Unterhaltung

Auftakt des "Rings" in Bayreuth "Rheingold" erntet Buh-Rufe und Jubel

308496830.jpg

"Rheingold" als toxische Familiensaga - so kündigte Regisseur Schwarz seine Inszenierung an.

(Foto: picture alliance/dpa/Festspiele Bayreuth)

Nach zweijähriger Corona-Pause sind die Erwartungen an Regisseur Valentin Schwarz und seine Interpretation des Wagner-Epos "Ring des Nibelungen" hoch. "Rheingold" macht den Auftakt - und spaltet die Gemüter in Bayreuth. Während es Beifall für die Sänger gibt, scheint das Konzept noch nicht ganz aufzugehen.

Als die Riesen Fasolt und Fafner mit der entführten Freia in der Luxuslimousine von dannen ziehen wollen, geht etwas schief auf der Bühne: Das Garagentor wird runtergefahren, obwohl die Autotür noch offen steht. Es knarzt und ächzt, die Sänger müssen eingreifen. Diese kleine Panne bei der Premiere des neuen Bayreuther "Rheingolds" ist ein wenig symptomatisch für die neue Inszenierung des ersten Teils aus dem mit Spannung erwarteten neuen "Ring des Nibelungen" bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen.

Eine große Familiensaga hat Regisseur Valentin Schwarz seinen "Ring" genannt, eine Serie über toxische Beziehungen, wie man sie heute zuhauf auf Netflix und Co. sieht. Nach dem "Rheingold" ist aber klar: So ganz geht sein Konzept leider noch nicht auf. Und so gibt es - neben begeisterten "Bravos" vor allem für die Sänger - auch viele, teils heftige Buhs am Sonntagabend auf dem Grünen Hügel. Die Produktion löst sehr gemischte Reaktionen beim Publikum aus. Einhelligen Jubel gibt es dagegen für die Sänger und den kurzfristig eingesprungenen Dirigenten Cornelius Meister.

Toxische Beziehung im Mutterleib

Schwarz hatte angekündigt, Wagners vierteilige Oper um Götter und Gold, Liebe, Verrat und Weltenbrand als Geflecht toxischer Beziehungen erzählen zu wollen. Und so sind Wotan (Egils Silins) und Alberich (Olafur Sigurdarson) bei Schwarz zerstrittene Zwillinge. Zu Beginn zeigt eine Videosequenz auf großer Leinwand, wie diese Zwillinge - nach anfänglicher Harmonie - schon im Mutterleib aufeinander losgehen, bis Blut fließt und sie sich so beinahe gegenseitig zerfleischen.

Und aus dem "Rheingold" wird im Schwarz-"Ring" ein Kind. Einen mobbenden, zerstörenden, wütenden kleinen Jungen holen Wotan und Loge (Daniel Kirch) aus den Fängen Alberichs, um ihn gegen die von den Riesen entführte Freia (Elisabeth Teige) eintauschen zu können. Was die mit ihm sollen und wollen, bleibt offen. Kurz darauf gesellt sich ein zweites Kind dazu, bei dem es sich womöglich um die Tochter Wotans und seiner Zweitfrau Erda (Okka von der Damerau) handeln könnte. Weil Wotan bereit war, auch die Kleine den Riesen zu überlassen, zieht Erda wütend davon, das Mädchen an der Hand. Da dürfte das letzte Wort noch nicht gesprochen sein.

Das Ganze spielt in einem offenkundig kostspieligen Familienanwesen, wie es in der Serienwelt oft typisch ist für reiche Familien-Dynastien. Für alle die, die noch nicht verstanden haben, dass es sich keinesfalls um eine glückliche, harmonische Familie handelt, liegt eine Schlange in einem Terrarium. Und wer sich fragt, warum Wotan bei Fasolt (Jens-Erik Aasbø) und Fafner (Wilhelm Schwinghammer) offensichtlich so sehr in der Kreide steht, dass diese gleich Tochter Freia einsacken, bekommt seine Antwort von einem von Loge auf die große Leinwand projizierten Handyvideo, das Wotan beim ausgiebigen und wohl auch verschwenderischen Feiern zeigt.

Einiges bleibt im Nebel

So weit, so plakativ. So deutlich wie die Inszenierung in einigen Aspekten ist - so unklar bleibt sie aber in anderen. Warum die Unterwelt Nibelheim bei Schwarz ein Kindergarten ist und das "Rheingold" ein Junge, den Alberich zu einem ähnlichen fiesen Typen geschmiedet hat, wie er selbst einer ist, das bleibt offen. Hier und da knarzt und ächzt das Konzept - zumindest im ersten "Ring"-Teil - noch ähnlich wie das Garagentor.

Allerdings hatte Schwarz sein "Rheingold" auch einen "Pilotfilm" genannt, "der viele Fragen aufwirft, vieles anteasert und gespannt macht auf das, was da noch kommt - auch wenn man vielleicht noch nicht alles sofort einordnen kann". Am Montag folgt Teil zwei, die "Walküre", am Mittwoch der "Siegfried" und am Freitag dann die "Götterdämmerung". Traditionell zeigen sich der Regisseur und sein Team erst danach dem Publikum.

Dirigent springt ein und wird gefeiert

Deutlich weniger Skepsis macht sich am Premierenabend bei den Zuschauern in Bezug auf den musikalischen Teil der Produktion breit. Dirigent Cornelius Meister, der in diesem Jahr eigentlich für "Tristan und Isolde" gebucht war, dann aber für den an Corona erkrankten Pietari Inkinen am Pult stand, wird bejubelt - auch wenn sein Dirigat zu Beginn noch ein wenig hektisch wirkt. Großen Jubel gibt es für alle Sänger - besonders für Damerau und ihre stimmgewaltige, präsente Erda, noch größeren für "Alberich" Sigurdarson, den Publikumsliebling des Abends, der nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch überzeugt.

Eigentlich hatte Richard Wagners vierteiliges Mammutwerk in der Schwarz-Inszenierung schon 2020 in Bayreuth auf die Bühne kommen sollen, wegen Corona wurde das Projekt aber um zwei Jahre verschoben. Und das Coronavirus macht es der Neuproduktion auch in diesem Jahr nicht leicht.

Mit dem "Tristan" waren die Festspiele, die in diesem Jahr auch noch von Sexismusvorwürfen überschattet wurden, vor knapp einer Woche, am 25. Juli, eröffnet worden. In diesem Jahr stehen also fünf Neuinszenierungen auf dem Programm - ein Novum in der langen Festspiel-Geschichte.

Quelle: ntv.de, Britta Schultejans, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen