Staffelstart von "Voice of Germany"Zu viel Jury für viel gute Musik

Auch in der dritten Staffel von "The Voice of Germany" zeigt Pro 7 im Gegensatz zu anderen Casting-Formaten Musiker mit Talent. Doch wenn große Stimmen nur als Füllwerk für Juroren dienen, die sich permanent selbst darstellen, fragt man sich als Zuschauer: Soll ich meine Fernsehcouch nicht auch langsam anheben und umdrehen?
Die Pro7-Show "The Voice of Germany" will anders sein. Es kommt nicht aufs Äußere an, so das Credo. Wer gut singen kann, bekommt seine Chance - egal, ob er eine Zahnlücke, spröde Haare oder einen großen Busen hat. Die Jury, die, anders als in anderen Casting-Formaten, mit dem Rücken zur Show-Bühne sitzt, soll die Teilnehmer einzig und allein für ihre gesangliche Leistung bewerten. Bei Gefallen darf der Juror den Buzzer drücken, sein Sessel dreht sich Richtung Bühne und er erklärt sich damit bereit, das ungekrönte Musiktalent in den Pophimmel zu coachen.
In der nun angelaufenen dritten Staffel der Show bilden 80er-Ikone Nena und Country-Rocker The BossHoss, die inzwischen zum Inventar der Show gehören, mit Rapper Max Herre ("Es rappelt im Karton") und dem finnischen Sänger Samu Haber ("Die Finnen haben's ja faustdick hinter den Ohren") die neue Jury. Und geben "The Voice of Germany", wofür in anderen Casting-Formaten die Kandidaten sorgen: den Fremdschämeffekt. So wird sich beispielsweise peinlichst gegenseitig geneckt, man turnt auf den Sitzen herum, tanzt oder wirft sich gelegentlich auch schon mal auf den Boden, wenn einen die Darbietung "komplett flasht".
Doch damit nicht genug: Um an das "Coaching" für einen erfolgreichen Musiker in spe zu kommen, wird sich verneigt und niedergekniet und gerne auch: "Ich liebe dich" und "Ich würde alles für dich tun" gesagt. Permanent durchströmt die Profimusiker bei den potenziellen Nachwuchstalenten Gänsehaut-Feeling. Und zwar dermaßen intensiv, dass sie gelegentlich ihre Arme in die Kamera halten, um zu zeigen, dass sich sogar die kleinen Härchen aufgestellt haben. Auch das Herz pocht mehr als normal - Dedumm, Dedumm, Dedumm. Ein Wunder, dass die Juroren beim normalen Radioprogramm nicht permanent 112 wählen müssen.
Fremdschäm-Feeling und Gänsehaut-Moments
Wo die Jury vor lauter alberner Zurschaustellung ihrer großen Gefühle ihren Job vernachlässigte, punkteten die Teilnehmer umso mehr. Denn die musikalischen Einlagen konnten sich wahrlich hören lassen. Zum Auftakt der "spannendsten Staffel ever" traten zwölf Gesangstalente an. Manche von ihnen rissen die Juroren so dermaßen von ihren Sitzen, dass sie zwischen allen Coaches frei wählen konnten.
Der Kölner Nico war beispielsweise so ein Glückspilz. "Die Soulbombe vom Feinsten" bekam von der finnischen Rockröhre Samu direkt "199 Luftballon-Prozent". Ganz zur Freude von Nena versteht sich. Rapper Herre warb um den Kandidaten, weil er der Meinung war, er "bringe das Salz zum Kochen". Einer der musikalischen Absahner war auch Gerüstbauer Dolo, der extra von der größten Baustelle Ambergs auf die Show-Bühne gewechselt war. Mit seiner Performance sorgte er für zusätzliche "Magic Moments", wie es im Glitzer-Pro7-Duktus so schön heißt.
Musikalisch waren die Darbietungen, mit kleinen Abstrichen, auf Augenhöhe. Die 16-jährige Debbi aus Geilenkirchen ("Hysterischer Gute-Laune-Flummi"), lieferte zwar einen starken Auftritt ab, ruinierte ihren Auftritt aber durch ihre nervige Girlie-Attitüde. Nader, der zwar bereits aussieht wie ein Rockstar, aber noch keiner ist, hatte den Bonus, dass er bereits seit zehn Jahren in Nenas Tour-Band spielt ("Halt bloß deine Schnauze, wenn du du dich bei 'Voice of Germany' anmeldest und sag's mir nicht"). Dann gab es noch einen jungen Mann, der schön auf Deutsch sang und eine Dame, namens Albuena, die im Friseursalon von Udo Walz rumstylt und mindestens so gut singen wie Haare schneiden kann.
"Ein Traum, der noch nicht zu Ende geträumt ist"
Keiner der Teilnehmer ließ es sich nehmen, die Jury explizit auf seine Leidenschaft hinzuweisen, die da wäre: Na? Genau. Natürlich die Musik! Wäre ja im Leben keiner drauf gekommen! Der eine jedenfalls lebt gerade seinen Traum, der andere glaubte noch zu träumen: kollektives Traumleben, ein wenig wie in der "Matrix". Die ebenfalls ihren Traum auslebende Laura bekam von Nena ohne Umschweife attestiert, "dass sie voll bei sich ist, mit allem, was sie so fühlen kann". Und bei Kandidatin Kathrin bedauerten The BossHoss hinterher, den Buzzer nicht gedrückt zu haben. Weil sie nämlich granatenmäßig aussieht! So ein Pech aber auch.
Es war eine Show der Gänsehautattacken, ehrlichen Gefühle und Überraschungen. So überzeugte Jonas aus Bielefeld, optisch eine Mischung aus Bankangestelltem und Zeugen Jehovas mit einem emotional gesungenen Rihanna-Song. Und der Überraschungskandidat, den auch die Zuschauer nicht sehen können - ein Novum der dritten Staffel -, entpuppte sich als George McFly der Musik.
Das Beste kam, wie gewöhnlich, zum Schluss. Andreas, der ein bisschen aussieht wie ein Sprössling der Ludolfs und - wie er selbst sagt - auf Optik pfeift, war der Überflieger des Abends! Sein Auftritt war, wie Nena bewies, in der Tat zum Niederknien. Alle Juroren verneigten sich und stürmten auf die Bühne, um den sympathischen und zurückhaltenden kleinen Mann mit der großen Soul-Stimme inniglich zu umarmen. Andreas, "der König der Sänger" erinnerte alle an Woodstock und sorgte für einen der "schönsten Momente", den Nena in den drei Jahren erlebt hat.
Nach zweieinhalb Stunden gesanglicher Leckerbissen, durchsetzt von Musik-Größen, die Anbiedern zur Tugend machten (selbst in den Werbeeinblendungen bleibt dem strapazierten Zuschauer ein swingender Max Herre nicht erspart), war letzten Endes die Art der Inszenierung der dickste Strich durch die Rechnung. Die Sendung wirkte im Nachhinein wie ein stundenlanger Trailer. Hektisch zusammengeschnittene Kommentare der Jury, in Abwechslung mit Porträts der Kandidaten, in deren Showeinlagen auch noch die mitfiebernden Verwandten und Freunde eingeblendet wurden. Natürlichkeit und Spontanität auf Knopfdruck. Eine Prise weniger Jury und einen Hauch mehr Zeit für Kandidaten wäre für die nächste Show gewiss das bessere Konzept.