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Dauer-Favorit mit Überraschungseffekt Nobelpreis für Mario Vargas Llosa

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Wird bereits seit Jahrzehnten als Favorit gehandelt: Mario Vargas Llosa.

(Foto: REUTERS)

Die Stockholmer Nobelpreis-Juroren haben mit ihrer Entscheidung für Mario Vargas Llosa einen Langzeitfavoriten ausgezeichnet. Ausgerechnet in diesem Jahr allerdings hatte kaum jemand den Peruaner auf der Rechnung.

Adé Europa, buenos días Lateinamerika. Nach sechs Jahren mit europäischen Preisträgern haben die Stockholmer Nobelpreis-Juroren den begehrtesten Literaturpreis der Welt wieder in einen anderen Kontinent vergeben. Der Peruaner Mario Vargas Llosa war eine faustdicke Überraschung - und eigentlich doch keine: In diesem Jahr wurde seine Name bei den Spekulationen über den engeren Favoritenkreis so gut wie nicht genannt. Aber seit mindestens zehn Jahren hat Vargas Llosa immer zum weiteren oder auch mal engen Kern der Anwärter gehört.

"Die wilde Jagd auf den Nobelpreisträger" beschrieb "Dagens Nyheter" und ließ im Stockholmer Zoo eine Gruppe Affen "spekulieren", wer wohl der diesjährige Preisträger sein würde. Die Tiere, ausdrücklich als "Erben" des legendären Tintenfisch-Orakels Paul von der Fußball-WM vorgestellt, setzten die Plastikschilder mit dem Namen der Kanadierin Alice Munro, Assia Djebar aus Algerien und dem südkoreanischen Lyriker Ko Un an die Spitze. Damit lagen sie auch nicht mehr daneben als allerlei Medienexperten und Zocker, die neben Ko Un vor allem auf den US-Romancier Cormac McCarthy gewettet hatten.

Warten in Lateinamerika hat ein Ende

Hinter diesen Tipps (der Menschen) stand die Vermutung, dass die Schwedische Akademie gewissen Proporzregeln folgt, auch wenn sie das nie zugeben würde. Nach den vielen Europäern, zuletzt die Deutsche Herta Müller, sind nun andere dran: Seit 1993 gab es keinen Literaturnobelpreis mehr für US-Autoren, 1986 wurde letzten Mal ein Schriftsteller aus dem schwarzen Afrika bedacht. Seit 14 Jahren warten Freunde der Poesie vergeblich auf eine Nobelpreisvergabe an einen Lyriker.

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Die Freude beim Suhrkamp Verlag auf der Frankfurter Buchmesse ist indes groß.

(Foto: dapd)

Mit Vargas Llosa hat zumindest das 20-jährige Warten in Lateinamerika ein Ende. Bei dem Peruaner mit wechselnden Wohnsitzen in europäischen Metropolen und im heimischen Lima ließ die Begründung von Akademie-Chef Peter Englund Erinnerungen an die Entscheidung für Günter Grass wach werden: Auch bei dem Wahl-Lübecker wurde 1999 die ungeheure Zeitspanne seiner erzählerischen Arbeit über viele Jahrzehnte herausgehoben.

Meister großer Erzählkunst

Und auch Vargas Llosa rühmten die schwedischen Juroren als Meister der großen Erzählkunst in zahlreichen Romanen. "Man kann an seiner literarischen Produktion sehen, was für ein leidenschaftlicher Mensch hier am Werk ist", meinte Englund. Genauso leidenschaftlich habe Vargas Llosa auch reagiert, als er den Anruf mit der Mitteilung aus Stockholm früh morgens um viertel vor sieben in seiner New Yorker Wohnung bekam.

Er sitze schon seit fünf Uhr an den Vorbereitungen für eine Vorlesung, erzählte er dem Anrufer von der anderen Seite des Atlantiks. Aber wer weiß: Vielleicht hatte der Peruaner doch den Wecker an diesem Tag auch ein bisschen früher gestellt, weil er durchaus wusste, wann ein Anruf vom Stockholmer Nobelkomitee zu erwarten war.

Schnelle und einstimmige Entscheidung

Die Entscheidung dieses Jahres werde ganz bestimmt keinen Anlass zu Reue geben, orakelte Englund kurz vor der Bekanntgabe. Tatsächlich fiel das internationale Urteil sehr schnell und einhellig positiv aus. Als im letzten Jahr der Name Herta Müller fiel, kam vor allem aus den USA die Rückfrage "Herta who?". Darauf folgte zum Teil bissige Kritik an allzu speziellen literarischen Vorlieben von Akademie-Mitgliedern für international Unbekannte mit einem noch schmalen Gesamtwerk.

Quelle: ntv.de, Thomas Borchert, dpa