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Sozusagen der Walter von der Post: Walter Spahrbier.
Sozusagen der Walter von der Post: Walter Spahrbier.(Foto: picture alliance / Fritz Reiss)
Dienstag, 31. Juli 2012

Vergißmeinnicht: Wer war Walter Spahrbier?

Von Volker Probst

Vor genau dreißig Jahren, am 31. Juli 1982, starb Walter Spahrbier. "Walter … wer?", mögen viele nun denken. Doch wer nicht mehr grün hinter den Ohren ist, weiß, wer Spahrbier war. Wetten dass..? Ach nein, das führt jetzt in die Irre.

Wer kennt das nicht? Manchmal genügen ein paar Worte, ein Name oder ein Begriff, um die Synapsen zum Glühen zu bringen. Bei Kindern der 70er- und 80er-Jahre können das zum Beispiel mehr oder weniger sinnige Buchstaben-Folgen wie Woodpeckers from space, Haysi Fantayzee oder Nickerbocker und Biene sein. Auch bei Wombels und Kimba, Jack Holborn und Rumburak, Mady Riehl und Beate Hopf meldet sich möglicherweise das Großhirn zur Stelle: Da war doch was!

Entdeckt wurde Spahrbier von Peter Frankenfeld (r.).
Entdeckt wurde Spahrbier von Peter Frankenfeld (r.).(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ziemlich entspannt geht es zu, wenn dieser Einsicht sogleich auch die klare Erkenntnis folgt, was da eigentlich war. Geschieht das indes nicht, kann es quälend werden. Dann verflucht man schon einmal denjenigen, der einem diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, über dessen Erklärung man nun verzweifelt brütet. Dank Internet, Google und deren mittlerweile nahezu flächendeckender Verfügbarkeit können nervtötende Erinnerungslücken heutzutage in der Regel schnell geschlossen und der Schmerz des Nachdenkens so gelindert werden. Selbst wenn es nur ein Phantomschmerz war - schließlich kommt man ja ab und an auch zu dem Schluss, dass man sich die Erinnerung dann vielleicht doch nur eingebildet hat und die Sache in Wahrheit an einem vorbeigegangen ist.

Im Falle von Walter Spahrbier ist dies allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so. Jedenfalls nicht, wenn Sie der Alterskohorte 40plus angehören sollten. Nun gut, auch 35 könnte eventuell noch ausreichen - vorausgesetzt, Sie haben ihre Kindheit bereits seit dem Krabbelalter vor der Glotze verbracht und besitzen ein Elefantengedächtnis.

"Der Name sagt mir was"

Unsere jüngeren Leser können an dieser Stelle also getrost wegklicken - für sie hält dieser Text kaum einen Erkenntnisgewinn bereit. Denjenigen im etwas fortgeschrittenen Alter dürfte es indes vielfach gehen wie den alten Säcken in unserer Redaktion bei einer Blitzumfrage: Ein spontanes Aha-Erlebnis hat bei der bloßen Namensnennung von Walter Spahrbier eigentlich niemand. Während die einen die Frage nach ihm mit bloßem Kopfschütteln quittieren, tappen die andern in die typische Grübel-Falle: "Walter Spahrbier? Spahrbier, Spahrbier … Also, der Name sagt mir was." Erläutert man den Befragten aber dann, wer Walter Spahrbier war, rufen grob geschätzt 96,8 Prozent sofort aus: "Ach so! Der!" Der kümmerliche Rest indes wuchs vermutlich mit Rabeneltern ohne Fernseher auf.

Und erinnern Sie sich auch an sie noch? Wim Thoelke und seine Assistentin Beate Hopf.
Und erinnern Sie sich auch an sie noch? Wim Thoelke und seine Assistentin Beate Hopf.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Da wir als Nachrichtenseite natürlich auch ein gewisses Helfersyndrom haben, wollen wir Sie nun jedoch nicht länger quälen. Stattdessen schätzen wir uns stolz und glücklich, zumindest in diesem einen Fall mal den Verbandskasten auspacken und den Schmerz lindern zu können: Walter Spahrbier war Postbote. Um genau zu sein: Er war DER Postbote. Noch genauer: der Glückspostbote.

Als solcher war er fast 30 Jahre lang eine Institution im deutschen Fernsehen. Von Entertainer Peter Frankenfeld entdeckt, trat er bereits ab 1954 in Shows wie "1:0 für Sie", "Bitte recht freundlich" und "Guten Abend" auf. Als mit Frankenfelds Sendung "Vergißmeinnicht" die "Aktion Sorgenkind" ins Leben gerufen wurde, oblag es Spahrbier fortan, in seiner Briefträgermontur die Siegerlose aus seinem Lederranzen zu ziehen und die Gewinner zu verkünden.

Wie Wum und Wendelin

Vielen dürfte Spahrbier allerdings zuvorderst noch an der Seite von Wim Thoelke vorschweben. Der beschäftigte den Postboten ab 1970 zunächst in seiner Show "Drei mal Neun" und schließlich ab 1974 in "Der Große Preis". Wer bitte hat schon Wum und Wendelin vergessen? Doch tatsächlich gehörte Spahrbier nicht weniger zu der Sendung als Wums "Thoe-oe-oe-lke"-Rufe und sein Satz "Stichtag für den Großen Preis - Samstag in acht Tagen".

Auch beim "Großen Preis" durfte Spahrbier die Ziehung der Gewinner aus der "Aktion Sorgenkind" leiten - mit Hilfe eines Ehrengasts, der mit verdunkelter Brille auf der Nase die Siegerlose aus einer Trommel fischte. Und Spahrbier durfte uns in die Schönheiten des Zusteller-Gewerbes einführen - anhand historischer Postuniformen, von denen er Monat für Monat eine andere präsentierte.

Anders als heute oftmals üblich, war der 1905 geborene Spahrbier kein Statist in Verkleidung, sondern tatsächlich ein waschechter Hamburger Postbote. Und er blieb es bis zum Schluss - abgesehen von einer minimalen Aufwandsentschädigung habe er nie mehr als sein Beamtengehalt bekommen, wird kolportiert. Dafür wurde ihm eine andere Ehre zuteil - mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes aufgrund seines Engagements für die "Aktion Sorgenkind".

Warum wir Ihnen an dieser Stelle all das über den "Walter von der Post", aber nichts über zum Beispiel Beate Hopf erzählen, fragen Sie sich? Na, weil Spahrbier vor genau dreißig Jahren, am 31. Juli 1982, gestorben ist, ausgerechnet kurz vor dem 100. "Großen Preis". Und hätten wir nicht an ihn erinnert, dann hätte es womöglich niemand getan. Das allerdings wäre doch wirklich zu schade.

Quelle: n-tv.de