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Tanja Marfo findet sich inzwischen gut - und nicht nur sie.
Tanja Marfo findet sich inzwischen gut - und nicht nur sie.
Samstag, 29. Oktober 2016

XXL-Mode in Hamburg: "Plus Size Männer sind der neueste Trend!"

Zum vierten Mal starten an diesem Wochenende in Hamburg die "Plus Size Fashion Days". Dort gibt es eine Modenshow, eine Modemesse und Workshops für pfundige, modebegeisterte Frauen. Initiatorin Tanja Marfo, Make-up-Artist und Bloggerin ("Kurvenrausch"), hatte die Idee dazu, nachdem sie in Zeitschriften nie Mode für Frauen gesehen hat, die nicht Size-Zero-Maße haben. Mittlerweile ist Plus-Size auch im Fernsehen angekommen und ein Riesengeschäft für die Modeindustrie. n-tv.de hat mit Tanja Marfo über den XXL-Trend gesprochen.

n-tv.de: Wann und wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Plus-Size-Modenschau zu veranstalten?

Tanja Marfo musste lernen, sich zu lieben.
Tanja Marfo musste lernen, sich zu lieben.

Tanja Marfo: 2013 bin ich das erste Mal für einen deutschen Online-Retailer in New York gewesen und habe von der Full Figured Fashion Week  berichtet. Ich war hin und weg von den tollen Frauen, die sich nicht verhüllen, sondern ihre Körper stolz präsentieren. Frauen in unterschiedlichen Konfektionsgrößen und verschiedenen Nationalitäten, die unglaublich präsent auf dem Catwalk waren. Im Sommer 2013 startete dann die erste "Curvy is sexy"-Messe in Berlin, die während der regulären Berlin Fashion Week stattfand. Ich war leider alles andere als beeindruckt, fand die Modelle sehr schmal, die Mode schlecht präsentiert - ohne Liebe und Hingabe. Damals dachte ich mir, dass wir so eine Show wie in New York dringend in Deutschland brauchen. Die Plus Size Fashion Days waren geboren.

Und was passierte dann?

Innerhalb von drei Monaten organisierte ich die erste Show, bat Firmen und mein Netzwerk auf Facebook um Hilfe, und wie ein Wunder klappte alles. Wir hatten keinen Catwalk, kein Beleuchtungskonzept oder gar einen richtigen Bühnenbau, und trotzdem wurde es ein Riesenerfolg.

Haben da nicht so manche den Kopf geschüttelt?

Ach, na klar. Aber das hat mich nie gestört. Ich wusste immer, dass es viele Frauen in Deutschland gibt, die einfach nicht den Maßen der Modelwelt entsprechen. Auf den Laufstegen der regulären Fashion Week sieht man Frauen mit Kleidergrößen, die weniger als zehn Prozent in Deutschland haben. Die Mode steht bei den Designern im Vordergrund, da darf es selten kurvig, auffällig und richtig weiblich sein. Den Frauen fehlen leider auch sekundäre Geschlechtsmale wie Brust und Po. Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde alle Körper prinzipiell schön, nur schafft eine Ausgrenzung auch einen Mangel, und dies führt wiederum dazu, dass wir die Durchschnittsfrau in den Medien gar nicht zu Gesicht bekommen. Demzufolge ist es also eine sehr wichtige Aufgabe, die ich habe, und ich nehme diese Herausforderung nun schon zum vierten Mal an.

Gab es einen bestimmten Moment in Ihrem Leben, der bewirkt hat, dass Sie mit dem Thema nach vorne gehen?

Dick war ich schon immer, groß auch. Es gab eine Zeit, in der ich sehr unglücklich war und mich wirklich sehr gehasst habe. Ich hatte einen Partner, der mich nicht so mochte, wie ich war. Ich habe mir damals ganz essentielle Fragen gestellt und diese ehrlich beantwortet. Ich war unglücklich und depressiv, und ich wollte endlich eine Veränderung in meinem Leben. In einer Therapie habe ich mich damals geöffnet und begriffen, dass ich vor mir selbst nicht weglaufen kann. Kurz: Ich habe gelernt, mich anzunehmen, mich zu lieben und zu schätzen. Diese Dinge sagen sich alle so leicht, es war aber ein langer Prozess bis dahin.

Was entstand daraus?

Heute weiß ich, dass ich gut bin, so wie ich bin. Dass ich stark bin und anderen viel geben kann. Ich kann motivieren und Menschen zusammenführen. Das sehe ich ganz klar als meine Aufgabe an: Menschen glücklich machen und ihnen vermitteln, wie wertvoll und einzigartig sie sind. Mit dieser Erkenntnis ist mein Blog zu meinem Beruf geworden, und dabei ist ganz viel drum herum entstanden.

