Unterhaltung

Diskussion um rechte Verlage Wie tolerant darf eine Buchmesse sein?

5dfcdadc6f93cf8a60ffe785e37cd9a8.jpg

Diese Fragen sollten wir uns in diesen Tagen wirklich alle noch einmal stellen!

(Foto: imago images/Hannelore Förster)

"Wie wollen wir leben?" Das ist das Motto der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt. Gute Frage! So jedenfalls nicht: Da rechte Verlage auf der Messe willkommen sind, sagen einige Autorinnen und Autoren ihre Teilnahme ab. Sie fühlen sich nicht sicher. Ist das wirklich Deutschland 2021?

Die Wellen schlagen hoch und das ist auch gut so. Während im Bundestag noch darum gestritten wird, wer in Zukunft neben der AfD sitzen muss (keiner möchte das), spazieren die Rechten seelenruhig auf der Buchmesse in Frankfurt ein und aus. Man nimmt in der Stadt am Main dafür in Kauf, dass sich PoC, jüdische, queere oder Autoren anderer sogenannter Minderheiten - Frauen zum Beispiel - dort nicht mehr hintrauen und ihre Termine schweren Herzens absagen.

Worum geht es? Darum, dass die Frankfurter Buchmesse wiederholt auch rechten Verlagen die Möglichkeit zum Ausstellen ihrer Bücher gibt, zum Beispiel dem Verlag "Jungeuropa", der von dem Rechtsextremen Philip Stein geleitet wird. Buchmessen-Direktor Juergen Boos verteidigt dieses Vorgehen bei der Eröffnungs-Pressekonferenz und sagt, die Messe müsse auch die Meinungen und die Präsenz von Menschen aushalten, die sie lieber nicht hier hätte. Was er nicht bedenkt: Damit öffnet er diesen die Tür und verschließt sie denen, die in unserer Gesellschaft Schutz brauchen. Boos weiter: "Es muss uns nicht gefallen, aber es muss möglich sein, weil Meinungsfreiheit für uns das höchste Gut ist."

Ist das eine neue Form von Liberalität? Bitte nicht. Muss man oder frau es denn tatsächlich aushalten, mit einem Rechten auf ein und demselben (blauen) Sofa zu sitzen und zu diskutieren? Man muss sich Rechtsradikalen entgegenstellen, man kann aber nicht verlangen, dass die, die direkt von diesen Personen angegriffen werden, auf einer Buchmesse, auf der sich jeder frei bewegen können sollte, ausgerechnet dort aufeinandertreffen. Als Erstes hat daher Autorin Jasmina Kuhnke ihren Auftritt abgesagt, andere folgten. Und folgen weiterhin.

Man fragt sich, was Rechtsextremismus in einer Demokratie zu suchen hat? Auf einer Buchmesse? Ob wir nichts aus der Geschichte gelernt haben? Haben wir diese Probleme - Rechtsextremismus, Faschismus mit all seinen Auswüchsen - nicht tagtäglich vor Augen? Der Fall Gil Ofarim. Der Fall der 96-jährigen KZ-Sekretärin, die momentan der Beihilfe zu Mord und Beihilfe zu versuchtem Mord in mehr als 11.000 Fällen angeklagt wird, weil sie zwischen 1943 und 1945 in der Kommandantur des Lagers tätig war.

Das sind nur ein paar Beispiele, die uns vor Augen führen, dass Themen wie Rechtsextremismus, Rassismus, Judenhass, Unterdrückung, in unserem Alltag ständig präsent sind. Wie kann man diese Tendenzen also ernsthaft verleugnen wollen?

Was ist das für eine "Gesellschaft"?

Juergen Boos ist jedoch nicht der Einzige, der rechte Verlage auf der Buchmesse dulden möchte. Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins, ist der Meinung, es sei "ein Konflikt, mit dem wir leben müssen. Das bildet die Gesellschaft ab." Ein Konflikt, mit dem wir leben müssen? Wo sind wir denn, dass wir neuerdings - oder wieder oder immer noch? - einfach hinnehmen, dass ein ultrarechtes Spektrum ganz selbstverständlich "unsere Gesellschaft" abbildet? Meine Gesellschaft und die vieler anderer ist das jedenfalls nicht! Hier geht es zur Unterschriftensammlung, bei der bereits viele namhafte Künstler, Journalisten, Autoren und andere Personen dabei sind.

Die Frankfurter Bildungsstätte "Anne Frank" weist noch einmal ausdrücklich auf die "chaotischen Szenen, die durch rechtsextreme Akteure auf der Messe 2017 entstanden sind", hin. Es sei "ein Desaster für unsere offene Debattenkultur, wenn sich Betroffene von Rassismus von der Frankfurter Buchmesse zurückzögen", so Direktor Meron Mendel. Und es ziehen sich immer mehr zurück. Weil sie eben nicht neben Nazis oder Rassisten auf einem Sofa sitzen oder einen Stand haben wollen.

Haltung zeigen

Auch Annabelle Mandeng, die ihr Buch "Umwege sind auch Wege" vor Kurzem herausgebracht hat, bleibt der Messe fern. Im Gespräch mit ntv.de sagt Mandeng: "Die aktuelle Situation in Deutschland erfordert, dass Grenzen gezogen werden. Rassismus und Antisemitismus haben nichts mit Meinungsfreiheit und Demokratie zu tun. Menschen wie Philipp Stein und seinem Verlag Raum zu geben und das abzutun als 'man müsste Leute ertragen, auch wenn man sie nicht gerne mag', wie das der Direktor der Buchmesse gegenüber der 'Hessischen Rundschau' gesagt hat, geht einfach nicht."

Die Schauspielerin und Autorin möchte, wie viele andere auch, Haltung zeigen: "Den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass 'es' vorbeigeht, reicht nicht. Die Buchmesse sollte ihre Ansicht dazu ändern." Für Mandeng bedeutet ihr Fernbleiben von der Messe ganz sicher finanzielle Einbußen, aber sie betont: "Das ist meine Einstellung und die ändere ich auch nicht für Geld. Genau wie Jasmina Kuhnke, Nikeata Thompson, Riccardo Simonetti und andere, die dort ebenfalls nicht erscheinen werden."

Fest steht: Wir können die Augen vor Rassismus und Faschismus nicht verschließen, aber ist der Platz auf einer Buchmesse wirklich der richtige Ort, um diesen Austausch zu suchen? Was sagt es über ein Land aus, dass das Erscheinen einer Autorin wie Jasmina Kuhnke vorher "aus Sicherheitsgründen" nicht offiziell angekündigt wurde? Die Aktivistin für Frauenrechte, gegen Rechtsextremismus und für Minderheiten wollte, ebenso wie Mandeng, auf der Bühne über ihre Geschichte als Schwarze sprechen, die in Deutschland aufwächst.

Noch einmal - dass Kuhnkes Kommen aus Sicherheitsgründen vorher nicht angekündigt wurde, spricht Bände. Wer möchte sich tagelang, Stand an Stand, mit Nazis und deren Sympathisanten befinden? Wer möchte sich mit Menschen, die vor Handgreiflichkeiten nicht zurückscheuen, eine Bühne oder ein Sofa teilen? Das ist nicht zumutbar. Die Gesellschaft Deutschlands sollte wirklich besser wissen, was die Geschichte deutschen Autorinnen und Autoren schon einmal angetan hat.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.