Menschen für junge Menschen
Die erste Generation der MTV-Moderatoren: Neben Backer waren das Legenden wie Ray Cokes mit "Most Wanted". Sie waren nicht nur VJs (Videojockeys). Sie hatten eigene Sendungen, "von jungen Menschen für junge Menschen", wie Backer schreibt. Hip und ein Quotenbringer war dabei auch die gelernte Radiojournalistin - obwohl sie immer etwas steif im Bild stand. "See 'Ya" (Wir sehen uns) hieß es zum Abschied von Shows wie den "European Top 20". Dabei war Backers Englisch weit besser als das Deutsch der meisten heutigen Moderatoren des deutschen Spartenkanals.
Backer war in der Szene der britischen Hauptstadt zu Hause, zwischen Leuten wie den Musikern Seal und Gavin Rossdale oder Schauspielerin Elizabeth Hurley. Auch wenn beim jungen europäischen MTV-Ableger noch viel improvisiert wurde - früher oder später war auch Backer selbst ein Star und wurde auf der Straße erkannt. Der pakistanische Cricket-Held Imran Khan war auch ein Star und lebte teils in London. Doch er veränderte Backers Leben grundlegend. Die beiden wurden nicht nur ein Paar, Khan nahm die Deutsche auch mit nach Pakistan. Dort erlebte Backer, wie die Menschen durch ihren starken Glauben selbst in bitterer Armut Lebenslust und Gastfreundschaft bewiesen. Sie sei mit "einem Glänzen in den Augen" empfangen worden.
Die Liebe zu Gott
In den Folgejahren spürte sie häufiger eine Leere in sich. "Ich war nicht glücklich, nicht wirklich erfüllt, trotz des ganzen Rummels", erzählt Backer. "Ich dachte, mir fehle vielleicht die Liebe zu einem Mann. Was ich dann aber feststellte war, dass mir die Liebe zu Gott fehlte." 1995 wurde für sie zu einem Jahr des Umbruchs - sie konvertierte schließlich vom Christentum zum Islam und hängte ihren Job bei MTV an den Nagel.
"Wenn man den Koran liest, ist es so, als ob Gott direkt zu einem spricht." Sätze wie diese stehen viele in Backers Buch. Das mag abschrecken, doch die 43-Jährige ist einfach ehrlich und bekennt sich zu ihrem Weg. Dabei versucht Backer auch, mit Vorurteilen aufzuräumen. So fühlt sie sich beispielsweise verpflichtet, den "Dschihad" als Anstrengung zum rechten Glauben zu erläutern, und nicht als Gotteskrieg.
Besonders in Deutschland fühlte sich Backer mit ihrer Konversion und ihrem Weg nach Mekka oft falsch verstanden. So erinnert sie sich in ihrem Buch an eine Talkshow, in der sie undifferenziert in eine Ecke mit Ultrakonservativen gedrängt worden sei. Auch ihr Vertrag mit der Jugendsendung BRAVO TV sei ohne Vorwarnung gekündigt worden.
Brücken bauen mit dem Koran
Nun will sie mit ihrem Buch "Brücken bauen". Dabei verstehe sie sich als europäische Muslima, die trotz ihres tiefen Glaubens die westliche Kultur nicht einfach ablehne. Natürlich sehe sie diese kritischer: Wenn sie etwa als Film von Quentin Tarantino daher kommt, der bekanntlich mit Gewaltszenen nicht spart. So etwas anzumoderieren, habe sie schon damals gestört. Trotz alledem erinnert sich die 43-Jährige, die weiter in London lebt, immer noch gerne an die bunte und wilde MTV-Zeit, das merkt man ihrem Buch an. Nur: aus dem "See 'Ya" ist ein "In sha' Allah" (arabisch für: So Gott will) geworden.
Kristiane Backer: Von MTV nach Mekka. Wie der Islam mein Leben veränderte, List Verlag, Berlin 331 S., Euro 19,90