Wie war die erste Modenschau?

Ach herrje, so chaotisch, hektisch und irgendwie alles auf die Schnelle. Wir hatten keinen richtigen Ablaufplan, nur einen schnell herbeigezauberten Tonmann, kein Lichtkonzept, keinen richtigen Laufsteg oder richtige Eintrittskarten. Einen Stylisten oder gar ein Konzept für die Looks gab es auch nicht. Es hat aber alles trotzdem geklappt und war ein toller Anfang. Aber auf einmal stellt man fest, dass bis zum Ende der Fashionshow geplant wurde, aber niemand eingeplant war zum Aufräumen oder Müllentsorgen. Gewisse Dinge konnten wir uns einfach nicht leisten und waren sehr dankbar, dass viele Menschen aus eigener Initiative mitgeholfen haben. Der lustigste Moment war, als ein Model ein Kleid verkehrtherum trug und es niemand merkte.

Wie haben sich die "Plus Size Fashion Days" entwickelt?

Wir haben Sponsoren gefunden, Startgebühren genommen, Licht- und Tonkonzepte erstellt, Choreographen, Stylisten, Stagemanager, Bühnenbauer, Make-up Artists engagiert. Der größte Sprung war von 2014 auf 2015, denn auf einmal hatten wir eine neue Location mit bis zu 400 Plätzen, eine Verkaufsmesse und Workshops zu verschiedenen Themen. Es war nicht mehr nur eine Fashionshow, sondern eine mehrtägige Veranstaltung, die alle begeisterte. In diesem Jahr haben wir die größte Verkaufsmesse für Große Größen in Deutschland auf die Beine gestellt. Unser Konzept richtet sich ganz klar an den Endverbraucher, aber immer mehr und mehr sind auch Retailer, Einkäufer und Fachpublikum dabei.

Was genau haben Sie geplant?

Neben der Modenschau gibt es eine Eröffnungsparty,die Verkaufsmesse "Pop-up Plus" und prominenten Besuch wie den von Maite Kelly. Unser Highlight aber ist und bleibt unsere Fashionshow in der Kulturkirche, die wir am Samstag in eine spektakuläre Fashionkathedrale verwandeln.

Plus is beautiful!
Plus is beautiful!

Was wollen Sie mit der Veranstaltung überhaupt bewirken?

Ich möchte, dass unser Auge, das nur noch an Photoshop gewöhnt ist, auch wieder lernt, natürliche Körper schön zu finden. Wir leben in einer visuellen Kultur, die wir uns selbst erschaffen haben, und in der niemand mithalten kann. Dieser Körperkult macht krank, und Frauen fühlen sich immer mehr unter Druck gesetzt. Wir vergleichen uns ständig und werden unzufrieden. Ich möchte eine Gemeinschaft erschaffen, in der Frauen glücklich miteinander und gemeinsam stark sein können, egal welche Konfektionsgröße sie haben. Das schließt schlanke Frauen übrigens auch nicht aus.

Werden runde Frauen in der Gesellschaft diskriminiert?

Ständig, heftig und leider viel zu oft. Der dicke Körper muss sehr oft als Zielscheibe herhalten, und das auch in Sendungen wie aktuell "Curvy Supermodel". Man steckt uns sehr gerne in eine Opferrolle, denn es herrscht die Meinung, dass dicke Frauen da per se nicht mit sich zufrieden sein können. Wieso eigentlich nicht? Gut gemeinte überflüssige Ratschläge, Bezeichnungen wie "Schlachtschiff" oder "Wozu hast du es dir denn angefuttert?" sind für mich diskriminierend und herablassend.

Warum wurden runde Frauen so lange im Modebereich übersehen?

Weil wir einfach keine Zielgruppe sind - kleiner Scherz. Wer den "Plus Size-Euro" nicht will, verpasst eine Zielgruppe mit Kaufkraft und Liebe zu Mode und allem, was dazu gehört. Wir gehören nicht in die hinterste Ecke im Einzelhandel, und schon gar nicht möchten wir biedere Muster, lustige Bärchen oder Schulterpolster. Lange Zeit hat man gedacht, dass dicke Frauen sich nur verstecken wollen und sich daher "Zelte" überwerfen. Dem ist ganz und gar nicht so. Es scheint schon fast wie eine Revolution, die gerade stattfindet, das freut mich unglaublich und macht mich auch ein bisschen stolz.

Inwiefern hat die Blogger-Szene, von der Sie ja auch Teil sind, zum Plus-Size-Hype beigetragen?

Wo wären wir ohne die Blogger-Vorreiter? Es ist Wahnsinn, was alles passiert, und wie viele neue Blogger in der Szene auftauchen. Blogger in Plus-Größen machen Mut. Sie ziehen sich ganz selbstverständlich in allen möglichen Mustern und Farben an, sie zeigen, dass Mode Spaß macht und sind dabei unendlich vielfältig. Sie werden dafür auch auf den Social Media-Kanälen kritisiert und manchmal auf unglaubliche Art und Weise beleidigt. Aber sie gehen trotzdem ihren Weg und machen unerschrocken weiter. Ohne die vielen Blogger-Vorreiter würde es den heutigen Plus Size-Trend gar nicht geben.

Wie ist es denn um Plus Size für den Mann bestellt?
Plus Size-Männer sind der neueste Trend und finden auch immer mehr Beachtung. Inzwischen gibt es auch einige wenige männliche Blogger, die sich dieses Themas annehmen. Auch bei uns sind dieses Mal sechs Männer zu sehen, da unser Malemodel im letzten Jahr frenetisch bejubelt wurde. Für die Männer selbst ist Plus Size aber nicht so ein Thema wie für Frauen. Sie gehen mit ihren Körpern viel selbstverständlicher um.

Wenn die Schauspielerin Lena Dunham für Werbung in Dessous posiert - muss man das schön finden?

Ich würde die Frage eher anders herum stellen: Warum sollten wir natürliche Körper ohne Photoshop und Zahnpasta-Lächeln denn schlecht finden? Wir kennen nur makellose Körper, davon sollten wir Abstand nehmen und mehr realistische Frauen für Werbekampagnen nehmen. Die über Jahre eingebrannten Sehgewohnheiten müssen geradegerückt werden, Menschen sollten wieder mehr reale Abbilder konsumieren, damit es wieder leichter fällt, nicht immer perfekt sein zu müssen.

Wie beurteilen Sie den "Body Positive"-Trend?

Body Positive betrifft alle Körper. Die deutsche Bloggerin Luciana von www.luziehtan.de sagte es so treffend: "Body Positivity ist keine Einbahnstraße!" Sie betrifft uns alle. Einen Körper schön zu finden, der vielleicht nicht einem gängigen Standard entspricht, ist heutzutage eine Rebellion. Mit unserem Leid wird aber auch nur zu gerne Geld gemacht, von daher würde eine ganze Industrie pleite gehen, wenn wir uns auf einmal schön und begehrenswert finden.

Kritiker sagen ja gerne, die "Body Positivity"-Bewegung würde das Dicksein und damit verbundene Gesundheitsrisiken beschönigen.

Von wegen - ich habe als Mensch das Recht, so zu leben, wie ich möchte. Mein Körper gehört mir, ich muss Niemandem gefallen. Ich muss rein gar nichts. Ich darf meinen Körper aber schön finden, ihn gut behandeln, Sport machen, mich gut und ausgewogen ernähren und mich lieben. Mit allen Dellen und Makeln.

Wie rekrutieren Sie Ihre Models für den Laufsteg?
Wir veranstalten jedes Jahr eine große Casting-Tour durch deutsche Großstädte und casten dort unsere Modelle. Diese stellen sich unserer Jury vor oder bekommen auch die Chance, sich online zu bewerben.Jährlich stellen sich viele Frauen aus ganz Europa und sogar den USA vor.

Wie gefällt Ihnen die neue "Curvy Model"-TV-Castingshow?

Generell kann ich sagen, dass ich es gut finde, dass wir Körper sehen, die eben nicht makellos sind. Unser Auge wird somit damit konfrontiert, dass hier und da mal was wabbelt und nicht fest ist, das rückt die Sehgewohnheiten mal wieder gerade. Echte Pioniere sehe ich aber leider in der Jury nicht und auch keine Körperrevolution, wie RTL2 es so schön beschreibt. Angelina Kirsch finde ich klasse, sie arbeitet in der Branche und ist eine tolle Frau. Da die Produktionsfirma die gleiche ist wie in den ersten Staffeln von GNTM, wundere ich mich nicht, dass vieles sich ähnelt. Was mich maßlos ärgert, ist die Tatsache, dass die Kandidatinnen bewusst vorgeführt werden.

Das scheint ein wichtiges Jahr für die Plus Size Branche zu sein. Ist das alles nur ein Trend, der wieder verschwindet?

Nein, ich glaube nicht. Das Thema "Plus Size" wird präsent bleiben, dafür polarisiert es einfach zu gut. Wir werden mehr Frauen treffen, die sich wohl fühlen, die ein ganz normales Leben führen mit "Mehr".Letztendlich würde ich es begrüßen, wenn wir vom "Body Bashing" zu "Body Love" kommen.

Mit Tanja Marfo sprach Katja Schwemmers.

Infos unter: www.plussizefashiondays.de und www.kurvenrausch-hamburg.de

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Quelle: n-tv.de

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