Penismaler und die deutsche Susan Boyle"Supertalent" rührt zu Tränen
Es war ein Abend, an dem viel Wasser floss - auf der Bühne sowie aus den Augen der Jury. Mit emotionalen Auftritten, artistischen Einlagen und skurrilen Aktionen gewinnt RTLs "Supertalent" ein Millionenpublikum. Und zwei Kandidaten wollen die Antwort auf Paul Potts und Susan Boyle sein.
Mit der Castingshow "Das Supertalent" hat RTL nach dem erfolgreichen Start am Freitag auch am Samstag Millionen Menschen vor die Bildschirme gezogen. Die zweite Ausgabe der TV-Show, in der sich Menschen mit teils kuriosen Fähigkeiten der Jury um Dieter Bohlen, Bruce Darnell und Sylvie van der Vaart präsentieren, verfolgten am Samstagabend 7,74 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 25,8 Prozent) - die erste Sendung der neuen, vierten Staffel hatten am Freitag 7,43 Millionen Zuschauer (24,1 Prozent) gesehen. Der Marktanteil beim jüngeren Publikum zwischen 14 und 49 Jahren stieg auf 38,3 Prozent an und erreichte damit den höchsten Wert seit Einführung der Reihe.
Verantwortlich für diesen Erfolg dürfte die bereits in der ersten Staffel bewährte Mischung aus skurrilen Auftritten, artistischen Fähigkeiten und emotionalen Momenten sein. Der Jury um Casting-König Bohlen präsentierten sich in der zweiten Ausgabe unter anderem ein Penismaler, ein Hypnotiseur, ein Wasserschlucker und zwei Sänger, die für Rührung und Tränen im Publikum und bei van der Vaart sorgten. Und bei RTL dürfte die Hoffnung keimen, doch endlich einmal die deutsche Antwort auf Paul Potts zu finden.
Inszenierte Emotionen
Tanja Grünewald hat ein solches Potenzial, denn sie besitzt alle Zutaten für ein modernes Fernsehmärchen: eine traurige Lebensgeschichte, eine unscheinbare Erscheinung und eine Stimme, die all das vergessen lässt. RTL inszeniert das Ganze gewohnt kitschig, mit Vorgeschichte, trauriger Musik und dem immer wieder eingestreuten Gedenken an ihren toten Vater. Dann tritt Grünewald auf die Bühne vor Jury und Publikum – und es kommt der Susan-Boyle-Effekt. Sie sieht nicht besonders gut aus, wirkt irgendwie fehl am Platz. Die Kamera fängt skeptische Blicke, Gelächter und Augenrollen im Publikum ein. Doch dann beginnt Grünewald zu singen, und erst legt sich Stille über den Saal und schließlich bricht Jubel aus. Grünewald singt "There you'll be" von Faith Hill – und zwar richtig gut. Die Jury ist sichtlich gerührt, das Publikum begeistert. Es sind diese Momente, von denen das "Supertalent" und alle anderen Castingshows leben.
Ein zweiter Auftritt dieser Art ist der von Darko Kordic, einem Maler und Lackierer aus Berlin, der vor einigen Jahren mit der Pop-Formation "Die dritte Generation" einigen Erfolg hatte. Doch der Erfolg blieb nicht, Kordic musste wieder ganz von vorne anfangen. Nun ist er bei RTL angekommen und steht seit fünf Jahren zum ersten Mal wieder auf der Bühne. Und mit seiner Interpretation von Luther Vandross' "Dance with my Father" rührt er vor allem van der Vaart und Darnell zu feuchten Augen.
Der Penismaler
Doch das "Supertalent" ist nicht "Deutschland sucht den Superstar", deshalb gibt es mehr als mehr oder weniger gute Gesangsauftritte. Etwa den Penismaler Timothy Patch. Ja, Sie haben richtig gelesen. Seinen nackten Hintern und entblößtes Glied – von RTL natürlich jugendfrei verpixelt – tunkt der Mann auf der Bühne in Farben und pinselt damit auf einer Leinwand so etwas wie ein Bild zusammen. Das ist gelinde gesagt skurril, und deshalb ist Patch Teil der Show.
Oder der "Waterman" Dickson Oppong. Er trinkt vor dem verwunderten Publikum mehrere 1,5-Liter-Flaschen Wasser, und wie im Saal fragt man sich auch zuhause, ob er noch mehr Fähigkeiten besitzt, als sein Zäpfchen umklappen zu können. Seine gute Laune jedenfalls ist ansteckend. Doch dann zieht Oppong sein T-Shirt hoch und entblößt seinen dicken, mit Wasser prall gefüllten, schwarzen Bauch. "Was kommt jetzt?", fragt man sich zu Recht und im nächsten Moment traut man seinen Augen nicht: Oppong strahlt ins Publikum, zeigt seinen leeren Rachen, setzt an – und spritzt in einer Fontäne das soeben getrunkene Wasser wieder heraus. Wahnsinn. Auch der Jury steht die ungläubige Begeisterung ins Gesicht geschrieben. Für den Sieg beim "Supertalent" wird die Wasserschlucker-Nummer zwar nicht reichen, aber für die nächste Runde schon.
Und so geht es weiter, Auftritt für Auftritt. Mal sensationell artistisch wie bei den Catwall Acrobats, mal unterhaltsam wie bei Tobias Diesner. Ein bereits angekündigter Höhepunkt der Show ist zum Schluss die Hypnose van der Vaarts. Was sie dabei erlebt hat, wird aber erst in der nächsten Folge verraten.
Das verwirrte Publikum
An diesem Abend gibt es noch einen Auftritt, der viel über das Konzept dieser Show und noch mehr über die Manipulierbarkeit des Saalpublikums verrät. Korea Lee tritt mit ihrer Violine auf die Bühne, hübsch, aber etwas unbeholfen mit der deutschen Sprache. Bohlen macht entsprechende Witze auf Kosten der gebürtigen Koreanerin – und im Publikum macht sich der Eindruck breit, dass gerade eine Witzfigur die Bühne betreten hat. Dann beginnt Lee zu spielen, ein klassisches Adagio, traurig und schön zugleich. Doch das Publikum ist bereits anders gepolt, und mit diesem Lied kann es nichts anfangen. Erstes Kopfschütteln, Augenrollen und dann werden die Buhrufe immer lauter. Lee spielt auf der Bühne noch weiter. Dann scheint es, als würde sie abbrechen, sie hält inne, öffnet ihr Haar – und setzt die Geige wieder an. Ein lauter Beat setzt ein – und Lee geigt auf einmal ihre Version des Michael-Jackson-Hits "Smooth Criminal". Das Publikum ist völlig verwirrt und bricht vor lauter Unsicherheit in Jubel aus. Das ist wieder Musik, die sie gewöhnt sind.
Das ist auch Ober-Juror Bohlen nicht entgangen, und genüsslich reibt er das seinem Publikum unter die Nase. Denn er selbst natürlich, der Klassik-Fan erster Stunde, hat das Adagio gleich erkannt und fand es auch viel besser als die Popnummer danach. Korea Lee darf das erst einmal egal sein, sie ist eine Runde weiter.