"Polizeiruf 110" im SchnellcheckRecht hat, wer bezahlt

Ein Fall um Fahrerflucht und ein "Cold Case", der wieder heiß wird - für Blohm und Eden ist diesmal nicht nur Fantasie, sondern auch viel Psychologie gefragt. Toll gespielt, eine Inszenierung, Marke "No Bullshit" - "Ablass" lohnt sich.
Was passiert?
Eine Überdosis Crystal Meth mit Todesfolge, vom verschmähten Verehrer zerstückelt und entsorgt, so soll die 19-jährige Sonja vor zwei Jahren ums Leben gekommen und verschwunden sein. Jetzt findet man ihre Leiche in der Isar - und siehe da: Glaubt man dem Pathologen, dann war wohl alles ganz anders. Die Tote hat alle ihre Gliedmaßen, dafür finden sich Spuren einer Vergewaltigung, ermordet wurde sie durch Strangulieren. Ein "Cold Case", der wieder heiß wird, so lautet die Devise für Kommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) und Kollege Dennis Eden (Stephan Zinner), die zunächst einmal Léon Kamara (Yoli Fuller) im Gefängnis einen Besuch abstatten. Der Mann aus Burkina Faso hatte damals gestanden und war zu fünf Jahren verurteilt worden.
Konfrontiert mit jenen Details, die seine angebliche Tat nun in ganz anderem Licht erscheinen lassen, zeigt Kamara sich wenig auskunftsfreudig. Und noch eine Ermittlung gibt es: Ein Fahrradfahrer wurde nachts von einem Porsche umgenietet, Fahrerflucht mit Todesfolge, so die Sachlage. Das Auto war Familie Assauer aus der Garage gestohlen worden, es finden sich Fingerabdrücke im Wagen, die zu Victor Reisinger (Shenja Lacher) führen, wegen Autodiebstahls bereits mehrfach vorbestraft. Der Mann ist sofort geständig, aber irgendetwas stimmt da nicht, das wird Blohm und Eden nach und nach klar.
Worum geht's wirklich?
Der Titel des fünften Münchner "Polizeiruf 110" mit Johanna Wokalek und Stephan Zinner verrät fast schon ein bisschen zu viel. Die Zusammenhänge werden dem Zuschauer im Lauf des Falles natürlich immer offensichtlicher, dennoch wäre etwas mehr Geheimniskrämerei rund um den Plot der Rätselhaftigkeit vielleicht zuträglich gewesen. "In meine Schreibarbeit floss unter anderem das aktuelle Weltgeschehen mit ein, wo wieder das 'Recht der Stärkeren' gilt", so Regisseur und Drehbuchautor Christian Bach, "wo Politik, Moral und Gerechtigkeit als 'Deal' betrachtet werden und nur noch der Preis stimmen muss". So schwenkt "Ablass" vom klassischen "Whodunit"-Rätsel mehr in Richtung Psychogramm und Gesellschaftskritik - das jedoch durchweg erstklassig inszeniert und überzeugend gespielt.
Wegzapp-Moment?
Wer von den Fahrrad-Toten der letzten Krimi-Sonntagabende genug hat, schlägt womöglich die Hände über dem Kopf zusammen: Bitte nicht noch einer! Unser Tipp: Dranbleiben, es kommt alles ganz anders, als es in den Anfangsminuten den Anschein hat.
Wow-Faktor:
Abgesehen vom Déjà-vu-Moment, was den Zweirad-Fahrer zu Beginn angeht, ist der Wow-Faktor hier durchweg hoch. Dabei hätte es einiges an Fallstricken gegeben, von langen Moral-Monologen über Message-Overkill bis zu Arm-vs.-Reich-Klischees, ein Verdienst nicht nur von Christian Bach, das kaum etwas davon verfängt. Auch die Chemie zwischen Johanna Wokalek und Stephan Zinner stimmt, ihr "No Bullshit"-Miteinander ein wohltuender Kontrast zum Geplänkel in anderen Revieren. Noch ein "Wow" für Tobias Moretti, der als Anwalt August Schellenberg einen perfekten Cocktail aus Charme und Schmierigkeit serviert. Namche Okons Bildgestaltung muss zudem erwähnt worden, farblich gedimmt, ein fast herbstlicher Grundton, der dem Film einen ganz eigenen Vibe zwischen Atmo und Sachlichkeit gibt.
Wie war's?
9 von 10 Punkten - stimmiges Crime-Entertainment, wohltuend reduziert, dennoch hochemotional inszeniert.