Unterhaltung

70 Hollerahidis für Otto Waalkes Vom Deichkind zum King of Comedy

imago69953867h.jpg

Otto Waalkes, der ostfriesische Blödelbarde mit der markanten Nase, wird 70.

(Foto: imago/United Archives)

Schütteres blondes Haar, eine aeroflotte Nase und ein Mundwerk, das seit über 50 Jahren Groß und Klein zum Lachen bringt: Wenn es um deutsche Comedy geht, steht der Name Otto Waalkes ganz oben auf der Liste. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag.

21. Mai 1997, Berlin, Waldbühne: 14.000 Kiss-Fans warten geduldig auf den Einmarsch ihrer maskierten Heroen, als plötzlich ein blonder Schlaks die Bühne entert, sich das Mikro schnappt und lauthals in die Menge johlt: "Hollerahidi, ich bin ein kleiner Friesenjung und wohne hinterm Deich. Und jetzt alle ..." Ja, ein Otto Waalkes scheut keine Herausforderung - schon gar nicht, wenn es um vermeintlich unüberwindbare Hürden geht. Egal, ob im Vorprogramm von Rockmaschinen wie Kiss oder Bon Jovi, als Kasperltheater-Maestro im eigenen Vorgarten oder irgendwo auf der Kinoleinwand an der Seite von Sky du Mont, Axel Stein und Mario Barth: Otto nimmt es mit allem und jedem auf.

imago69953869h.jpg

Auf der Bühne braucht Otto nur eine Gitarre, den Rest macht er mit Gesicht und Stimme.

(Foto: imago/United Archives)

Schon als Kind zog es Emdens Vorzeige-Komiker zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Rampenlicht. Mit skurrilen Boogie-Tanzeinlagen auf Kindergeburtstagen und selbstinszenierten Puppentheater-Vorstellungen begeisterte der kleine Otto im ostfriesischen Nirgendwo Jung und Alt.

Die erste Gage präsentierte sich in Form eines Buches und drei nicht sonderlich großen D-Mark-Scheinen. Die mickrige Ausbeute war Otto aber schnuppe. Dem kleinen Friesenjungen ging es nicht ums Geld. Er wollte die Leute einfach nur unterhalten - wahlweise mit spontanen Mätzchen oder seiner ausgeprägten Liebe zur Musik, die ihn nach dem bestandenen Abitur bis in den Hamburger Szene-Club "Onkel Pö" katapultierte.

Die gecoverten Songs von Bob Dylan interessierten nur am Rande

Im "Onkel Pö" applaudierte das Publikum immer am lautesten wenn Otto sich für sein Aussehen entschuldigte oder zwischendurch versehentlich sein Mikrofon fallen ließ. Die gecoverten Songs von Bob Dylan und den Beatles interessierten nur am Rande. So wurde aus dem Musiker Otto Waalkes der Komiker Otto. Und dem standen im Frühjahr 1973 plötzlich alle Türen offen.

Gleich mit seiner ersten selbstproduzierten Langspielplatte "Otto" erklimmt das friesisch herbe Energiebündel die Spitze der deutschen Charts. Das angefangene Kunstpädagogikstudium spielt nur noch eine Nebenrolle. Im Windschatten seiner "Villa Kunterbunt"-Mitbewohner Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen braust Otto auf der Überholspur in Richtung Entertainment-Olymp. Konkurrenz? Fehlanzeige. Otto erinnert sich: "Damals gab es keinen Comedy-Club und auch keine 30 Privatsender. Wer bei den Leuten ankam, der füllte die Hallen und sorgte für Rekord-Einschaltquoten."

106622726.jpg

Otto Waalkes bei der Eröffnung seiner Ausstellung im Caricatura Museum Frankfurt mit einem Ottifanten-Plüschtier. Die Ausstellung läuft noch bis zum 2. September.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bis zum Jahr 1983 verkauft Otto über drei Millionen Tonträger. Hinzu kommen ausverkaufte Blödel-Tourneen und Otto-Fernsehshows zur Prime Time. Mitte der Achtziger werden mehr Plüsch-Ottifanten als VW-Autos produziert - so kommt es einem zumindest vor. Die komplette Republik ist im Otto-Wahn. Auch auf der großen Kinoleinwand hinterlässt das dauergackernde Aushängeschild Emdens große Spuren. Ottos Kino-Debüt "Otto - Der Film" wird zum Kassenschlager. Noch heute tummelt sich die Komödie in den Top Ten der erfolgreichsten deutschen Filmproduktionen aller Zeiten.

Ottos Schlüssel zum Erfolg: die Simplizität des Schaffens. Komik sei keine Wissenschaft, so der Blondschopf. Ein Vers wie "Angeklagter, Ihnen wird zur Last gelegt, Sie hätten an dem Ast gesägt …", unterliegt in puncto Witz keinem Haltbarkeitsdatum. Je einfacher und geradliniger die Basis, desto größer der Ertrag.

Harry Hirsch, Frau Suhrbier und Herbert von Karamalz als imaginäre Wegbegleiter

Noch heute, fast 50 Jahre nach Ottos ersten komödiantischen Gehversuchen, lacht das Publikum am lautesten, wenn der Ostfriese mit der Wandergitarre alte imaginäre Wegbegleiter wie Harry Hirsch, Frau Suhrbier und Herbert von Karamalz mit ins Geschehen einbindet. Aufgepeppt mit wohldosierten Hier-und-jetzt-Pointen präsentiert sich Ottos Spaßpaket im Jahr 2018 wie ein schier unzerstörbarer Hybrid aus alt und neu - eine Mixtur, die in Zeiten von Mario Barth, Dieter Nuhr und Co nur die Wenigsten am Start haben.

Die Menschen lieben Otto Waalkes aber nicht nur wegen seiner generationsübergreifenden Blödel-Trademarks. Der friesische King of Comedy grüßt auch aufgrund seiner geerdeten Umgänglichkeit vom oberen Ende der nationalen Comedy-Nahrungskette.

Die einzigartige Karriere von Otto Waalkes steht auf einem Fundament, das in der heutigen Zeit fast schon archäologischen Wert hat. Keine Drogen, keine Exzesse, kein öffentliches Gehabe: zwei gescheiterte Ehen markieren die einzigen Flecken auf einer ansonsten blütenreinen So-lebe-ich-Weste. Und die passt auch noch an einem Tag, der mit einem Kuchen und 70 brennenden Geburtstagskerzen anfängt, wie angegossen. In diesem Sinne: Hoch die Gläser und auf die nächsten 70 Jahre. Hollerahidi!

Quelle: n-tv.de