Unterhaltung

"Wegen des Papas" Neues über Lindgrens Sohn

Auch nach dem 100. Geburtstag der Kinderbuch-Autorin Astrid Lindgren (1907-2002) beschäftigt die Schweden weiter der mysteriöse Hintergrund für die heimliche Geburt und das Zurücklassen ihres Sohnes Lasse im Ausland. Knapp drei Wochen nach dem Jahrhundert-Geburtstag der literarischen Mutter von Pippi Langstrumpf hat die Zeitung "Dagens Nyheter" jetzt mit bisher unbekannten Gerichtsunterlagen neues Licht in diesen bis zuletzt dunkel gebliebenen Teil von Lindgrens Leben gebracht.

Bis 1977, als die Autorin mit Pippi, den Kindern von Bullerbü, Kalle Blomquist und ihren anderen Kinderbuch-Helden längst weltberühmt war, hatte sie komplett verschwiegen, dass sie ihren Sohn 1926 als 18-Jährige heimlich in Kopenhagen zur Welt gebracht und bei einer Pflegefamilie zurückgelassen hatte. Hinter dem Warum blieb bis zu ihrem Tod ein dickes Fragezeichen.

Durch bisher unbekannte Gerichtsakten scheint nun klar, dass der entscheidende Grund für die einsame Geburt im Ausland der laufende Scheidungsprozess von Lindgrens 30 Jahre älterem Geliebten und Chef Reinhold Blomberg bei der Lokalzeitung "Vimmerby Tidning" war. Vor Gericht hätte ein Bekanntwerden der Schwangerschaft nach damaligem Recht ein Urteil wegen strafbarer "Hurerei" zur Folge gehabt.

Blomberg und die damals unter ihrem Mädchennamen Ericsson lebende Astrid wollten nach den neuen Erkenntnissen von Jens Fellke, der heute bei "Vimmerby Tidning" arbeitet, sofort nach vollzogener Scheidung heiraten. Das wäre beim Nachweis der außerehelichen Beziehung mit einer Minderjährigen unmöglich gewesen.

Sohn Lasse kam in Kopenhagen zur Welt

Der Prozess zog sich hin, weil die Ehefrau eben gerade die Schwangerschaft ihrer sehr jungen Nebenbuhlerin nachweisen wollte. "Des Papas wegen", heißt es nun in "Dagens Nyheter", reiste die junge, mittellose Frau einsam ins 600 Kilometer entfernte Kopenhagen, weil man hier als einzigem Ort in ganz Nordeuropa ein Kind als Unverheiratete anonym zur Welt bringen konnte. Dort blieb der Sohn drei Jahre bei einer dänischen Familie, bis die Pflegemutter schwer krank wurde. Die biologische Mutter holte ihn zu sich nach Stockholm und heiratete kurz danach Sture Lindgren. In den vierziger Jahren dann begann sie damit, sich eine frohe, meist freche und immer lebensbejahende Kinderbuchfigur nach der anderen auszudenken.

Lasse starb 1986. Lindgrens Biografin und enge Freundin Margareta Strömstedt meint heute, dass in den Büchern der Schwedin so oft trostbedürftige Jungen mit sehr schweren Problemen wie in den "Brüdern Löwenherz" auftauchen, weil die Autorin sich Zeit ihres Lebens in die Lage des kleinen, zurückgelassenen Lasse nach der Geburt zurückversetzt hat. Die ihr Leben lang immer sehr praktisch denkende Lindgren wird in "Dagens Nyheter" mit einem Satz darüber zitiert, was aus ihr bei einer Annahme des Heiratsantrages von Blomberg nach Lasses Geburt in der Kleinstadt Vimmerby geworden wäre: "Autorin wäre ich auch dann geworden. Aber keine weltberühmte Autorin."

Von Thomas Borchert, dpa

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.